Werden heutige Autos in Zukunft zu Oldtimer und Youngtimern - ein erschreckender Ausblick Klassiker ohne Zukunft?

23.09.2014

Es ist schon einige Zeit her, dass elektronische Module Einzug ins Auto hielten. Zunächst steuerten sie nur den Lauf des Motors, später auch Assistenzsysteme oder Komfort-Features. Als Ersatzteile finden sie kaum Beachtung. Doch auch ihre Lebenszyklen sind endlich.

Fast jeder hat es schon einmal erlebt: Ein Lämpchen leuchtet auf, der Motor geht aus, und das Fahrzeug bleibt einfach stehen. Ob die Ursache ein defektes Benzinpumpen-Relais, Motorsteuergerät oder nur ein verschmortes Kabel ist, vermag meist nur ein Fachmann nach aufwendiger Suche zu diagnostizieren. Doch selbst wenn der Fehler erkannt ist, so ist das Problem nicht immer auch gleich gelöst. Das gilt besonders für Youngtimer, die irgendwann auch zu einem Oldtimer werden sollen: Oft gibt es für kleine elektronische Bauteile keinen Ersatz und keine Unterlagen.

Noch heute beheben Bastler mit einem Schaltplan, einem Lötkolben und etwas Geschick die Probleme an der Elektrik ihres historischen fahrbaren Untersatzes, sofern die Komplexität und Machart der Bauteile überschaubar ist. Doch zu Beginn der 1980er Jahre hielt ein immer komplexer werdendes Zusammenspiel zwischen Mechanik und Elektronik in den Automobilbau Einzug, was zunächst die einfache Diagnose von Fehlern erheblich erschwerte.

Motorsteuergeräte, Kombi-Instrumente oder Klimasteuergeräte sind nur einige der Bauteile, die in sich geschlossene Systeme darstellen. «Der Luftmengenmesser bei den Benzinern der Mercedes-Benz-Baureihen W124 , W126 und W201 ist ein interessantes Beispiel», erläutert Thorsten Stadler vom 190er Freunde Deutschland e.V. «Wenn der Wagen an jeder Ampel ausgeht, ist das oft das erste Symptom für den fortgeschrittenen Verschleiß der Einspritzanlage.» Die Ursache zu diagnostizieren sei oft schwierig, da die Mechatroniker oft jüngersind als die Autos und wenig über damals verwendete Systeme wissen.

Experten, die originale elektronische Bauteile überholen, reparieren oder nachbauen gäbe es mittlerweile einige, sagt Stadler. Daher seien Schadensfälle oft weniger dramatisch als vermutet. «Auch wenn es Bauteile nicht mehr als neuen Ersatz gibt, so kümmern sich viele Enthusiasten um einzelne Baureihen oder Modelle und deren Versorgung.» Dass einige Elektronikbauteile im Laufe der Zeit versagen, läge oft auch an den einzelnen Lötstellen, die brechen.

Weitere Ursachen finden sich in der Umgebung der Lötstellen, wie etwa im Kunststoff oder in brüchigen Kabelummantelungen. «Durch chemische, elektrische, mechanische und nicht zuletzt thermische Einflüsse altern die elektronischen Komponenten mit der Zeit, und dies herstellerunabhängig», erläutert Stephan Joest, der sich seit 1990 in der internationalen Clubszene engagiert und Mitbegründer der Interessengemeinschaft Amicale Citroen Deutschland ist, des Verbands der Citroen- und Panhard-Clubs.

Funktionstüchtigen Ersatz zu finden, ist nicht leicht, da die Fahrzeughersteller die Ersatzteilversorgung eine gewisse Zeit nach Ende der Produktion des Modells einstellen. Selbst in Depots aufbewahrte Original-Ersatzteile seien der Alterung unterworfen, bei nunmehr über 40 Jahre alten Modulen läge die Ausfallquote, so Joest, gar bei 50 Prozent.

Für einige Kernkomponenten wie Motorsteuergeräte gibt es bereits Unternehmen, die sich der Wiederaufbereitung annehmen. Sind die Bestandteile bekannt, ist auch die Nachfertigung, Reparatur oder Überholung möglich. Erforderlich dafür ist jedoch mindestens ein Schaltplan. Die originalen Unterlagen zu den jeweiligen Geräten sind jedoch nicht immer verfügbar, geschweige denn in den üblichen Fahrzeugunterlagen enthalten. Clubs können hier helfen. «Bei einem Citroën DS 23 mit Bosch D-Jetronic, die von 1972 bis 1975 gebaut wurden, liegt ein Idealfall vor», berichtet der Citroen-Experte. «Hierzu haben wir eine detaillierte Dokumentation.»

Zur Aufbewahrung der Dokumentation sind die Hersteller nach Produktionsende einer Baureihe indes nicht verpflichtet. «Für zukünftige Oldtimer, die über hoch verdichtete Multilayer-Platinen und Software von mehreren Gigabyte verfügen», erläutert Joest weiter, «ist eine Rekonstruktion der Funktionsweise ohne Unterstützung der Hersteller unmöglich». Die Befürchtung, dass ein Auto einmal aufgrund eines kleinen elektronischen Defekts komplett ausfallen könnte, ist daher berechtigt und beschäftigt die Spezialisten der Oldtimer-Szene.

In einem zeitgenössischen Auto der Oberklasse können 80 bis 100 elektronische Steuergeräte verbaut sein. «Seit etwa 15 Jahren kommen im Automobilbau vermehrt sogenannte Daten-BUS-Systeme zur Anwendung, die die einzelnen Komponenten miteinander vernetzen», erklärte Stefan Röhrig vom Verband der Automobilindustrie (VDA) in einer Sitzung des
Parlamentskreises Automobiles Kulturgut. «Versagt eine der Komponenten, kann das auch andere Funktionen in Mitleidenschaft ziehen.» Der Fehler muss in diesem Fall ausgelesen und das Bauteil gegebenenfalls ersetzt werden.

Eine spätere Nachfertigung dieser hochkomplexen Bauteile ist kaum möglich. Damit kann der Ersatzteil-Nachschub zukünftig bei älteren Fahrzeugen gefährdet sein. «Der VDA nimmt die Befürchtungen der Oldtimer-Szene ernst und hat das Thema bereits aufgegriffen. Eine Arbeitsgruppe soll das Thema untersuchen und Lösungsmöglichkeiten zur langfristigen Versorgung aufzeigen», berichtet Röhrig.

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