Rolls-Royce Phantom 10 EX: Seltene Autos Roaring Twenties

26.10.2014

In den wilden Zwanzigern verfiel sogar Rolls-Royce dem Rausch der Geschwindigkeit. Um „Emily“ Flügel zu verleihen, entstand „10 EX“, der berühmteste Prototyp der Firmengeschichte

Dort, wo Automobile in den Rang von Kunstobjekten erhoben werden, fühlt sich Rolls-Royce seit Gründung der Firma vor 110 Jahren zuhause. Der später zum „Silver Ghost“ geadelte Typ 40/50 hp war ein qualitativ so beeindruckendes Fahrzeug, dass die Firma Rolls-Royce behaupten konnte, die besten Autos der Welt zu bauen.

Das Nachfolgemodell „Phantom“ trat 1925 an, um diesen Nimbus zu verteidigen, und musste gleichzeitig den wirtschaftlichen Erfolg festigen, denn Rolls-Royce betrieb seit 1920 ein Montagewerk für den amerikanischen Markt in Springfield, Massachusetts.

Das Unterfangen wäre zweifellos perfekt geglückt, wenn Henry Royce außer den Ansprüchen der hochadeligen Stammkundschaft auch die Wünsche einer jüngeren und nicht minder wohlhabenden Klientel berücksichtigt hätte, die sich nicht chau eren ließ, sondern lieber selbst das Steuer in die Hand nahm.

Sie konfrontierte Rolls-Royce mit einem unerwarteten Kritikpunkt: Der Phantom sei nicht schneller als der Ghost und damit trotz 7,7 Liter Hubraum eindeutig zu langsam. Um zu verstehen, warum die Käufer des teuersten Autos der Welt plötzlich den „Need for Speed“ verspürten, tauchen wir gedanklich ins Jahr 1925 ein. Die „Roaring Twenties“ hatten ihren Beinamen nicht ohne Grund.

Der Erste Weltkrieg war beendet, auf Seiten der Sieger gab es Geld und Grund zum Feiern. Die vergnügungssüchtige High Society stürzte sich in neue Abenteuer. Die Damen von Paris und New York trugen gewagte Frisuren und kesse Hütchen, zeigten schlanke Waden und tanzten imJazzclub zu rasanten Rhythmen wie Tommy Dorseys Version von „Sweet Georgia Brown“.

 

DIE HIGH SOCIETY IM TEMPO-RAUSCH

Die Herren hingegen erfasste ein anderer Geschwindigkeitsrausch. Malcolm Campbell und Henry Segrave durchbrachen mit ihren Weltrekordwagen die 240 km/h-Barriere. In Le Mans wurde ein neuartiges 24-Stunden-Rennen ausgetragen. Die Berliner AVUS und der Rundkurs von Monthléry bei Paris versprachen aufregende Automobilrennen mit höchsten Durchschnittstempi.

Französische Wagenbauer führten eine neue Karosseriemode ein, die vor allem bei den mit „Aeroplanen“ vertrauten Automobilherstellern wie Voisin und Farman Anklang fand: den leichten offenen Viersitzer mit Bootsheck im „Ski “- oder „Torpedo“-Stil, oft mit V-förmig geteilten Windschutzscheiben vor den voneinander getrennten Plätzen der ersten und zweiten Sitzreihe.

Labourdette realisierte so einen Aufbau 1921 auch auf dem Chassis eines Silver Ghost. Um der Kritik nachzuspüren und zu ermitteln, welches Tempo der neue Rolls-Royce maximal erreichen konnte, erhielt der hauseigene Zeichner Ivan Evernden auf Initiative von Direktor Claude Johnson den Auftrag, in diesem Stil eine Sport-Karosserie für das Phantom-Chassis zu entwerfen.

Dieser „Experimental Sports Tourer“ wurde 1925 bei Barker in London gefertigt und auf das Chassis Nummer „10 EX“ gesetzt.

Zwei Jahre lang testete Rolls-Royce mit diesem Fahrzeug den Einfluss von Karosserieänderungen auf die Fahrleistungen und erprobte technische Modifikationen. Das Auto avancierte zum berühmtesten „Concept Car“ der Rolls-Royce-Geschichte und kann derzeit neben weiteren herausragenden Exponaten in der Jubiläumsausstellung im BMW Museum bewundert werden.

 

NACKTE ANMUT: LEICHTBAU DURCH WEGLASSEN

Neben den üppig ausstaffierten Prunkkarossen, wie sie bei Rolls-Royce damals üblich waren, wirkt der offene Tourenwagen geradezu nackt. Anstelle voluminös geschwungener Kotflügel fangen knapp geschnittene Schutzbleche den aufgewirbelten Straßenstaub ab. Schlanke Trittleisten ersetzen die über die volle Länge laufenden „Running Boards“. Kurze, schräggestellte Frontscheiben dienen kaum als Wetterschutz.

Die Karosserie fällt nicht länger aus als nötig. Das Hochplateau der Motorhaube läuft nahtlos in die Schulterlinie über und mündet in ein sanft abfallendes Heck, welches die beiden Reserveräder aufnimmt. Diese Lösung wurde im Dezember 1926 im Rahmen eines größeren Umbaus bei Barker realisiert.

Ernest Hives hatte bei Testfahrten eine Kunstform angewandt, die bei Rolls-Royce bis dahin nie in Erwägung gezogen worden war: die des Weglassens. Nach und nach demontierte er überflüssige Bauteile und notierte den Geschwindigkeitszuwachs – sowie einige Fahrwerksmängel, die dem hohen Chassis-Gewicht und den damit überforderten Hartford-Reibungsdämpfern an der Hinterachse geschuldet waren.

Auf der Rennstrecke von Brooklands erreichte „10 EX“ im September 1927 respektable 91,2 mph (146,6 km/h). Ein als Referenz mitgenommener Phantom mit herkömmlichem Tourenwagen-Aufbau strich im Vergleich bei 125,8 km/h die Segel. Als Hives auch noch die Kotflügel abmontieren ließ, knackte „10 EX“ sogar die 150 km/h-Marke.

Rolls-Royce nutzte das Auto danach noch einige Jahre zu Demonstrationszwecken wie im Rahmen des Wasserflugzeug-Wettbewerbs in Venedig, bei dem die Firma 1929 und 1931 mit Erfolg antrat. Danach wurde „10 EX“ an einen Londoner Privatier verkauft. Ab 1952 verbrachte das Auto viele Jahrzehnte in der Obhut der Familie Meredith-Owen in Oxfordshire.

Als eine Vollrestaurierung anstand, konsultierte der Besitzer den Designer Ivan Evernden. Dieser schlug vor, der Karosserie anstelle des 1925 verwendeten Grautons eine Zweifarb-Lackierung in Blau und Crème angedeihen zu lassen und fertigte eine entsprechende Skizze an, die exakt befolgt wurde.

Die Hochgeschwindigkeitstests mit „10 EX“ machten aus Rolls-Royce zwar keinen Sportwagenhersteller, doch sie zeigten langfristig Wirkung: Schon 1929 präsentierte die Firma den „New Phantom“ – mit gleichem Motor, aber wesentlich besserem Fahrwerk und höherer Endgeschwindigkeit.

ROLLS-ROYCE PHANTOM 10 EX (Bj.: 1925): Technische Daten und Fakten
Antrieb
R6-Zylinder, vorne längs eingebaut; 2-Ventiler; eine seitliche Nockenwelle (ohv); Doppelzündung; Hubraum: 7668 cm3; Bohr. x Hub: 108,0 x 139,7 mm; Leistung: ca. 79 kW/108 PS bei 2750/min; maximales Drehmoment: k.A.; Viergang-Getriebe; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Offene Tourenwagenkarosserie mit vier Türen; Radaufhängung vorn: halbellipt. Blattfedern; hinten: Ausleger-Federn; v./h. hydraulische Dämpfer; Bremsen: v./h. Trommeln, Servo; Reifen: 7.00-21, Drahtspeichenräder
Eckdaten
L/B/H: k.A.; Radstand: 3658 mm; Chassis-Gewicht: 1880 kg; Baujahr: 1925
Fahrleistungen*
Höchstgeschw.: 146,6 km/h
*Werksangaben

Karsten Rehmann

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