Oldtimer: Ersatzteile und Zubehoer Organspenden für alte Autos

14.04.2015

Heute eine Panne, morgen repariert: Für Besitzer aktueller Autos sind Ersatzteile und Zubehör eine Selbstverständlichkeit. Weil immer mehr Oldtimer unterwegs sind, denken die Hersteller auch bei den Klassikern um

Die Zahl der Oldtimer in Deutschland wächst stetig: Laut dem Kraftfahrtbundesamt waren zum Jahreswechsel fast eine halbe Million klassischer Fahrzeuge zugelassen. Für die Wartung und Pflege zahlen die Besitzer nach Branchenschätzungen pro Jahr mehrere Milliarden Euro. Kein Wunder, dass die Autobauer Oldtimer-Besitzer als Kundengruppe entdeckt haben und oft einen Service auf Neuwagen-Niveau bieten.

Bei deutschen Herstellern gibt es solche Sparten schon länger, nun kommen auch immer mehr Importeure auf den Trichter - wie Jaguar: Die britische Marke hat dafür die Abteilung Jaguar Heritage gegründet, die alle Klassik-Aktivitäten bündelt.

 

Oldtimer: Vorräte der Hersteller immer üppiger

Ob Hersteller oder Importeur: Sie alle bieten spezielle Werkstätten für Reparatur und Restauration. Es gibt Clubs und Ratgeber. Und vor allem bauen sie riesige Ersatzteillager auf, die Oldtimer mit Organspenden am Laufen halten. Die Nachfrage wächst und mit ihr das Angebot, sagt Peter Kober, Sprecher von Audi Tradition. Dort umfasst das Lager aktuell 30.000 Positionen mit steigender Tendenz, die Zahl der Kundenkontakte nimmt pro Jahr um etwa 80 Prozent zu. 2014 hat Audi gut 12.500 Ersatzteilanfragen von Oldtimer-Besitzern bearbeitet.

Um ihre Lager zu füllen, treiben die Autobauer großen Aufwand: Sie übernehmen die Restbestände aus der Serienproduktion, lassen manche Verschleißteile nachfertigen oder stellen sogar die Maschinen zur Seite, auf denen die Originalbauteile gefertigt werden. «Man kann ja nie wissen, ob man die nicht noch einmal anwerfen muss», sagt ein Mitarbeiter aus der Klassik-Sparte von Mercedes. Für VW und Audi sind Ersatzteil-Detektive im Einsatz, die weltweit nach aufgelösten Lagern und vergessenen Regalen fahnden.

Entsprechend üppig sind die Vorräte einzelner Unternehmen: VW etwa hat 60.000 Positionen und rund fünf Millionen einzelne Teile auf Lager, sagt Jörn Schwieger von VW Classic Parts. Manuel Müller von Mercedes berichtet von über 50.000 Teilen. Zwar wird mit steigenden Baujahren die Versorgung besser, melden die Hersteller unisono. Aber in den Regalen schlummern auch sehr alte Schätze: VW hat noch eine Ölablassschraube auf Lager, die schon 1946 beim Brezel-Käfer eingesetzt wurde. Und Mercedes kann mit allen Verschleißteilen für den Patent-Motorwagen dienen - obwohl der bereits 1886 gebaut wurde.

So unterschiedlich wie das Alter ist der Wert der Ersatzteile: In den Lagern findet man Befestigungsclips und Schrauben für wenige Cent genauso wie große Ersatzteile für mehrere Tausend Euro. Teuerstes Teil bei Audi Tradition ist der Rumpfmotor eines V8 TDI für 26.710 Euro. Mercedes hat noch eine frühe Bugverzierung des 300 SL für 10.000 Euro auf Lager. Und der Achtzylinder für den Passat W8 als Rechtslenker führt mit 14.900 Euro die Preisliste im Classic-Parts-Sortiment von VW an.

Obwohl die Klassik-Abteilungen vor allem in der Vergangenheit leben, denken sie auch an die Zukunft und stocken ihr Teilelager auf. Audi-Sprecher Kober berichtet von Sitzbezügen für den gerade auslaufenden R8, die schon bei ihm gelistet sind. Und Schwieger von VW weist auf eine Reihe von «Edition 30»-Schriftzügen hin, die bis 2008 an eine Sonderedition des Golf GTI montiert wurden: «Das wird sicher mal ein Klassiker von übermorgen.»

Mercedes, BMW, Audi, Porsche, VW, Jaguar - bei Marken, die noch im Geschäft sind, haben Oldtimer-Fans vergleichsweise leichtes Spiel. Zwar bemerken Sammler wie der BMW-Liebhaber Jost-Martin Dahlhaus aus Kierspe bissig, dass sich die Hersteller diesen Service gut bezahlen lassen und die Organspenden für Oldtimer oft um ein Vielfaches teurer sind als aktuelle Bauteile. «Doch dafür gibt es quasi keine Lieferprobleme, sondern man hat fast jedes Teil binnen 24 Stunden als Päckchen in der Garage.» Wie gut die Lager bestückt sind, hat BMW vor ein paar Jahren bewiesen und einen 2002 tii zu 90 Prozent aus Ersatzteilen nachgebaut - mehr als 30 Jahre nach Produktionsende.

Die Versorgung funktioniert am besten, wenn Sammler und Hersteller aus dem gleichen Land stammen, aber auch grenzübergreifend. «Das Internet macht's möglich», sagt der Mustang-Sammler Michael Krämer aus Lohra, der regelmäßig Ersatzteile aus den USA kommen lässt und dabei eigentlich nur über den Zoll und die langen Paketlaufzeiten stöhnt. «Man braucht ein bisschen mehr Geld und Geduld als bei einem deutschen Oldtimer, aber Engpässe gibt es kaum.» Auch Fernando Pisona kann nicht klagen, obwohl der Käfer-Sammler nicht in Braunschweig, sondern in Buenos Aires zu Hause ist. Seitdem er Kontakt zu VW Classic Parts hält, ist für den Chef des Argentina Volkswagen Club die Suche nach Ersatzteilen für seinen Escarabajo, wie er den Käfer liebevoll nennt, vorbei. Kein Einzelfall, sagt Audi-Sprecher Kober: «Wir liefern bis nach Australien oder Neuseeland und bearbeiten zum Beispiel gerade eine Anfrage aus Neu-Kaledonien.»

Hartmut Loges kann von so einem Service nur träumen. Der Essener ist Vorsitzender der Borgward-Interessensgemeinschaft und hat keinen Hersteller mehr im Hintergrund - Borgward ist seit 1961 pleite. Doch über Ersatzteilprobleme klagt auch er nicht. «Die Gemeinschaft ist so groß und so eng vernetzt, dass es sich für Spezialisten lohnt, alte Ersatzteile aufzubereiten oder diese nachzufertigen», so Loges. Aufheben, aufspüren, aufarbeiten oder nachproduzieren - manche Klassik-Sparten bei den Fahrzeugherstellern lassen es dabei nicht bewenden. Bei Porsche zum Beispiel sind die Oldtimer-Spezialisten noch einmal in die Entwicklung eingestiegen. Weil immer mehr Old- und Youngtimer auch im Alltag genutzt werden, hat der Sportwagenbauer ein Navigationssystem im historischen Gewand entwickeln lassen. Rund 1200 Euro kostet das Zubehörteil für historische Porsche-Modelle, das zu deren Bauzeit noch gar nicht erfunden war.

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