Opel Kadett A Caravan S: Fahrbericht & Kaufberatung Der Volks-Kombi

11.08.2014

1964 war er der meistverkaufte Kombi Deutschlands: Der Kadett A Caravan als Urlaubs-, Familien- und Handwerker-Mobil. Opel restaurierte ein ganz seltenes Modell S mit 48 PS. Erster Fahrbericht & Kaufberatung

Wer sich rar macht, hat mehr Erfolg. Was auf so manchen Schauspieler oder Showmaster zutrifft, lässt sich auch auf den Kadett A Caravan übertragen. Dieses Oldtimer-Schätzchen ist so selten anzutreffen wie Dortmunds Trainer Jürgen Klopp im feinen Zwirn.

Gerade mal 32 zugelassene Opel Kadett A Caravan (Typcode 355 und 366) recherchierte für uns das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) – und nur einer davon ist ein S mit 48 PS. Dementsprechend spektakulär ist der Auftritt, den man mit solch einem seltenen Kombi hinlegt. „Och, wie niedlich“, schallt es dem Kadett-Piloten dann ins geöffnete Dreieckfensterchen. Und ältere Herrschaften erinnern sich beim Anblick des nicht mal vier Meter langen, kompakten Caravan daran, was für den Urlaub in Rimini oder an der Nordsee alles an Gepäck in den Kadett A hineinpasste.

Rar und selten: Den heutigen Zustand hatte Opel vor 50 Jahren mit der Neuauflage des Kadett kaum im Sinn. Der Typ A war als Volksauto von Opel konzipiert worden, als Gegner des Käfers. Doch während der Wolfsburger „Kugel-Porsche“ nur als zweitürige Limousine zu Zigtausenden von den Bändern lief, entwickelte Opel für den Kadett A gleich drei Karosserievarianten: 

Die klassische Limousine, das in der Dachpartie modifizierte Coupé und die Kombiversion, die bei Opel ab 1953 Caravan (abgeleitet aus Car and Van) genannt wurde. Der kompakte Kadett traf 1963 auf keine Konkurrenz. Denn der Ford 12 M Turnier und der VW 1500 Variant gehörten in eine höhere Klasse.

Der Kadett A Caravan als erfolgreichster Kombi seiner Zeit sorgte mit dafür, das Opel Mitte der 60er-Jahre zur Nummer Eins unter den deutschen Herstellern avancierte. Während die Limousine und das besonders gehegte Coupé bei Oldtimer-Treffen schon mal auftauchen, macht sich der Caravan hier äußerst rar. Nahezu alle der 60.000 A-Kombis, die hierzulande verkauft wurden, sind im Handwerker-Alltag und im täglichen Kurzstreckenverkehr verschlissen worden – oder Gevatter Rost hat ihnen den Garaus gemacht. Besonders selten ist der Kadett A Caravan S mit dem 48-PS-Motor.


FAST WIE NEU: AUFERSTANDEN AUS RUINEN


Die Opel Classic-Mannschaft gelangte vor einigen Jahren an einen solchen Caravan. Doch nach einer exakten Inspektion wäre die „Rostlaube“ fast verschrottet worden. Schweller, Bodenbleche, Kotflügel – vieles schien irreparabel. Doch wegen der Seltenheit des Objekts und der Bedeutung für die Opel-Historie retteten Mitarbeiter der Classic-Sparte das Modell 355.

Es wurde ein typisches Restaurationsobjekt: In über dreijähriger, häufig unterbrochener Arbeit und unter der Mithilfe der Opel-Lehrlings-Abteilung wurde dieses rare Gefährt von Grund auf renoviert und mit zum Teil handgefertigten Blechteilen wie dem Fahrzeugboden, den vorderen, verschweißten Kotflügeln oder den Scheinwerfergehäusen komplett neu aufgebaut.

In die innen wie außen im Original-Farbton Savannegelb lackierte Karosserie bauten fachkundige Monteure die noch brauchbaren Originalteile des Fahrzeugs, aber auch fleißig gesammelte, über Jahre gelagerte Neuteile wie Radkappen, Schriftzüge, Zierteile und Interieurdetails ein.

Auch ein blitzsauberer, neuer 48-PS-Motor mit Nebenaggregaten stand bereit. Der Kofferraum mit der umlegbaren Rückenlehne erhielt eine Original-Auskleidung. Selbst so nebensächliche Details wie die Dichtung der Heckklappe sind Originalteile.

Vor wenigen Wochen erlebte der so aufwendig hergerichtete Kadett A Caravan S seine Jungfernfahrt. Und Classic Cars konnte als erste Zeitschrift dieses fein aufbereitete Liebhaberstück fahren und fotografieren. Der erste Eindruck: Der Kadett steht im praktisch kaum erreichbaren Zustand 1 da, detailgetreu und wie neu.

Zweiter Eindruck: Wer aus einem modernen Auto mit  überfrachtetem Innenraum im Kadett A Platz nimmt, der bemerkt beim Cockpit und der Bedienung, wie gut die Opel-Ingenieure das Einfache und Funktionelle praktizierten. Alles ist gut zu bedienen und übersichtlich. Trotz der tiefen Sitzposition auf den Kunstleder-Sitzen kann man den Kadett A dank der „Peilkanten“ auf den Kotflügeln zentimetergenau manövrieren. 

Die Rundumsicht ist hervorragend. Der Opel Caravan mit 735 Kilogramm Leergewicht ist zwar 40 Kilo schwerer als die Limousine, aber im Vergleich zu heutigen „Übergewichtlern“ immer noch ein Leichtgewicht. Das trägt mit dazu bei, dass sich der Kadett relativ leicht lenken und präzise chauffieren lässt. Die Seitenneigung in Kurven ist gering. Den Seitenhalt findet der Fahrer in  Rechtskurven allerdings nur an der Tür – in Linkskurven rutscht man schon mal leicht aus dem Kunstleder-Sitz.

Der lange Mittelschalthebel des Viergang-Getriebes erlaubt leichte Schaltvorgänge. Den langen Wechsel in den dritten Gang muss man aber präzise ausführen, sonst hakt es etwas.

Das Interieur des Kadett A wirkt durch die großzügige Verglasung hell. Der Walzentacho zeigt mit grüner, gelber und roter Farbgebung an, wie schnell man ist. Die ersten Modelle hatten noch ein schmuckes, aber schmutzempfindliches helles Lenkrad und weiße Schalter.

Ab Sommer 1963 gab es dann beides in Schwarz, was Handwerkhänden entgegenkam. Details wie die vorderen Dreieckfenster, die hinteren Schiebefenster, das Lenkrad mit verchromtem Hupenring und die lackierte Klappe des Handschuhfachs unterstreichen aber auch die Liebe der Opel-Konstrukteure zum Detail.

Von den Opel-Werbetextern wurde der Caravan als „Urlaubs-Camping-Picknick-Transport-Kadett“ angepriesen. Oder als „Drei Autos in einem“. Der Beweis für die Werbesprüche war der Laderaum, der bei umgelegter Rückbank und mehr als 1,50 Meter Tiefe bis zu 740 Liter Stauvolumen bietet.


DER 48-PS-MOTOR SORGT FÜR GENUG DYNAMIK


Der leichte Kadett war schon mit dem Basis-Triebwerk und 40 PS recht munter. Mit dem 48-PS-S-Aggregat, von Motorjournalisten wegen seiner Laufeigenschaften einst als „Nähmaschinchen“ tituliert, war der Kadett A auch als Caravan jedoch so schnell, dass er viele Mittelklässler hinter sich ließ. 

Eine Spitze von 133 km/h und 19 Sekunden für den Sprint von null auf 100 km/h waren 1963 schon ein Wort. Zudem erwies sich auch der Durchschnittsverbrauch zwischen 7,5 und 9,0 l/100 km seinerzeit als recht günstig. Bei unseren Fotofahrten erfreute der Einliter-Opelmotor mit Drehfreude und bewies bis auf einige „Verschlucker“ beim Stop and Go-Betrieb, die mit leichter Betätigung des Chokes und gefühlvollem Umgang mit dem Gaspedal eliminiert werden konnten, eine erfreuliche Alltagstauglichkeit.

Das zügige Fahren um Kurven macht mit dem Kadett A auch heute noch Spaß. Die am Fotoauto montierten Gürtelreifen im Format 155 SR 12, die wahlweise zu haben waren, steigern die Fahrfreude noch.

Es ist schon ein besonderes Erlebnis, mit solch einem seltenen Schätzchen seine Runden zu drehen. Dem Opel Classic-Team sei Dank, weil es diesen Kadett A Caravan S als Zeugnis für Funktion und Alltagspraxis im Automobilbau wieder hergestellt hat. Der Erfolg auf jedem Oldtimer-Treffen ist garantiert.

OPEL KADET A CARAVAN S (Bj.: 1963-65): Technische Daten und Fakten
Antrieb
R4-Zylinder; längs im Bug eingebaut; 2-Ventiler; eine seitlich liegende Nockenwelle; Gemischaufbereitung: Fallstromvergaser Opel 36 ; Bohrung
x Hub: 72 x 61 mm; Verdichtung: 8,8 : 1; Hubraum: 993 cm3; Leistung: 35 kW/48 PS bei 5400/min; max. Drehmoment: 71 Nm bei 2800-3600/min; Viergang-Getriebe; Mittelschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende, zweitürige Stahlblechkarosserie mit Heckklappe; Radaufhängung vorn: Doppel-Querlenker, Querblattfeder; hinten: Zentralgelenk-Starrachse an Dreiblatt-Federn; v./h. Teleskopstoßdämpfer; Zahnstangen-Lenkung; Bremsen v./h. Trommeln; Reifen 6.00 x 12, ww. 155 R 12; Stahlräder: 4.00 x 12
Eckdaten
L/B/H: 3923/1483/1434 mm; Radstand: 2325 mm; Spurweite v./h.: 1209/1214 mm; Leer/-Gesamtgewicht: 735/1150 kg; Bauzeit: 1962 bis 1965; Stückzahl (inges.) 649.512; Caravan: 126.616; Preis (1963): 5595 Mark
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 19 s; Höchstgeschwindigkeit: 133 km/h; Verbrauch: 8,0 l S/100 km
1Werksangaben


MARKTLAGE

Zustand 2:  8500 Euro
Zustand 3:  5600 Euro
Zustand 4:  2300 Euro
Wertentwicklung: steigend
Definition der Zustandsnoten

Unser Fazit

Wie problemlos und funktionell der Kadett A im Alltag war, werden die Besitzer bestätigen. Ich bin mit diesem total übersichtlichen Opel mal Stadtmeister im Geschicklichkeitsfahren geworden. Heute, in Zeiten der modernen Autos, deren Verglasung Sehschlitzen ähnelt, wird ein Gefährt wie der eckige Caravan eher belächelt. Sicher, mit diesem Automobil haben die Designer keine Form für Kunstmuseen geschaffen, aber der Kadett A erfüllte seinen Zweck als Anti-Käfer genau richtig. Praktisch, leicht zu fahren, dynamischer, sparsamer. Und der Caravan war konkurrenzlos, erst recht der S mit 48 PS. Wer diesen Kadett hat, besitzt zwar keine blaue Mauritius, aber ein Auto, das es derzeit zugelassen in Deutschland nur einmal gibt.

Werner Müller

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