BMW-Chef Norbert Reithofer im Interview über die Pläne des Autobauers "Neuland betreten"

15.07.2013

BMW-Chef Norbert Reithofer erläutert im Interview die Bedeutung der Elektromobilität und Pläne zu einem neuen Sportwagen

Herr Reithofer, wissen Sie , bei welchem Kurs die BMW-Aktie stand, als Sie den Vorstandsvorsitz übernommen haben?

Nicht genau, aber er dürfte sich irgendwo zwischen 35 und 40 Euro bewegt haben.

Die Aktie stand bei 40,48 Euro – das ist eine Steigerung um rund 80 Prozent. Damit sind Sie der erfolgreichste BMW-Chef aller Zeiten. Sind Sie zufrieden?

Das Unternehmen hat sich hervorragend entwickelt, insofern könnte man schon zufrieden sein. Aber Zufriedenheit ist auch gefährlich. Ich blicke immer einige Jahre in die Zukunft und stelle mir die Frage: Was müssen wir tun, um auch dann noch so erfolgreich zu sein? Das hat uns auch im Jahre 2007 getrieben, die Strategie "Number One" zu starten.

Number One ist ein gutes Stichwort. BMW ist derzeit die Premium-Marke Nummer eins auch bei den SUV.

Ja, insbesondere die Entwickung der SUVVerkäufe begeistert uns. Im vergangenen Jahr haben wir allein über 550.000 SUV – einschließlich des MINI Countryman – verkauft. Als wir 1999 mit dem BMW X5 gestartet sind, befürchteten damals einige im Vertrieb, dass es für dieses Fahrzeug nicht genug Käufer geben werde. Insgesamt haben wir bislang weit über 2,7 Millionen BMW X-Modelle ausgeliefert. 2014 werden wir diese Erfolgsgeschichte mit dem BMW X4 fortschreiben.

Sie haben die Marke BMW stark verändert: Bald wird es den ersten BMW mit Frontantrieb geben, Sie haben frühzeitig auf Downsizing gesetzt und auch auf Elektromobilität. Müssen sich Marken vor dem Hintergrund der Globalisierung im Markenkern verändern und neu aufstellen?

Nicht nur allein wegen der Globalisierung, das Umfeld wird sich zukünftig stark verändern. Nehmen Sie zum Beispiel die CO2-Regularien, die weltweit auf uns zukommen werden. Deshalb müssen wir uns überlegen, wie wir unsere Kernwerte in die Zukunft transportieren können.

Wie würden Sie den Markenkern von BMW beschreiben?

BMW wird immer für Dynamik und Freude am Fahren stehen. Wir haben uns dabei zudem auf die Fahne geschrieben, Sportlichkeit mit Effizienz und Nachhaltigkeit zu verbinden. BMW steht natürlich auch für zukunftsweisendes Design, höchste Produktsubstanz und Innovationen. Ich halte es auch für wichtig, sich in neue Produktbereiche vorzuwagen, beispielsweise den Frontantrieb, der auf einer Front- und Allrad-Architektur für BMW und MINI aufbaut. Aber auch die Entwicklung einer Motorenfamilie, die neben Sechs- und Vier- auch aufgeladene Dreizylindermotoren beinhaltet. Und natürlich BMW i mit den beiden Modellen BMW i3 und i8. Das hat die Marke BMW noch weiter nach vorne gebracht. Die i-Modelle sind eine Investition in die Zukunft.

Was soll BMW für Sie in der Zukunft sein: die "grünste“ oder die sportlichste Premium-Marke?

Das eine schließt das andere nicht aus. BMW ist und wird auch in Zukunft eine sportliche und effiziente Premium-Marke sein. Unser Ziel ist es auch, die zukünftigen gesetzlichen CO2-Vorgaben zu erfüllen. Zum Beispiel die 95 Gramm CO2 pro Kilometer, die die Europäische Union 2020 im Durchschnitt als Flottenziel für die Industrie vorgibt. Ohne alternative Antriebe oder Dreizylinder-Turbomotoren werden wir das nicht schaffen. Aber die 68 bis 78 Gramm CO2 pro Kilometer für das Jahr 2025, die nun im Raum stehen, sind aus meiner Sicht politisches Wunschkonzert und haben mit technischer Analyse oder Machbarkeit nicht das Geringste zu tun.

Bis zu welchen Baureihen ist der Dreizylinder salonfähig?

Unser Dreizylinder ist ein hervorragender Motor, was Sound und Ansprechverhalten betrifft. Er passt also perfekt zu uns. Auch wenn er für den BMW 3er momentan noch nicht vorgesehen ist, kann ich ihn mir künftig in dieser Baureihe vorstellen, darüber aber eher nicht.

Sie haben für die Entwicklung von i3 und i8 viel Geld investiert. Was ist, wenn die Stückzahlen unter Ihren Erwartungen bleiben? Denn auf den Fertigungsstraßen können Sie keine anderen Modelle produzieren.

Ich bin für den i3 und i8 sehr optimistisch. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres ist der Absatz in den USA bei den reinen Elektroautos um 135 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Hier wächst ein Markt, der durchaus für 60.000 Autos im Jahr gut sein kann. Auch andere Märkte wie China haben Potenzial. In Deutschland müssen wir die Begeisterung für Elektrofahrzeuge sicher noch wecken.

Andere Hersteller gehen da weniger Risiko. Sie integrieren Elektro-Module in bestehende Modelle.

Wir bei der BMW Group setzen bewusst auf deutlich innovativere Lösungen und damit auf Fahrzeuge, die speziell für den Elektroantrieb konzipiert worden sind. So gelingt es uns auch durch den Einsatz von Karbon, das Mehrgewicht der Batterien zu kompensieren. Wir steigen damit in die Industrialisierung von Karbon ein. Darüber hinaus gewinnen wir im Unternehmen weitere wichtige Erkenntnisse, was die Verwendung von Karbon betrifft. Eine Karbonmischbauweise ist auch für andere Modelle durchaus vorstellbar.

Prägen Leichtbau und Karbon auch den Sportwagen, den Sie gemeinsam mit Toyota entwickeln wollen?

Wir arbeiten derzeit einen gemeinsamen Projektplan aus. Diskutiert werden unter anderem ein klassischer Sportwagen sowie ein Sportwagen, der uns in Sachen Gewicht und Elektrifizierung sehr weit in die Zukunft bringen würde.

Sie sind aber kein Freund klassischer Sportwagenkonzepte?

Was man aus meiner Sicht hier im Auge behalten muss, ist die Tatsache, dass dieses Segment schrumpft.

Warum gerade eine Sportwagen-Kooperation mit Toyota? Die Marke steht nicht gerade für emotionale Fahrzeuge.

Beide Partner ergänzen sich bei der Kooperation sehr gut. Die Zusammenarbeit mit Toyota erstreckt sich neben Sportwagen auch auf die Themen Leichtbau, Brennstoffzelle, Lithium-Ionen- und Lithium-Air-Batterie-Technologie. Außerdem beliefern wir Toyota ab 2014 mit Dieselmotoren für den europäischen Markt.

Wäre dies ein Mittelmotor-Sportwagen oberhalb oder unterhalb des i8?

Ich möchte noch nicht zu viel verraten, aber nach meiner Vision wäre es ein Fahrzeug, von dem man mehrere Modelle ableiten könnte, die deutlich leichter und elektrifiziert sind.

Apropos Sportwagen. Wird der Z4 einen Nachfolger bekommen? Denn mit den Verkaufszahlen können Sie nicht zufrieden sein.

Der Z4 hält sich gut in einem Segment, das in Summe stark rückläufig ist. Das müssen wir bei der Entscheidung für einen Nachfolger beachten. Wenn der Z4 einen Nachfolger bekommt, könnte er Teil einer neuen Sportwagen-Architektur von BMW sein.

Im Klartext: BMW plant einen Sportwagen-Baukasten, von dem Sie unterschiedliche Segmente und Größen ableiten können?

Das wäre eine Möglichkeit.

Kommen wir zur bayerischen Revolution, dem Active Sports Tourer. Es ist der erste Van und der erste frontangetriebene BMW. Haben Sie mit dem Auto und mit den Derivaten die Golf-Familie im Visier?

Das Auto wird großartig! Wir bieten ein neues, sehr variables Fahrzeug mit kompakten Abmessungen an und werden damit ganz neue Zielgruppen erreichen. Die Funktionalität wird auch durch den Frontantrieb möglich, denn damit haben wir im Innenraum mehr Gestaltungsspielraum. Gleichzeitig wird das Auto selbstverständlich sehr agil und damit ein echter BMW sein. In einigen Modellen wird auch der neue Dreizylinder – als Diesel und als Benziner – zum Einsatz kommen. Ich kann Ihnen hier auch erstmals verraten, dass es von diesem Fahrzeug eine Ableitung geben wird.

Das heißt?

Ein größeres Modell mit mehr Raum und mit sieben Sitzen. Er wird auch anders im Design, besonders im Heckbereich. Auch hier werden wir Neuland betreten.

Das Gespräch führte Volker Koerdt

AUTO ZEITUNG

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