Wirtschaft: Automarkt in Russland im Detail Riskantes Spiel

17.05.2014

Die Folgen der Krim-Krise bremsen den Automarkt in Russland aus. Das Ende des Booms gefährdet die Wachstumspläne von VW, Renault und Co., die in den letzten Jahren Milliarden in Putins Reich investiert haben

Wladimir Putin zahlt für den Anschluss der Krim einen hohen Preis: Die Folgen des Konflikts mit dem Westen beschleunigen den Abwärtstrend der russischen Wirtschaft. Das Land leidet unter dem Absturz des Rubels und einer hohen Inflation. Dazu kommt die zunehmende Kapitalflucht: Im ersten Quartal 2014 flossen fast 51 Milliarden Euro aus Russland ab. Die Weltbank warnt bereits vor einer schweren Rezession. Auch der Automarkt in Russland bleibt von den wirtschaftlichen Problemen nicht verschont: Insider rechnen in diesem Jahr mit einem Rückgang der Verkäufe um sieben bis zehn Prozent. Erst für 2016 gehen sie von einer dauerhaften Erholung aus.

 

Automarkt Russland: Der zweitgrößte Automarkt Europas

Dabei zählte Russland neben China, Indien und Brasilien zu den Märkten der Zukunft. Im letzten Jahrzehnt stieg Putins Reich zum zweitgrößten  Automarkt Europas nach Deutschland auf. 2013 wurden rund 2,6 Millionen Neuwagen zwischen Kaliningrad und Wladiwostok verkauft – das bedeutet einen satten Zuwachs von 70,9 Prozent seit 2005. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Autoproduktion im Land. Der Boom der Fabriken geht vor allem auf ausländische Investoren zurück. Allein in den letzten sieben Jahren wurden in Russland zehn neue Standorte eröffnet. Putin lockte die internationalen Konzerne  mit Steuererleichterungen und drohte gleichzeitig mit hohen Importzöllen und Abgaben.

So hat etwa der VW-Konzern 2007 in Kaluga ein neues Werk errichtet. Bisher investierten die Wolfsburger 1,3 Milliarden Euro im ehemaligen Boomland. „Russland ist für VW der strategische Wachstumsmarkt Nummer eins in Europa“, so Konzernchef Martin Winterkorn noch im November 2013. In den nächsten vier Jahren plant VW weitere Investitionen in Höhe von 1,2 Milliarden Euro, darunter ein Motorenwerk in Kaluga und ein Logistikzentrum nahe Moskau.

Noch stärker als VW hat sich jedoch Renault-Nissan in Russland engagiert. Die französisch-japanische Allianz besitzt nicht nur zwei eigene Werke in Moskau und St. Petersburg. Zusammen mit dem russischen Staatskonzern Rostec kontrolliert sie auch den größten einheimischen Autobauer AvtoVAZ, der seine Modelle unter dem Markennamen Lada verkauft. In den letzten Jahren leistete Renault-Nissan technische und finanzielle Hilfe, um die hoffnungslos  veraltete Modellpalette  des einstigen Staatsunternehmens zu erneuern. So wird etwa die letzte Generation des Dacia Logan Kombi als Lada Largus verkauft.

Zwar ist Lada weiterhin der dominierende Hersteller in Russland. Doch der Marktanteil fiel in den letzten Jahren stetig: 2013 erreichte er mit 16,4 Prozent einen vorläufigen Tiefpunkt. Das erfolgreichste Modell war der Lada Granta. Der Stufenheck-Kleinwagen tritt etwa gegen den Dacia Logan an, der – wie  übrigens alle aktuellen Dacia-Modelle – in Russland als Renault verkauft wird. Doch Lada bekommt zunehmend Konkurrenz von Hyundai und Kia. Die vor Ort produzierten Kleinwagen der Koreaner sind viel moderner, aber fast genauso günstig.

Auch General Motors hat Verbindungen zu AvtoVAZ: Die Amerikaner sind an einem gemeinsamen Joint Venture in Togliatti beteiligt. Außerdem fertigen die russischen Firmen Avtotor und GAZ Chevrolet- sowie Opel-Modelle. Russland ist der wichtigste Wachstumsmarkt für die Marke mit dem Blitz, da Opel in den meisten Boomländern nicht vertreten ist.

Doch Putin lässt die großen Autokonzerne nicht daran zweifeln, wer in Russland den Ton angibt. Noch als Ministerpräsident hatte er das Dekret 166 erlassen: Ausländische Konzerne können von reduzierten Einfuhrzöllen auf Bauteile profitieren, wenn sie ihre Produktion in Russland auf mindestens 300.000 Fahrzeuge jährlich steigern. Dafür haben sie bis 2016 Zeit. Ab 2012 forderte  Putin  parallel  für  jedes Importauto eine Recyclinggebühr von bis zu 2700 Euro.

Der Automarkt in Russland kann jedoch keine ununterbrochene Erfolgsgeschichte wie der chinesische vorweisen – in den letzten Jahren kam es nach kurzen Boomphasen immer wieder zu Rückschlägen. So halbierte sich der Verkauf von Neuwagen nach der Finanz- und Wirtschaftskrise. Auch 2013 erlebte der Automarkt einen erneuten Dämpfer - der Absatz sank um 5,7 Prozent.

 

Russland: Günstige Kleinwagen mit geringen Margen

Im Gegensatz zu China verkaufen sich in Russland vor allem Billigautos und Kleinwagen: Die drei Topseller im Land gibt es schon für umgerechnet unter 10.000 Euro. Daher fallen die Margen der Hersteller gering aus. Gleichzeitig sind die Lohnkosten vor Ort aber deutlich höher als in China oder Indien – zudem fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Und die russische Bürokratie verteuert und verlangsamt alle Entscheidungen.

So wird der drohende Rückgang des Automarkts vor allem die westlichen Volumenhersteller treffen. Gewinner könnten die Chinesen sein: Die Modelle von Geely, Great Wall und Lifan sind noch günstiger als die Billigautos von Lada, Renault und Hyundai. Wenn zwei sich streiten, freut sich eben oft der Dritte.

Markus Bach

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