Vergleich: Koenigsegg CCR und Mercedes SLR McLaren 722

Jenseits vom Limit

Koenigsegg CCR und Mercedes SLR McLaren 722: Diese Sportwagen der Superlative haben zusammen 1456 PS und F1-Technik für über eine Millionen Euro an Bord

Eines direkt vorweg: Das Adjektiv langsam hat in diesem Vergleich keinen Platz. Selbst wenn der neue Mercedes SLR McLaren 722 Edition nur 337 km/h erreicht, der Koenigsegg CCR aber für knapp 400 km/h gut sein soll – von langsamer im üblichen Sinne kann da wohl kaum die Rede sein. Wir sind hier bereits weit jenseits der Startgeschwindigkeit einer Boeing 747, und selbst ein Formel1-Renn-wagen prescht nicht ohne Anstrengung auf fast 340 km/h und schon gar nicht in den Geschwindigkeitsbereich des Koenigsegg.

Die Gemeinsamkeiten von SLR und CC-R sind schnell gefunden: Beide bauen auf einem Chassis aus Kevlar-Karbonfaser-Material auf – ein Grund für die haarsträubenden Kaufpreise von 476000 und 531350 Euro. Der sehr leichte und hochfeste Verbundkunststoff wird teilweise in einer Wabenstruktur (honeycomb) verbaut.

Im Gegensatz zum McLaren lässt sich beim Koenigsegg das Dach herausnehmen – ein SLR Roadster ist aber schon in Planung. Natürlich ist auch ein Großteil der Karosseriebauteile aus dem sündhaft teuren Material gefertigt, das mal aus der Raumfahrt kam. Bei der SLR 722 Edition waren nach rund 100 Stunden im Windkanal erhöhte Abtriebswerte (hinten: 122 Kilo) und ein niedrigerer Luftwiderstand erreicht.

Die Hilfsmittel: eine zusätzliche Frontlippe, kleine, vor den hinteren Radläufen platzierte Windabweiser und ein um sechs Grad erhöhter Anstellwinkel des Heckflügels. Dieser fährt bei 120 km/h automatisch aus. Auch beim Antrieb ergeben sich auf den ersten Blick Gemeinsamkeiten – selbst wenn das Ergebnis unterschiedlicher nicht sein könnte.

Ein V8-Motor mit Kompressoraufladung entlockt in beiden Geschossen den Insassen ein entweder völlig entrücktes Grinsen oder beschert ihnen feuchte Hände vor Aufregung. Der 5,5-Liter-Frontmotor des SLR, normalerweise 625 PS stark, wurde leicht überarbeitet und leistet nun 650 PS.
Vor allem die optimierten Ansaugluftwege und eine geänderte Motorelektronik sind dafür verantwortlich. Beim Koenigsegg sitzt das Triebwerk direkt hinter den Passagieren und noch vor der Hinterachse – eine klassische Mittelmotorbauweise.

Der nur 215 Kilo leichte und 806 PS starke V8 stammt in seinen Grundzügen aus der Ford-Rennabteilung. Die Schweden nutzen jedoch nur den Zylinderblock und fügen selbst konstruierte Teile hinzu. Der Doppelschrauben-Kompressor kommt von Lysholm und erzeugt maximal 1,4 bar Ladedruck. Noch beeindruckender als die Leistung des Koenigsegg ist das maximale Drehmoment von 920 Newtonmetern bei 5700 Umdrehungen.

In Kombination mit dem extrem niedrigen Fahrzeuggewicht kann hier kaum noch die Rede von einem beherzten Tritt ins Kreuz sein, wenn der Fahrer aufs Gaspedal steigt. Da drückt ein ganzer Güterzug. Einstieg in den SLR. Das Auto zieht Umstehende und Insassen blitzschnell in seinen Bann, wenn das typisch sonore V8-Bollern aus allen vier Auspuffendrohren schallt. Wie beim Ur-SLR von 1955 enden die Rohre kurz hinter den vorderen Radhäusern. Man sitzt in einer gediegenen Kanzel, die hauptsächlich mit Alcantara ausgekleidet ist. Das massive Wildlederlenkrad liegt gut in der Hand, geschaltet wird das speziell abgestimmte Fünfgang-Auto-matikgetriebe manuell per Wippen am Lenkrad oder am Wählhebel.

Als dritte Option steht ein sanft arbeitender Automatikmodus zur Wahl. Einzig fehl am Platz sind die Plastikeinrahmungen der Lüftungsdüsen und der Klimaanlage in diesem sündhaft teuren Auto – gefrästes Aluminium wäre hier die elegantere Wahl gewesen. 3,6 Sekunden bis 100 km/h, 10,2 Sekunden bis 200 km/h – da wird die Luft im Konkurrenzumfeld des Mercedes schon dünn. Hochgezüchtete Italiener halten noch mit, ein Porsche 911 Turbo fährt hinterher.

Begleitet wird diese Beschleunigungsorgie von dem hysterisch schreienden Kompressor. Der Fahrer bleibt dabei noch recht entspannt. Doch das ändert sich vor der ersten Kurve. Jetzt wirft einen die größere Karbon-/Keramikbremse von Brembo in die Gurte. Und wer das neu abgestimmte ESP absschaltet, wird die Neigung des SLR zum Eindrehen in die Kurve verspüren.

Die härtere Feder-/Dämpfer-Abstimmung und die somit um 20 Prozent verringerten Wankbewegungen der Karosserie lassen ihn empfindlicher auf plötzliche Lastwechsel reagieren. Wer das gekonnt in einen fulminanten Drift umsetzen kann, wird höchste Glückszustände erleben. Wer nicht, lässt besser die Finger von der ESP-Taste.

Im flachen Koenigsegg hingegen herrscht die Enge eines Rennwagens. Schon das Einsteigen durch die nach oben und vorn schwingenden Türen gerät zum Schauspiel – der Mechanismus allein ist schon verblüffend. Wenn der V8-Motor startet, hat man jedoch schnell anderes im Sinn. Der quer hinter dem Getriebe montierte Schalldämpfer reicht zwar über die ganze Fahrzeugbreite und müht sich redlich, die Lautstärke des Triebwerks zu reduzieren, doch es bleibt bei dem Versuch.

Der lange Schaltstock des semisequenziellen Sechsganggetriebes von Formel1-Zulieferer Cima rastet hörbar ein, und ab geht es. Der Koenigsegg CCR gehört zu schnellsten Autos dieser Erde und wird nur noch von Exemplaren der eigenen Art oder einem Bugatti Veyron 16.4 gejagt. Schub ist immer da, egal ob der Tacho 120 km/h oder 320 km/h anzeigt – ein unfassbares Spektakel. Brachial verzögert die Sechskolben-Bremse mit 362 Millimeter großen Stahlscheiben den CC-R bei Bedarf wieder.

Das Fahrverhalten überrascht angesichts der Leistungswerte durch seine Verlässlichkeit und Neutralität. Aber: Ein ESP gibt es nicht, die Traktionskontrolle muss im Ernstfall ausreichen. In diesem Punkt zeigen sich die Qualitäten des Mercedes SLR McLaren 722. Er ist zwar kein Rennwagen und dem Koenigsegg auf dem Papier unterlegen, aber er ist dafür alltagstauglicher. Doch eines haben sie wieder gemeinsam: Beide sind absolute Traumwagen.
Holger Eckhardt


Inhaltsübersicht

Autos im Test

Koenigsegg CC-R

Koenigsegg CC-R

PS/KW 806/593

0-100 km/h in 3.20s

Hinterrad, 6 Gang manuell

Spitze 395 km/h

Preis 531.350,00 €

Mercedes SLR McLaren 722

Mercedes SLR McLaren 722

PS/KW 650/478

0-100 km/h in 3.90s

Hinterrad, 5 Gang Automatik

Spitze 337 km/h

Preis 476.000,00 €