NSU Ro 80 und VW K 70 Entfernte Verwandte

29.03.2010

Zwei Revoluzzer von damals, unterwegs an der französischen Mittelmeerküste. Der K 70 war der erste wassergekühlte Volkswagen, der Ro 80 die erste Limousine mit Wankelmotor

Wolfsburg Ende der 60er: Am Mittellandkanal zogen dunkle Wolken auf, denn das Heckmotor-Konzept stieß an seine Grenzen: Verbrauch, Leistungsausbeute und Fahreigenschaften von Käfer und Co. wirkten inzwischen antiquiert. Da traf es sich gut, dass der VW-Konzern unlängst die dahinsiechenden NSU-Werke übernommen und in die Audi NSU Auto Union AG umgewandelt hatte. Im Nachlass des Unternehmens befand sich mit dem K 70 (K steht für Kolben bzw. Hubkolbenmotor) eine fertig entwickelte, viertürige Mittelklasse-Limousine mit wassergekühltem Frontmotor und Frontantrieb. Deren für März 1969 geplante Präsentation wurde abgeblasen und 1970 – nun unter dem VW-Logo und der Sonne Südfrankreichs – nachgeholt. Eine Zeitenwende für Wolfsburg.

Verschiedene Formensprache – ein Designer

Dagegen behielt der Ro 80 (Ro steht für Rotationskolben) von Anfang (1967) bis zum Ende (1977) das NSU-Logo wie auch seine Ausnahmestellung auf dem Automobilmarkt. Diese ergab sich zweifellos durch den Zweischeiben-Wankelmotor der Oberklasse-Limousine. Für dessen geistigen Vater, Felix Wankel, waren Hubkolbenmotoren lediglich „Schüttelhuber“. Kein Wunder, wird doch bei seiner Erfindung die im Brennraum generierte Verbrennungsenergie direkt in eine Drehbewegung umgesetzt – ohne den Umweg über eine Hubbewegung wie beim Hubkolbenmotor. Das verursacht kaum Vibrationen und bedeutet mehr Laufkultur als beim konventionellen Vierzylinder.

Ein cW-Wert von 0,35 war für damalige Verhältnisse ebenso fortschrittlich wie ein profilierter Unterboden zur Minimierung des aerodynamischen Auftriebs. Doch auch das vermeintliche Brot- und Butter-Mobil K 70 wartete mit fortschrittlicher Technik auf: Wie beim Ro 80 sorgen an der Vorderachse innenliegende Scheibenbremsen für Verzögerung und eine Verringerung der ungefederten Massen. Der Ro 80 bremst übrigens auch hinten mit Scheibenbremsen.

Eine weitere Gemeinsamkeit

von K 70 und Ro 80: Beide stammen aus der Feder von Claus Luthe, einer der deutschen Design-Größen, die unter anderem für die Formen vom NSU-Wankel-Spyder, der zweiten Generation des 3er BMW (E30) oder des BMW 8er Coupé verantwortlich zeichnete.

Da stehen die zwei Klassiker nun vor uns und lassen sich das Blech von der südfranzösischen Wintersonne wärmen. Statt Schnee und Streusalz wartet auf den K 70 aus dem Jahr 1972 und den Ro 80, Baujahr 1976, eine Ausfahrt entlang der Côte d’Azur – Balsam für die angejahrte Mechanik.

Die kantige K 70-Form samt Trapezdach und klarer Linienführung könnte in ihrer Schnörkellosigkeit  glatt als Beispiel automobiler Bauhausarchitektur gelten. Ihr hält der Ro 80 seine Keilform entgegen. Seine Karosserie wirkt bootsförmig, zeitlos – wie geschaffen für Menschen mit Faible für Formen. Innen umgibt die spindeldürren Lenkräder ein Arrangement aus Kunststoff, etwas Chrom und Velourspolstern ganz im Stil der Zeit, wobei der NSU sogar ein mit Kunstleder überzogenes Armaturenbrett hat. Dafür bietet der VW mit seiner kantigen Karosserie und den großen Fenstern eine Übersichtlichkeit, die noch heute als beispielhaft gilt.

Der K 70 muss mit gezogenem Choke zum Leben erweckt werden. 75 PS aus 1,6 Liter Hubraum stehen dann zur Verfügung, damals die „schwächste“ Motorisierung. Das Triebwerk dient nur vorübergehend als Antrieb, denn der originale 1,8-Liter-Motor mit 90 PS wird gerade überholt. Seinerzeit bildete ein hubraumgleiches 100-PS-Aggregat die Leistungsspitze. Die Fahrleistungen des 75-PS-Motors stehen heutzutage für Bescheidenheit, doch 16 Sekunden von null auf 100 km/h und 148 km/h Höchstgeschwindigkeit galten damals durchaus flott. 

Bei den Stückzahlen trumpft Der K 70 auf
Wir wählen die kurvige Küstenstraße westlich von Cannes. Der Motor des K 70 läuft etwas rau, aber wir kommen zügig vorwärts. Die Viergangschaltung will mit Bedacht bedient werden. In Kurven neigt sich der VW abenteuerlich zur Seite, ist aber auch nach heutigen Maßstäben noch sehr fahrsicher. Mit McPherson-Federbeinen vorn und Schräglenkerachse hinten war er damals schon sehr fortschrittlich konzipiert.

Wir wechseln in den Ro 80. Der Anlasser braucht nur kurz, um den Wankelmotor zu wecken. Fuß auf die Bremse, den Wählhebel der Dreistufen-Halbautomatik nach hinten ziehen und Gas geben. Mit singendem Geräusch setzt sich der NSU in Bewegung. Gaslupfen, Hebel nach vorn, zweiter Gang. Achtung: Ein Anfassen des Hebels unterbricht per Kontakt die Kraftübertragung. Der sehr vibrationsarme Motorlauf, die besseren Fahrleistungen – null auf 100 km/h in 14 Sekunden, 176 km/h Spitze –, die exaktere Lenkung, der bessere Federungskomfort und der gelungenere Geräuschkomfort sortieren den NSU eine Klasse höher ein als den K 70. Die Seitenneigung in Kurven fällt zwar noch stärker aus als beim VW, doch auch der Ro 80 bleibt unproblematisch.

Wie bestellt läuft im Phillips-Radio Boston des NSU der Hit „More than a feeling“ von 1976, dem Baujahr unseres Ro 80. Heute unterwegs mit zukunftsweisenden Autos von gestern – eine wahrhaft besondere Erfahrung. Der Ro 80 wurde nach zehnjähriger Bauzeit und rund 37000 Exemplaren 1977 wegen mangelnder Rentabilität eingestellt. Der Wankelmotor lebt bis heute bei Mazda weiter.

Aus dem eigens für den VW K 70 gebauten Werk in Salzgitter rollten zwischen 1970 und 1975 immerhin über 211000 Exemplare vom Band. Wasserkühlung und Frontantrieb blieben das Kennzeichen des kurz zuvor erschienenen und auf Anhieb erfolgreichen Audi 80-Derivats VW Passat und des Golf. Der K 70 hat ihnen den Weg geebnet.

Und so haben sich der K 70 und der Ro 80 ihren Platz in der Automobilgeschichte redlich verdient, auch wenn sie die Nerven ihrer Besitzer nicht selten mit Malaisen wie etwa hohen Verbräuchen oder anfangs häufigen Motorschäden (Ro 80) strapazierten. Elmar Siepen

AUTO ZEITUNG

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