Porsche 911 Turbo 3.3 im Fahrbericht Der Lademeister

22.04.2013

Classic Cars - Fahrbericht: Der 911 Turbo feiert 40. Geburtstag. 1987, als der 250.000ste Porsche 911 vom Band lief, stand der 911 Turbo 3.3 im Porsche Exclusive-Trimm für den vorläufigen Zenit auf der nach oben offenen Zuffenhausener Faszinations-Skala

Das „Haben wollen“ ist für den eingefleischten Porsche-Fan fast wie eine Sucht. Geradezu magnetisch vom Hüftschwung der Karosserieform angezogen und sirenengleich vom Klang des Sechszylinder-Boxers betört, schmelzen Enthusiasten beim Elfer dahin – und ganz besonders beim Turbo, der 2013 seinen 40. Geburtstag feiert. So auch Hartwig Thaler, selbstständiger Lackierermeister aus dem schwäbischen Böbingen, in der Porsche-Szene durch formidable Lackarbeiten wohlbekannt. Als er zusammen mit seinem Vater 1987 einen nagelneuen 911 Carrera 3.2 im Werk abholte, fiel ihm bei der damit verbundenen Werksbesichtigung ein Wagen besonders auf: ein 911 Turbo 3.3, speziell zurecht gemacht von der damals gerade zwei Jahre jungen Abteilung „Porsche Exclusive“.

„Nicht schlecht“, mögen sich die beiden Fans seinerzeit gedacht und den besonderen 911 Turbo dann auch fast schon wieder vergessen haben – bis sie ihn kaum ein Jahr später im Rahmen einer Einladung beim damaligen Porsche-Händler Paul-Ernst Strähle im Remstal wiederentdeckten. Dort diente er als Demonstrationsfahrzeug für Porsche Exclusive. „Mein Vater startete damals einen Kaufversuch, doch man winkte nur ab. Direktionsfahrzeug, hieß es“, erinnert sich Hartwig Thaler.

 

EINE TURBO-BEGEGNUNG DER DRITTEN ART – MIT ERFOLG

Doch besagtem 911 Turbo 3.3 im Ornat von Porsche Exclusive mit breiten Seitenschwellern und eigens im Werk dafür verlängerten Aufnahmen für den Wagenheber sowie mächtigen Lufteinlässen in den hinteren Kotfl ügeln für eine optimierte Bremsenkühlung begegnete Thaler erneut, diesmal anno 2006 im Internet. „Ein Unternehmer in Solingen bot ihn zum Verkauf an, und so reiste ich schnurstracks dorthin, um ihn zu besichtigen“, erinnert sich Thaler. Mit Fuchs-Felgen der Dimensionen 7 und 9 x 16 Zoll, Schiebedach, Klimaanlage, Scheinwerfer-Waschanlage, Lederausstattung mit Stoffbahnen im typischen Nadelstreifendesign jener Tage, Telefon sowie elektrischer Sitzverstellung nebst Sitzheizung fehlte es dem 911 Turbo 3.3 an nichts.

Aufgrund schlechter Erfahrungen reiste Thaler jedoch ein zweites Mal zur Besichtigung an, diesmal mit einem Experten im Schlepptau. Vor vielen Jahren war er nämlich einem angeblich originalen 911 RS 2.7 aufgesessen, der sich im Nachhinein als glatte Fälschung entpuppt hatte. „Wenn Du ihn nicht kaufst, nehme ich ihn“, befand der Fachmann über den Wagen, und so wechselte der besondere Turbo 3.3 mit Tachostand 49.000 Kilometer den Besitzer. Anhand von Kfz-Brief und damaligem Kennzeichen entdeckte Hartwig Thaler rasch, dass es sich tatsächlich exakt um jenen Turbo 3.3 handelte, mit dem er schon vor vielen Jahren beim Porsche-Werksbesuch liebäugelte.

 

VOM GEFÜRCHTETEN TURBOLOCH IST BEI IHM NICHTS ZU SPÜREN

Bei unserer Ausfahrt auf der Schwäbischen Alb stemmt sich der 911 Turbo mit seinem breiten Heck den Querkräften entgegen, und oberhalb von 2500 Touren beginnt das Turbo-Feuer prächtig zu lodern. Was verblüfft, ist die Abstimmung des Turbo-Triebwerks, das ja lediglich über einen Lader verfügt. Entgegen der landläufi gen Kenntnis vom Turboloch mit seiner unvermeidlichen Gedenksekunde zieht er ungeahnt sämig durch und gibt sich willig in punkto Gasannahme. Kaum erwähnenswert, dass die 300 PS und 430 Nm Drehmoment aus 3299 Kubik Hubraum für einen selbst nach heutigen Maßstäben erbaulichen Vortrieb sorgen. Außer mit extrem gutem Ansprechverhalten begeistert dieser spezielle Turbo 3.3 aber auch mit einem Maß an Laufkultur und Zurückhaltung in puncto mechanischen Geräuschen, wie man sie bei den aufgeladenen Boxern aus Zuffenhausen selten erlebt.

„Vor einigen Jahren bin ich mit dem Turbo nach Zuffenhausen ins alte Porsche-Museum gefahren. Da es draußen keinen freien Parkplatz mehr gab, fuhr ich zur Schranke am inneren Parkplatz von Werk 2, und ein freundlicher älterer Pförtner öffnete. Seinen Kommentar vergesse ich nie: ,Das Auto kenn’ ich gut. Das ist der Wagen vom Helmuth Bott‘, sagte er und lächelte zufrieden“, erzählt Thaler. Ob das tolle Ansprechverhalten und die fantastische Laufruhe damit zu tun haben? Immerhin war Bott (gestorben 1994) von 1979 bis 1988 bei Porsche Vorstand für Forschung und Entwicklung.

Und dass er auf einen besonders feinen Motor vertrauen durfte, davon dürfen wir ausgehen. Was am Ende des Fahrtages mit dem 911 Turbo 3.3 des Jahres 1987 bleibt, sind vor allem die starken emotionalen Eindrücke, die einen luftgekühlten 911 im Allgemeinen und den Turbo im Besonderen ausmachen. Das geringe Leergewicht von 1335 Kilo und die satte Leistung sorgen für tollen Vortrieb, das grundehrliche Fahrverhalten mit irgendwann auskeilendem Heck fordert noch den ganzen Fahrer. Und das Elfer-typische Concerto Grosso, das der Sechszylinder-Boxer bei jedem Öffnen der KJetronic-Drosselklappe anstimmt, schlägt aus Fan-Sicht jede noch so tolle HiFi-Anlage.

Porsche 911 Turbo 3.3: Daten und Fakten
Antrieb
6-Zylinder-Boxer, längs eingebaut; 2-Ventiler; je eine obenliegende Nockenwelle pro Zylinderreihe; Bosch K-Jetronic-Einspritzung,
Turbol. mit Ladeluftkühler; Bohrung x Hub: 97 x 74,4 mm; Hubraum: 3299 cm3; Verdichtung: 7,0:1; Leistung: 221 kW/300 PS bei 5500/min; max. Drehmoment: 430 Nm bei 4000/min; Fünfgang-Getriebe; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr., verzinkte Ganzstahl-Karosserie, zwei Türen; vorn: Querlenker, längs liegende Drehstäbe; hinten: Schräglenker, quer liegende Drehstäbe; v./h. Stabilisator, Gasdruck-Stoßdämpfer; Servo-Lenkung; Bremsen: v. u. h. innenbel. Scheiben; Reifen: vorn
205/55 VR 16, h. 245/45 VR 16, Räder: vorn 7 x 16, hinten 9 x 16
Eckdaten
L/B/H: 4291/1775/1320 mm; Radstand: 2272 mm; Spurweite v./h.: 1432/1501 mm; Leergewicht: 1335 kg; Zuladung: 345 kg; Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 5,4 s; Höchstgeschwindigkeit: 260 km/h; Preis (1987): 131.000 Mark

Jürgen Gassebner

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