Classic Cars - Oldtimer-Vergleich: NSU RO 80 gegen VW K 70 Zurück in die Zukunft

04.08.2013

Oldtimer-Vergleich: 1970 startete mit dem K 70 der erste wassergekühlte Volkswagen. Wie beim visionären Ro 80 mit Wankelmotor wurde die Technik von NSU entwickelt

Wolfsburg Ende der 60er Jahre: Am Mittellandkanal ziehen dunkle Wolken auf, denn das Heckmotor- Konzept von VW stößt an seine Grenzen. Verbrauch, Leistung und Fahreigenschaften von Käfer und Co. wirken inzwischen antiquiert. Da trifft es sich gut, dass der VW-Konzern unlängst die dahinsiechenden NSU-Werke übernommen und in die Audi NSU Auto Union AG umgewandelt hat. Im Nachlass des Unternehmens befindet sich mit dem K 70 (K steht für Kolben- bzw. Hubkolbenmotor) eine fertig entwickelte, viertürige Mittelklasse-Limousine mit wassergekühltem Längsmotor und Vorderradantrieb. Deren für März 1969 geplante Präsentation wird verschoben und 1970 – nun unter dem VW-Logo und der Sonne Südfrankreichs – nachgeholt. Eine Zeitenwende für Volkswagen.

Dagegen behielt der Ro 80 (Ro steht für Rotationskolben) von Anfang (1967) bis Ende (1977) das NSU-Logo wie auch seine Ausnahmestellung auf dem Automobilmarkt. Diese ergab sich durch den Zweischeiben-Wankelmotor der Oberklasse-Limousine. Für dessen geistigen Vater, Felix Wankel, waren Hubkolbenmotoren bloß "Schüttelhuber". Im Gegensatz dazu wird bei seinem Kreiskolbenmotor die im Brennraum generierte Energie direkt in eine Drehbewegung umgesetzt – ohne den sonst üblichen Umweg über eine Hubbewegung. Der Wankelmotor arbeitet daher frei von Vibrationen und legt eine fabelhafte Laufruhe an den Tag.

Ein cW-Wert von 0,35 war Ende der 60er ebenso fortschrittlich wie ein profilierter Unterboden zur Minimierung des aerodynamischen Auftriebs. Doch auch das vermeintliche Brot- und Butter-Mobil K 70 wartete mit ungewöhnlicher Technik auf: Wie beim Ro 80 sorgen an der Vorderachse innenliegende Scheibenbremsen für Verzögerung und eine Verringerung der ungefederten Massen. Der NSU Ro 80 bremst übrigens auch hinten mit Scheiben – der VW K 70 hat da lediglich Trommeln. Eine weitere Gemeinsamkeit von K 70 und Ro 80: Beide stammen aus der Feder von Claus Luthe, einer der deutschen Design-Größen, die unter anderem für die Formen von NSU Wankel Spider, der zweiten Generation des 3er BMW (E30) oder des BMW 8er Coupés verantwortlich zeichnete.


Kante gegen Keil – zwei Formensprachen


Da stehen die zwei Klassiker nun vor uns und lassen sich das Blech von der südfranzösischen Wintersonne wärmen. Statt Schnee und Streusalz wartet auf den K 70 aus dem Jahr 1972 und den Ro 80, Baujahr 1976, eine Ausfahrt entlang der Côte d’Azur – Balsam für die angejahrte Mechanik.

Die kantige K 70-Form samt Trapezdach und klarer Linienführung könnte in ihrer Schnörkellosigkeit glatt als Beispiel automobiler Bauhausarchitektur gelten. Ihr hält der NSU Ro 80 seine Keilform entgegen. Seine Karosserie wirkt progressivdynamisch – wie geschaffen für Menschen mit Sendungsbewusstsein. Innen umgibt die Lenkräder ein Arrangement aus Kunststoff, etwas Chrom und Velourspolstern im Stil der Zeit, wobei der NSU sogar ein mit Kunstleder überzogenes Armaturenbrett hat. Dafür bietet der K 70 mit seiner klar konturierten Karosserie und den großen Fenstern eine Rundumsicht, von der moderne Mittelklassemodelle meilenweit entfernt sind.

Der Vierzylinder des K 70 wird mit gezogenem Choke zum Leben erweckt. 75 PS aus 1,6 Liter Hubraum stehen dann zur Verfügung, damals die schwächste Motorisierung. Das Triebwerk dient nur vorübergehend als Antrieb, denn der originale 90-PS-Motor wird gerade überholt. Seinerzeit bildete ein 1,8 Liter großes 100-PS-Aggregat die Leistungsspitze. Die Fahrleistungen des 75-PS-Motors stehen heutzutage für Bescheidenheit, doch 16,0 Sekunden für den Sprint von null auf 100 km/h und 148 km/h Höchstgeschwindigkeit galten als anständiger Durchschnitt. Wir wählen die kurvige Küstenstraße westlich von Cannes.

Der Motor des K 70 läuft etwas rau, aber wir kommen zügig vorwärts. Die Viergangschaltung will mit Bedacht bedient werden. In Kurven neigt sich der VW abenteuerlich zur Seite, ist aber dabei grundsätzlich sehr fahrsicher. Mit McPherson-Federbeinen vorn und Schräglenkerachse hinten zählt er zu den fortschrittlichen Autos seiner Zeit. Wir wechseln in den Ro 80. Der Anlasser braucht nur kurz, um den Wankelmotor zu wecken. Fuß auf die Bremse, den Wählhebel der Dreistufen-Halbautomatik, der wie ein normaler Mittelschaltknüppel aus dem Mitteltunnel ragt, nach hinten ziehen und Gas geben. Mit singendem Geräusch setzt sich der NSU in Bewegung. Gaslupfen, Hebel nach vorn, zweiter Gang. Achtung: Beim Anfassen des Hebels unterbricht ein Kontakt im Knauf die Kraftübertragung.


Bei Den Stückzahlen trumpfte Der K 70 auf


Der nähmaschinengleiche Motorlauf, die besseren Fahrleistungen – null auf 100 km/h in knapp 14 Sekunden und immerhin rund 180 km/h Höchstgeschwindigkeit –, dazu die exaktere Lenkung, der bessere Federungskomfort und das leisere Innengeräusch sortieren den NSU Ro 80 eine Klasse höher ein als den K 70. Die Seitenneigung in Kurven fällt zwar noch stärker aus als beim VW, doch auch das Fahrverhalten des Ro 80 bleibt unproblematisch. Auf der Autobahn spielt die Wankel-Ikone ihren Trumpf von 2,86 Meter Radstand aus und läuft unbeirrbar geradeaus – und das auch heute noch ohne Murren mit hohen Reisedurchschnitten.

Schnelles Fahren treibt allerdings den Verbrauch in immer größere Höhen: rund 20 Liter auf 100 Kilometer sind dann keine Seltenheit. Wie bestellt läuft im Philips- Radio des NSU der Boston-Hit "More than a feeling" von 1976, dem Baujahr unseres Ro 80. Heute unterwegs mit zukunftsweisenden Autos von gestern – eine wahrhaft besondere Erfahrung. Der Ro 80 wurde nach zehnjähriger Bauzeit und gut 37.000 Exemplaren 1977 wegen mangelnder Rentabilität eingestellt. Das Arbeitsprinzip des Wankelmotors, dem oft aus Unkenntnis und meistens zu Unrecht mangelnde Standfestigkeit nachgesagt worden war, überlebte in diversen Mazda-Modellen. Audi experimentierte noch eine Weile damit, stellte die Arbeit dann aber endgültig ein.

Im eigens für den VW K 70 gebauten Werk in Salzgitter rollten von 1970 an bis 1975 immerhin über 211.000 Exemplare vom Band. Wasserkühlung und Frontantrieb blieben das Kennzeichen des kurz zuvor erschienenen und auf Anhieb erfolgreichen Audi 80-Derivats VW Passat und des VW Golf. Der K 70 hat ihnen den Weg geebnet. K 70 und Ro 80 haben ihren Platz in der deutschen Automobilgeschichte redlich verdient, auch wenn sie die Nerven ihrer Besitzer nicht selten mit Malaisen wie etwa hohen Verbräuchen oder anfangs häufigen Motorschäden (Ro 80) strapazierten. Beide Limousinen haben inzwischen längst Kultstatus erreicht.

TECHNIK
 

VW K 70
ANTRIEB R4-Zylinder; vorn längs eingebaut; 2-Ventiler; eine obenliegende Nockenwelle; ein Flachstrom-Doppelvergaser; Bohrung x Hub: 82 x 76 mm; Hubraum: 1605 cm³; Verdichtung: 8,0:1; Leistung: 55 kW/75 PS bei 5200/min; max. Drehmoment 123
Nm bei 3500/min; Viergang-Getriebe; Mittelschaltung; Vorderradantrieb
AUFBAU+FAHRWERK Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit vier Türen; Radaufhängung: vorn an Mc-
Pherson-Federbeinen, Querlenkern, Stabilisator; hinten Schräglenkerachse, Schraubenfedern, Stoßdämpfer, Stabilisator; Zahnstangenlenkung; Bremsen: v. Scheiben, h. Trommeln; Reifen: 165/80 R 14, Räder: 5 x 14
ECKDATEN L/B/H: 4455/1664/1435 mm; Radstand: 2690 mm; Spurweite v./h.: 1390/1425 mm; Wendekreis: 10,7 m; Leergewicht: 1100 kg; elektrische Anlage: 12 Volt;
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 16,0 s¹; Höchstgeschwindigkeit: 148 km/h¹; Verbrauch: ca. 12,5 l/100 km; Bauzeit: 1970 bis 1975; Stückzahl: ca. 211.000; Preis (1972): 9450 Mark
¹ aus AUTO ZEITUNG 1/2010
  NSU RO 80
 ANTRIEB Zweischeiben-Wankelmotor, vorn eingebaut; zwei Fallstromvergaser Solex 18/32 HHD; Kammervolumen: 995 cm³; Verdichtung: 9,0:1; Leistung: 85 kW/115 PS bei
5500/min; max. Drehmoment: 157 Nm bei 4000/min; halbautomatisches
Dreigang-Getriebe mit hydraulischem Drehmomentwandler; Mittelschaltung;
Vorderradantrieb
AUFBAU+FAHRWERK Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit vier Türen; Radaufhängung: vorn an
McPherson-Federbeinen, Querlenkern, Schrauben- und Gummizusatzfedern; hinten Schräglenkerachse, Schrauben- und Gummizusatzfedern; Zahnstangenlenkung; Bremsen: rundum Scheiben, v. innenliegend; Reifen: 175/80 R 14; Räder: 5 x 14
ECKDATEN L/B/H: 4780/1760/1410 mm; Radstand: 2860 mm; Spurweite v./h.: 1480/1434 mm; Leergewicht: 1250 kg; Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 13,7 s¹; Höchstgeschwindigkeit: 181 km/h¹; Verbrauch: 18,4 l/100 km¹; Bauzeit: 1967 bis 1977; Stückzahl: 37.402; Preis (1970): 15.500 Mark
¹aus AUTO ZEITUNG 6/1970

 

Marktlage VW K 70

Zustand 2:    4600 Euro
Zustand 3:    2600 Euro
Zustand 4:    1000 Euro
Wertentwicklung: stagnierend

 

Marktlage NSU RO 80

Zustand 2: 11.100 Euro
Zustand 3:    6700 Euro
Zustand 4:    2200 Euro
Wertentwicklung: stagnierend

Elmar Siepen

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