Oldsmobile Jetstar 88: Oldtimer-Fahrbericht Blaues Wunder

22.01.2015

Als Familienlimousine mit viel Komfort machte der Jetstar 88 im Jahr 1964 Furore. Im Schwäbischen durften wir ein unrestauriertes Exemplar erleben. Fahrbericht

Ein halbes Jahrhundert lang – von 1949 bis 1999 – war die Zahl 88 beim US-Autobauer Oldsmobile die Modellbezeichnung von sechs aufeinander folgenden Baureihen. Während der 88 zu Anfang noch als Mittelklassemodell im Markenprogramm fungierte, wurde er in den 1950er-Jahren gar zum Einstiegsmodell in die Welt von Oldsmobile erkoren.

Erst in den 1960er-Jahren, als dieser Hersteller auch kleinere Autos anbot, avancierte der 88 zu einem Automobil der gehobenen Mittelklasse, so wie das hier vorgestellte Exemplar aus dem Jahre 1964 von US-Car- Fan Ingo Hamann aus dem schwäbischen Filderstadt nahe Stuttgart.

 

V8-Motor mit dem klangvollen Namen „Jetfire Rocket“

Im richtigen Leben in der Designabteilung eines renommierten schwäbischen Autobauers tätig, weiß Ingo Hamann grundsolide, ehrliche Fahrzeugtechnik zu schätzen und erfreut sich gerade deshalb immer wieder aufs Neue an seinem Oldsmobile 88 mit dem Beinamen Jetstar. Sein Auto ist ein so genannter Survivor, ein „Überlebender“, der eine Restaurierung im klassischen Sinne nie erfahren hat.

Dieser Jetstar 88 ist in Würde ergraut, könnte man auch sagen, denn eine dezente Patina zeugt innen wie außen vom langen Autoleben und von Erlebnissen. Eines dabei war etwa eine Nebenrolle im Kurzfilm „Diesel Housekeeper“.

„Mancher Oldtimer-Fan mag ob des einen oder anderen Kratzers hier oder eines Mini-Rostpickels dort vielleicht die Nase rümpfen, doch ich liebe einfach originale Autos, die in ihrer Gesamtsubstanz prächtig erhalten und unverfälscht sind“, erklärt der Schwabe. Tatsächlich hat in der Oldtimer-Szene längst eine Trendwende stattgefunden, hin zu ebensolchen gut erhaltenen, unrestaurierten Schätzen. Die Charta von Turin lässt grüßen.

Doch ob restauriert oder nicht, ob Top-Zustand oder Patina-Mobil – das Einzige, was am Ende des Tages zählt, ist der Spaß, den der Besitzer mit seinem Wagen hat. Und den hat mit dem babyblauen Jetstar 88 nicht nur Ingo Hamann in unseren Tagen, wenn er ein US-Car-Treffen besucht. Spaß mit dem Jetstar 88 als Limousine hatten auch die amerikanischen Familien Mitte der 60er-Jahre – dafür hatte Oldsmobile mit Technik und Ausstattung gesorgt.

Abgesehen von der Limousine war der Jetstar 88 auch als viertürige Hardtop-Limousine, als Hardtop-Coupé sowie als Cabrio im Angebot. In allen Varianten sorgte standardmäßig ein auf 10,25 verdichteter V8 mit dem klangvollen Namen „Jetfire Rocket“ und 5407 Kubikzentimetern Hubraum sowie einer Leistung von 245 PS bei 4600 Umdrehungen pro Minute für Vortrieb.

Die Kraftübertragung übernahm serienmäßig die Synchromesh-Dreigang-Automatik und als Sonderausstattung die so genannte „Jetaway Drive“: Das war eine Automatik, die mittels zweistufigem Drehmomentwandler eine besonders effiziente Drehmomentübertragung versprach.

Unterhalb einer Geschwindigkeit von 65 Meilen pro Stunde ermöglichte eine Kickdown-Funktion volle Beschleunigung, und bei weniger als 18 mph genügte halbes Durchtreten des Gaspedals, um einen Gang herunterzuschalten. Für verbesserte Traktion sorgte ein optional erhältliches Sperrdifferential.

All dies war allemal ausreichend, um den Sprint von null auf 100 Stundenkilometer in rund zwölf Sekunden zu erledigen und eine Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h zu erreichen. Wem das nicht genügte, der konnte gegen Aufpreis auch zur leicht geschärften Variante des „Jetfire Rocket“ greifen, der dank eines Vierfachvergasers stramme 260 PS freisetzte.

 

VIEL KOMFORT UND LAUFRUHE

Damit sich die Passagiere auch bei schneller Gangart immer noch wohlfühlten, ließ man sich das so genannte „Power-balanced Chassis“ einfallen. Man warb offensiv für ein besonders ruhiges, weiches Fahrerlebnis, das – so der Prospekt – auf einer gekonnten Gesamtabstimmung von Motor, Federung/Dämpfung, Rädern, Bremsen und sogar der Auspuffanlage beruhe.

Für ein besonders direktes Fahrgefühl sollte insbesondere ein neuer, verwindungsfester Rahmen sorgen, der mit insgesamt vier Querversteifungen auch erhöhte Aufprallsicherheit versprach. Große 14-Zoll-Räder ermöglichten zudem vergleichsweise große Bremsendurchmesser (beim Jetstar 88 wurde auf die Bremsanlage vom F-85 zurückgegriffen).

Für ein unvergleichlich ruhiges, geräuscharmes Fahrerlebnis sorgte hingegen die Entkoppelung der aufgesetzten Karosserie durch spezielle Gummielemente an den insgesamt zwölf Verbindungspunkten zum Rahmen. Jene Verankerungsstellen hatte man gegenüber dem Vorgängermodell obendrein größer und stabiler ausgelegt. Stolz war man bei Oldsmobile auch auf die neue Auspuffanlage. Als Zweikammersystem ausgelegt, servierte sie trotz reduziertem Staudruck einen vergleichsweise leisen Klang.

Eine spezielle Aluminiumbeschichtung versprach ein signifi kant verbessertes Korrosionsverhalten und damit längere Lebensdauer. Das gesteigerte Komfortangebot des Jetstar 88 für das Jahr 1964 rundeten schließlich ein deutlich vergrößerter, nunmehr 484 Liter fassender Kofferraum sowie ein neues Heizungs- und Lüftungssystem ab.

Welchen Stellenwert der Karosseriebau in jenen Tagen in den USA gehabt hat, vermittelt eine kleine Plakette mit der Aufschrift „Body by Fisher“ sowie einer abgebildeten Kutsche. Die Karosserie des Oldsmobile Jetstar 88 verwies – ganz im Stile von Karmann oder Reutter hierzulande – auf das Traditionsunternehmen Fisher, das bereits im Jahre 1908 von FredericJ. Fisher in Detroit gegründet und 1926 zu einer hundertprozentigen Tochter von General Motors geworden war.

Oldsmobile Jetstar 88: Daten und Fakten
Antrieb
V8-Zyl., längs eingebaut; 2-Ventiler; eine untenliegende Nockenwelle, Kettenantrieb; Gemischbildung: ein Vergaser Rochester 2BC; Hubraum: 5407 cm³; Bohrung x Hub: 100,012 x 85,725 mm; Verdichtung 10,25; Leistung: 180 kW/245 PS bei 4600/min; maximales Drehmoment: 345 Nm bei 2400/min; Dreistufen-Automatik; Lenkradschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit vier Türen auf Rahmen; Radaufhängung vorn: Trapez-Dreieckquerlenker, Schraubenfedern; hinten: Starrachse, Schraubenfedern; v./h. hydraulische Stoßdämpfer; Servolenkung; Bremsen: v./h. Trommeln; Reifen: v./h. 7.50-14; Räder: 215/75 R 14
Eckdaten
L/B/H: 5469/1981/1420 mm; Radstand: 3124 mm; Spurweite v./h.: 1580/1549 mm; Leergewicht: 1700 kg; Gesamtgewicht: 2400 kg; Tankinhalt: 79,5 l; Bauzeit: 1964 bis 1966; Stückzahl: 24.614; Preis (1964): 2924 US-Dollar
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 12 s; Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h; Verbrauch: 18-25 l/100 km
1Werksangaben

MARKTLAGE

Zustand 2: 16.100 Euro
Zustand 3: 10.500 Euro
Zustand 4:    4200 Euro
Wertentwicklung: leicht steigend
Definition der Zustandsnoten

Jürgen Gassebner

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