Reportage: Qualitätssicherung bei Audi 2012 Schnelle Eingreiftruppe

07.09.2012

Penibel überwacht Audi die Entwicklung seiner Modelle – AUTO ZEITUNG begleitete die Qualitätssicherer bei einer Abnahmefahrt in den USA

Der tiefschwarze Lack des Audi R8 glänzt in der flirrenden Mittagssonne. Das Thermometer zeigt 33 Grad Celsius. Es ist High Noon irgendwo im US Bundesstaat Colorado. Der neue R8, der demnächst auf den Markt kommt, stammt noch aus der Vorserie und ist leicht getarnt. Obwohl die Sonne lacht, strahlt Werner Zimmermann, Leiter der Qualitätssicherung bei Audi, nicht.

Nach der ausgiebigen Probefahrt mir dem neuen Auto stehen wir nun auf einem Parkplatz auf fast 2.000 Meter Höhe in den Rocky Mountains, sein Kollege aus der Qualitätssicherung schreibt die Punkte seines Chefs minutiös fürs Protokoll mit. Die Verkleidungen an der A-Säule sind leicht verzogen und lose, die Getriebeabstimmung ist unbefriedigend und der Teppich nicht gut verlegt. „Das Auto ist insgesamt lieblos aufgebaut“, so das gnadenlose Urteil von Zimmermann.

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Es sind oftmals Kleinigkeiten, und die meisten Kunden würden sie nicht bemerken. Doch Kleinigkeiten gibt es für Werner Zimmermann nicht. Die sprichwörtliche Verarbeitungsqualität von Audi lässt keine Kompromisse zu, deshalb unternimmt die Marke mit den vier Ringen alles, um weiter Benchmark zu sein und die Kunden zufrieden zu stellen. „Das Auto braucht Zuwendung bis zum Ende der Produktion“, sagt der gebürtige Bad Tölzer mit Nachdruck in der Stimme.

 

VIELE LEUTE BRÄUCHTEN EINE LUPE

Für die Qualität wird deshalb bei Audi viel getan. Alles beginnt mit der internen Marken-Abnahmefahrt, bei der relevante Wettbewerber im Vergleich bewertet werden. Dann folgt die Konzern-Abnahmefahrt, an der alle Markenvorstände, selbstverständlich auch VW-Boss Martin Winterkorn, teilnehmen. Kommen die Autos dann schließlich auf den Markt, geht es weiter mit der Breitenabsicherung. Hierbei werden die Infotainment-Systeme, also Telefon, Navigation und iPhone-Verbindungen, maximal belastet.

Auch die Mitarbeiter- und die Dienstwagen-Flotten geben wertvolle Rückschlüsse über Praxistauglichkeit und Qualität der Autos. Doch das reicht den Ingolstädtern noch lang nicht. Zwei Jahre lang werden verschiedene Modelle unter dem Begriff der „Freibewitterung“ den härtesten Klimabedingungen in Südafrika, Texas und dem Nahen Osten unterzogen. Dabei stehen alle Materialien auf dem Prüfstand: Korrodieren die Bleche, bleichen die Farben aus, welche Ausdünstungen haben die Kunststoffe?

Acht Autos hat Zimmermann diesmal mit seiner Mannschaft dabei, und seinem Argusauge entgeht nichts. Beim A6 3.0 TFSI findet er die Fasern bei der Abdeckung im Kofferraum zu lang, andere bräuchten dazu eine Lupe, um dies festzustellen. Dann sieht er einen losen Kabelclip im Motorraum. „Das Schicksal eines Qualitätssicherers, wir finden alles“, seufzt der Bayer. Seit 1976 ist der passionierte Angler Werner Zimmermann bei Audi, begonnen hat er nach seiner Ingenieursausbildung für Kraftfahrzeugtechnik als Trainee bei Audi, schließlich wurde er irgendwann Assistent bei Martin Winterkorn.

Wer die Winterkorn-Schule besteht, der muss was können. Schließlich wurde Zimmermann Qualitätschef im Werk Neckarsulm und ist seit 2000 Qualitätschef der Marke Audi. Dass die Ingolstädter in den Vergleichstests der AUTO ZEITUNG die Qualitätsbewertung fast immer für sich entscheiden, hat viele Gründe. Eines der Zauberwörter heißt Spaltmaße, und so ist die Spaltlehre eines der Hauptinstrumente von Werner Zimmermann.

Der Philosophie des Konzerns folgend, müssen die Spaltmaße so gering wie möglich sein. So ist die Fuge zwischen Kühlergrill und Karosserie beim Audi S4 gerade mal auf 1,2 Millimeter festgelegt. Zimmermann setzt die Spaltlehre an: „Exakt“, nickt er zufrieden. Das Geheimnis für diese Präzision ist der Meisterbock, dieses Modell gilt als Referenz für die Produktion.

Hier werden alle relevanten Spaltmaße minutiös festgelegt. Zur weiteren Definition der Audi-Qualität gehören ansprechende Motorräume, gerade Passungen, ausgeklügelte Türschließkräfte, keine Schweißpunkte im Sichtbereich, widerstandsfähige Oberflächen und Softlacke.

Dabei ist die Materialauswahl besonders wichtig, denn nur überzeugende Oberflächen mit entsprechender Haptik ergeben unter dem Strich das Prädikat premium. Dazu gehören natürlich auch Einpassungen der Blenden und eine überzeugende Schalttafel. „Doch die Zuverlässigkeit ist das Allerwichtigste, der Kunde darf nicht liegen bleiben“, so Zimmermann.

Sollte es bei Modellen größere Probleme geben, entscheidet er zusammen mit dem Produkt-Sicherheitskreis und dem Entwicklungsvorstand auch über mögliche Rückrufe. Keine Abteilung kommt an der Qualitätssicherung vorbei, erst wenn das Ok von Zimmermann und seinen Kollegen vorliegt, gibt der Vorstand das Auto frei. Ist er für viele Abteilungen nicht der Bad Guy, frage ich. „Liebkind sein ist nicht mein Job, ich bin Anwalt des Kunden im Unternehmen. Aber wir haben eine positive Streitkultur“, grinst der Tölzer.

 

FEHLER KONSEQUENT ANGEHEN

Inzwischen gleiten wir in einem 520 PS starken S8 über den Highway. Das Auto funktioniert wie das sprichwörtliche Uhrwerk, lediglich vorn links konstatiert der Qualitätssicherer manchmal ein zartes Bremsenquietschen. Zimmermann lächelt zufrieden und nickt mit dem Kopf: „Eine Runde Sache.“ Im Gegensatz zu dem R8, den wir vorher gefahren haben, befindet sich der S8 bereits auf dem Markt.

„In der Vorserie gibt es immer was zu tun“, weiß Zimmermann. Diese Absicherungsläufe haben das Ziel, die klassischen Kinderkrankheiten bis zum Marktstart eines Modells zu eliminieren. Alles, was in der Vorserie entdeckt wird, minimiert die Fehler. „Fehler wird es auch in Zukunft geben, aber man muss sie konsequent angehen.“ Das Besondere bei Zimmermanns Treiben ist, dass seine Abteilung die Fahrzeuge selbst aussucht, die Werke können die Autos nicht bestimmen.

Die Tests erfolgen über verschiedene Kontinente. Die Ingenieure untersuchen dabei unterschiedliche Lichteinfälle und Witterungseinflüsse auf Lack, Gummidichtungen sowie Kunststoffe. Zum Schluss unserer Test-Tour bewegen wir einen Q7 und einen A3, beide mit etwa 140.000 Kilometer Laufleistung.

Dabei wird die Langzeitqualität auf den Prüfstand gestellt. Alle Daten zeichnet ein Datenlogger im Auto auf – dies gibt Aufschluss darüber, wie der Kunde das Auto bewegt hat. Drehzahl, Geschwindigkeit, Lenkwinkel – alles wird festgehalten. Regelmäßig werden die Abgaswerte überprüft, ob erhöhter Ölverbrauch vorliegt oder der Zustand des Katalysators zu wünschen übrig lässt.

Anschließend wird das Fahrzeug in Deutschland zerlegt, dies gibt Rückschlüsse über Verschleiß und Qualität der einzelnen Komponenten. Der Aufwand, um die Qualität zu sichern und weiterzuentwickeln, ist hoch, auch die Kosten sind nicht von schlechten Eltern, doch Premium hat seinen Preis. Dazu Zimmermann: „Immer besser zu werden, ist das A und O, aber es macht auch Spaß. Ich möchte nichts anderes machen als Auto.“
Volker Koerdt

AUTO ZEITUNG

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