Peugeot 404 Familiale: Kombi im Fahrbericht und Kaufberatung Pro Familia

29.08.2014

Mit dem 404 eroberte Peugeot in den Sechzigern den deutschen Markt. Wer wollte, konnte ihn sogar als Siebensitzer mit dritter Sitzreihe ordern. So wurde der Franzose zum Familientransporter. Fahrbericht & Kaufberatung

Was haben Helge Schneider, Louis de Funès und Pierre Richard gemeinsam? Filmfreunde mit Hang zu skurrilen Komödien werden es wissen: Alle drei kurvten in einem Peugeot 404 über die Leinwand. Dabei ging es oft wild zu. In dem Film „Der Regenschirmmörder“ demonstrierte der für seine Robustheit stets gelobte Mittelklassewagen gar seine Flugkünste.

Nach einem Anschlag auf den von Richard gespielten Volldeppen Lecomte geriet das Auto während der Fahrt außer Kontrolle, raste einen Abhang hinunter und sprang über eine Hütte hinweg meterhoch durch die Luft. Die anschließende Landung am Strand steckte der 404 anscheinend problemlos weg. Nicht weniger
spektakulär ging es in den Sechzigern in Kenia zu:

Damals schmirgelten aufgemotzte 404 bei der berüchtigten Safari Rallye durch die Savanne und fuhren zwischen 1963 und 1968 gleich viermal den Sieg ein. Extreme Einsätze, zweifellos. Doch auch im grauen Alltag mutete man dem eleganten Franzosen stets viel zu. Speziell in Marokko, wo unzählige Peugeot nach ihrem ersten Leben in Europa eine zweite Heimat fanden, war der 404 noch Jahrzehnte nach dem Produktionsende als unkaputtbares Arbeitstier geschätzt.

Als Limousine vorrangig, aber auch als Pickup und als praktisches Nutzfahrzeug mit Kombiheck. Seine Technik, so behaupten Liebhaber bis heute, ließ sich mit einem Schraubendreher und einer Handvoll Maulschlüsseln der Größen 10 bis 13 beherrschen, zumal der robuste Motor dank leicht zur Seite geneigter Einbauweise sehr guten Zugang ermöglichte.

 

ZWEITER UND DRITTER GANG GEGENÜBER

Ganz so einfach war es in Wirklichkeit natürlich nicht immer, wieunser Fotomodell aus dem Baujahr 1963 beweist. Sein Besitzer erwarb den Kombi auf der Classic Motorshow in Bremen – mit Startproblemen. Erst ein Spezialist fand die Ursache: Unter der Haube war ein verstellter Solex- Vergaser eher seltenen Typs verbaut,
der in Deutschland in der Serie keine Verwendung erfuhr.

Nach fachkundiger Justierung lief der Familiale, wie die Kombiversion mit sieben Sitzplätzen hieß, aber wieder problemlos. Gewöhnungsbedürftig war und ist allerdings das ungewöhnliche Schaltschema: Beim Getriebe des 404 liegt der erste Gang vorne unten, gegenüber dem Rückwärtsgang.

Der zweite und dritte Gang in der nächsten Ebene sitzen einander somit ebenfalls gegenüber, was im Stadtverkehr von Vorteil ist. Wer den Lenkstockhebel allerdings zu ungestüm bewegt, läuft Gefahr, versehentlich im Vierten statt im Zweiten zu landen. Noch fataler sind versehentliche Wechsel vom Ersten in den Rückwärtsgang.

Dafür erfordert das Fahrwerk keinerlei besonderen Vorkenntnisse. Einen Peugeot 404 brachte und bringt so schnell nichts aus der Ruhe. „Die Sicherheit, die dieser Wagen bietet, ist eine halbe Lebensversicherung. Ich bekomme das meiste Auto für mein Geld, eine hervorragende Straßenlage und bequemes Reisen. Wer den Wagen gefahren hat, besonders in kritischen Situationen, schätzt seine Sicherheit“, resümierte ein 404-Besitzer seine Erfahrungen anlässlich einer repräsentativen Umfrage des Magazins Der Spiegel 1962 unter 3000 Besitzern dieses Typs.

Einen großen Anteil an Komfort und Sicherheit hat die vergleichsweise aufwändig konstruierte Hinterachse: Ein Schubrohr mit integrierter Kardanwelle plus diagonal verlaufenden Zusatzstreben übernimmt die Längsführung. In Querrichtung sorgt ein Panhardstab für Fahrstabilität. Die Schraubenfedern haben somit ausschließlich federnde Wirkung. Man muss es schon unvernünftig wild angehen, um wenigstens das kurveninnere Rad zu ein bisschen Schlupf zu überreden.

Die originalen Gürtelreifen vom Typ Michelin X schluckten durch ihre weichen Wangen viele Fahrbahnunebenheiten bereits, ehe sie die Karosserie erreichten. Und weil auch die Geräuschdämmung des Peugeot für die Zeit vorbildlich war, lobten Tester und Käufer schon vor 50 Jahren einhellig den hohen Fahrkomfort auf langen Strecken.

 

DURCH NICHTS AUS DER RUHE ZU BRINGEN

Beim Familiale kam die Variabilität noch hinzu. In einer Zeit, als das Verständnis für die private Nutzung eines Kombi erst noch wachsen musste und die meist dreitürigen deutschen Fabrikate sehr nach Dienstfahrzeug für Maler, Bäcker oder andere Handwerker aussahen, beglückte Peugeot seine Kunden bereits mit einem ansehnlichen Design, fünf Türen und einer zusätzlichen Rückbank.

Nur die Italiener hatten damals etwas Vergleichbares im Programm mit dem sehr ähnlich gezeichneten 1800 B Familiare. Besagten Fiat gab es sogar mit Scheibenbremsen, während der Peugeot noch mit Trommeln rundum verzögerte.

Ab der Einführung eines pneumatischen Bremskraftverstärkers war die Bremsleistung des 404 allerdings unter normalen Bedingungen ausreichend. Im Detail überrascht der von Pininfarina gestaltete Peugeot mit eigenwilligen Lösungen. So befindet sich der Lichtschalter links vom Lenkrad und der Blinker rechts.

Die Hupe verfügt gar über zwei Stufen: Bei leichtem Druck erklingt das Stadthorn, und starker Druck aktiviert das zweistimmige Überlandhorn. Stoßstangen und Radblenden sind aus rostfreiem Stahl gefertigt. Während der Bauzeit änderte Peugeot nur wenig an seinem Dauerbrenner.

1963 bekam die Kurbelwelle fünf statt drei Lager, 1965 hielten Rundinstrumente im Cockpit Einzug. Der Break lief bis 1971 vom Band, die Limousine sogar bis 1989, in Nigeria. Und im Film ist der 404 sowieso unsterblich.

PEUGEOT 404 FAMILIALE (Bj.: 1962-71): Technische Daten und Fakten
R4-Zylinder; vorn längs eingebaut; 2-Ventiler; seitliche Nockenwelle, Kettenantrieb; Gemischbildung: Vergaser Solex 32 PBICA; Bohrung x Hub: 84,0 x 73,0 mm; Hubraum: 1618 cm3; Verdichtung: 7,3:1; Leistung: 48 kW/65 PS bei 5400/min; maximales Drehmoment: 127 Nm bei 2250/min; Viergang-Getriebe; Lenkradschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit fünf Türen; Radaufhängung vorn: McPherson-Federbeine, Querlenker, Schrägstrebe, Stabilisator; hinten: Starrachse, Panhardstab; v./h. Schraubenfedern, Dämpfer; Lenkung: Zahnstange; Bremsen: rundum Trommeln; Reifen: 165 x 380 X, Stahl-Räder: 4,5 x 15
Eckdaten
L/B/H: 4582/1625/1494 mm; Radstand: 2840 mm; Spurweite v./h.: 1345/1300 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 1175/1825 kg; Tankinh.: 50 l; Bauzeit: 1962 bis 1971; Stückzahl: ca. 280.000 (Break, Familiale, Commerciale); Preis (1962): 8720 Mark (Limousine)
Fahrleistungen1
Beschleun.: 0 auf 100 km/h in 19,0 s; Höchstgeschwindigkeit: 135 km/h; Verbrauch: 11,0 l/100 km
1Werksangaben für Limousine


MARKTLAGE

Zustand 2:  8800 Euro
Zustand 3:  4800 Euro
Zustand 4:  1600 Euro
Wertentwicklung: leicht steigend
Definition der Zustandsnoten

Unser Fazit

Ist es die „Harmonie der Linien, ohne krampfhafte, modisch bedingte Akzente“, die „wohltuende Dezenz“, von der Peugeot-Fahrer einst schwärmten, wenn sie ihren 404 beschrieben? Oder die absolut überzeugende Technik, der man sich noch heute gerne für lange Strecken anvertraut, während man in diesem Familiale zu siebt höchst komfortabel über Land schaukelt? Auf jeden Fall hat dieser Oldie etwas. Das spürt der Fahrer, das merken die Passanten, wenn sie sich nach ihm umdrehen und fragen: Wie kann das sein, dass der noch so gut in Schuss ist? Vielleicht erinnert uns der 404 auch an unsere Kindheit, an den Urlaub in Frankreich, an Reisen ohne Klimaanlage, Handy oder Navi. Wenn Sie einen kaufen können: Tun Sie’s.

Gerrit Reichel

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