Nissan Skyline GT-R: Fahrbericht Japans schärfste Klinge

28.01.2016

Der erste Skyline GT-R von Nissan ist bei uns weitgehend unbekannt. In Japan genießt er dagegen Kultstatus. Wir hatten Gelegenheit, das Meisterstück von 1971 und seinen Besitzer kennenzulernen. Ein Fahrbericht.

Heiser röchelnd bollert der Skyline GT-R neben mir vor sich hin. Drei Weber-Doppelvergaser mit Ansaugtrichtern so groß wie Cocktailmixer verwirbeln das richtige Gemisch aus kühler Winterluft  und feinstem hochoktanigen Kraftstoff. Jeder einzelne Gasstoß lässt die Luft über dem Reihensechszylinder vibrieren. Mr. Hiroaki Shinomiya, der Besitzer des Skyline GT-R, bittet mich auf den Beifahrersitz. Das Zwei-Liter-Triebwerk arbeitet auf Betriebstemperatur. Es ist Zeit für eine Kostprobe – hier auf den kurvigen Straßen in den westlichen Vororten von Tokio.  Der Nissan stürmt los. Die Drehzahlmessernadel zittert über der 8000-Touren-Makierung. Ein Griff zum Schalthebel, ein kurzer Zug, nächster Gang, und der prächtige Motor arbeitet sich wieder lustvoll von unten heraus dem roten Bereich entgegen. Mr. Shinomiya versteht sein Handwerk. Sein virtuoses Spiel zwischen Gas- und Kupplung gleicht einer meditativen Zeremonie. Jeder Anschluss passt perfekt. Stille herrscht im kargen Innenraum des Skyline GT-R allerdings nicht. Der Sechszylinder im Bug kreischt wie ein reinrassiger Rennwagen.

 

SKYLINE GT-R: RARITÄT MIT RENNMOTOR

Das Ansaugen der Vergaserbatterie lässt Gaspedal und Bodenblech vibrieren – jeder Verbrennungsakt geht unter die Haut. Der Zwei-Liter-Motor scheint die Luft durch die Trichter regelrecht aus der Atmosphäre zu reißen und hängt gierig am Gas. Dieses Aggregat gehört nicht zu den gusseisernen, träge ansprechenden Langhubern, wie wir sie aus dem britischen Empire kennen. Bei ihm rotiert die Kurbelwelle mit bis zu 8000 Touren in ihren Lagern – jeder Gasstoß ein gefühlter Peitschenhieb. Einen echten 1971er-Skyline GT-R zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das silberne Coupé ist dabei eine ganz besondere Stecknadel: Unter der Haube des für den Rennsport konzipierten Zweitürers steckt ein ehemaliger Rennmotor. Während die Serientriebwerke mit 160 PS bei 7000 Umdrehungen bereits gut im Futter standen, bringt es der von 45er-Webern beatmete S20-Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen auf 180 PS bei munteren 8000 Umdrehungen und hat nichts mehr mit den Standardmotoren gemein.

Der GT-R ist für sein spielerisches Handling bekannt

Vielmehr stammt er von der legendären GR8-Maschine des früheren Prince-R380-Rennwagens ab, der sich Ende der 60er-Jahre erbitterte Kämpfe mit dem Porsche 904 lieferte. Mr. Shinomiya biegt an einer Kreuzung ab. Ein leichter Gasstoß, und der GT-R driftet leichtfüßig ums Eck. Ein paar Korrekturen am Lenkrad – der Skyline läuft wie festgezurrt in der Spur. Der GT-R war Anfang der 70er bei Rennfahrern für sein spielerisches Handling bekannt. Ohne-hin konzipierten die Japaner den PGC10 von vornherein für den Rennsport. Insbesondere das Coupé (KPGC10) mit seinem kürzeren Radstand und dem abgespeckten Interieur war für viele Privatfahrer der Motorsporteinstieg. Der ersten GT-R-Baureihe genügten zwei Produktionsjahre, um 50 Siege einzufahren. Auch unser Skyline erzählt seine Rennsportgeschichte in jeder Falz. Die maßgeschneiderten Schalensitze, der filigrane Überrollbügel und der markante, sehr steil stehende Heckflügel waren bereits vor über 40 Jahren als Track Pack erhältlich. Zudem hat der 1971er-GT-R bereits ab Werk statt einer Starrachse eine hintere Einzelradaufhängung an Schräglenkern – ganz im Gegensatz zu seinen harmlosen Skyline-Brüdern.

Der alte Skyline ist über 100.000 Euro wert

Mr. Shinomiya steuert den Skyline in eine Parkbucht. Der zurückhaltende Japaner erzählt, dass er damals vor 25 Jahren Glück hatte: Der Vorbesitzer verkaufte ihm den Wagen für nur 20.000 Euro. Ein gutes Geschäft. Heute könnte er problemlos 100.000 Euro für seinen GT-R mit Rennsportgenen verlangen. Aber Mr. Shinomiya wird seinen Traum niemals verkaufen. Wir verabschieden uns. Der Skyline zieht zwei schwarze Striche auf den Asphalt und kreischt mit 8000 Touren die Straße hinunter. Vielen Dank für die Kostprobe.

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Technische Daten des Skyline GT-R

NISSAN SKYLINE GT-R: Technische Daten und Fakten
Antrieb
R6-Zyl., 4-Vent., 3 Weber-Doppelvergaser; Hubraum: 1989 cm3; Leistung: 118 kW/160 PS bei 7000/min; max. Drehm.: 177 Nm bei 5600/min; Fünfgang-Getriebe; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Stahlblechkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: McPherson-Federb.; hinten: Einzelradaufh., Schräglenker, Federn, Stoßdämpfer; Bremsen: v./h. Scheiben; Reifen: v./h. 6.45H-14
Eckdaten
L/B/H: 4330/1595/1375 mm; Radstand: 2570 mm; Leergew.: 1050 kg; Bauzeit: 1971 bis 1973; Stückz.: 1950; Preis k.A.
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 9,4 s; Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h; Verbrauch: k.A.
1Werksangaben

Michael Godde

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