Nissan GT-R, Subaru WRX STI & Toyota GT86: Ausfahrt Kunst des Zen

24.11.2015

Japanische Sportwagen interpretieren dynamische Fortbewegung auf ihre ganz eigene Weise – von fein bis brachial. Eine Entdeckungsreise in Toyota GT86, Subaru WRX STI und Nissan GT-R

Der Tusche-Pinsel schwebt wenige Millimeter über dem Papier, glänzend schwarz, vollgesogen mit Tinte. Kein Zittern, kein Zögern, nur versunkene Konzentration. Plötzlich fließt das feine Haar in wenigen Bewegungen über die blütenweiße Oberfläche, setzt feine Striche, tupft und tanzt. Nichts unterbricht den schmetterlingsleichten Flug des Pinsels – dass jeder Strich tiefer Versenkung entstammt, ist dem beinahe beiläufigen Spiel der führenden Hand kaum anzusehen. Dann ist das Werk vollendet, der Meister pustet sanft über die schnell trocknenden Zeichen. – Shodō. Japanische Kalligraphie. Die Kunst der Schriftzeichen. Ein wenig scheint auch unser Toyota GT86 vom meditativen Fluss dieses Handwerks inspiriert zu sein. Seine Fortbewegung lebt aus Präzision und Schwung, er ist nicht der schwitzende Muskel für Grobmotoriker, sondern ein versammeltes Gerät, das intelligente Fahrer fordert. Leute, die sich mit Taktik und meisterlichem Fahrkönnen an die Kurven machen. Präzise Einlenkpunkte setzen, das Drehvermögen und die sprudelnde Energie des Vierzylinder-Boxers exakt über jeden gefahrenen Meter dosieren, Lastwechsel nicht nur antizipieren, sondern in den Rhythmus einbauen. Judo, den Zorn des Gegners gegen ihn selbst richten. Bereits beim Öffnen der Fahrertür ist die schlanke Aura japanischer Autophilosophie zu spüren.

 

Hochdosierte Turbo-Wildheit bei Subaru und Nissan

Während andere Autos wie Tresore geschweißt sind, schwingt die Tür des GT86 beinahe schwerelos auf. Das ist keine blecherne Sparsamkeit, sondern Kultur: Wer als Kind federleichte Ikebana-Vögel faltet, hat gelernt, dass Stabilität keine Masse braucht. Und dann sitzt man im Cockpit des kleinen Toyota-Coupés, staunt, wie wenige Schalter und Knöpfe ein Auto wirklich benötigt, fasst das kleine Lenkrad und den ultrakurzen Schalthebel an. Heute wieder mal alles manuell und gefühlsecht, ohne Schaltprogramm- und Adaptiv-Overkill. Einfach nur ein leichtes, fettreduziertes Fahrauto. Im Klartext: Der GT86 hat „nur“ einen frei saugenden Zweiliter-Vierzylinder mit 200 PS und 205 Nm. Urgewalt sieht 2015 anders aus. Geradeaus-Schnellfahrer wünschen sich hier einen Turbolader für mehr Druck und Punch.

Bilder: Nissan GT-R, Subaru WRX STI & Toyota GT86

Der GT86 bietet stattdessen einfach nur ein hervorragend ausbalanciertes Fahrwerk mit Heckantrieb, einen tiefen Schwerpunkt, schnelle Reflexe bei gleichzeitig großer Gutmütigkeit – das muss reichen. Und dann saugt er einen auf dieser kurvigen Küstenstraße in den Seealpen regelrecht ins Fahrspaß- Nirvana, wird ganz mühelos, bissig, fliegend und rhythmisch. Der Preis für diese Finesse ist allerdings volle Konzentration. Nicht zwingen, sondern laufen lassen, hier kaschiert kein Übermaß an Motorpower fahrerischen Durchschnitt. Der Toyota GT86 ist ein Grundkurs in Fahrdynamik. Und natürlich kommt dieses ungemein höfliche, gleichzeitig sagenhaft kompromisslose Auto aus Japan.

Woher auch sonst? Irgendwann bist du dann doch reif für den Turbohammer. Wer aber den feinen Toyota GT86 nicht beherrscht, sollte sich nicht am Subaru WRX STI versuchen. Denn er ist das Samurai-Schwert unter den Japan-Sportwagen, scharf geschliffen, singend, unverwüstlich. Wer dieses Auto falsch anpackt, greift in die Klinge von 300 brutal zupackenden Turbo-PS. Sein knurrender, trocken brummender Boxer-Vierzylinder ist mit dem Flat-Four des Toyota eng verwandt, schließlich wurde der GT86 mit Subaru zusammen entwickelt – aber hier sorgen viel Hubraum und ein hart fauchender Turbolader für Vorwärtsdrang mit absurden Dimensionen. Das ist kein milder Golf GTI von nebenan und auch nicht mit komfortabel säuselnden Sechszylindern der 300-PS Klasse zu verwechseln.

Power-Update: Toyota GT86 (2016) Facelift

Der Subaru schlägt nasenbeinbrechend hart zu. Drehmoment und Leistung entfalten sich mit bizarrer Aggressivität, das Rallye-Auto im Straßentrimm pumpt voran, dass kein Auge trocken bleibt. Dieser Ritt auf der Handgranate wird allerdings erst durch die verblüffende Zugänglichkeit des Chassis und des Rallye-abgebrühten Allradantriebs so bewusstseinsverschiebend: Selbst wenn man dem Subaru alle Motor-Energie an den Kopf wirft, hat er immer einen Plan B, dessen Leitmotiv prinzipiell von absoluter Stabilität geprägt ist. Bei normaler Gangart wirkt das beinahe harmlos, lediglich die animierende Handlichkeit und das zündende Leistungspotenzial dienen als Gruß aus der Sushi-Küche. Der Hauptgang wird aber scharf und heiß serviert: Irgendwann hat man den Punkt der Nimmerwiederkehr überschritten – und nun trennt sich die Spreu vom Weizen. Übermütige ohne GT86-Grundkurs in Lastwechselübersteuern, Lenkgeschwindigkeit und Reflexschulung dürfen auf ein Ende ohne Personenschaden hoffen.

Könner treten aber durch die enge Pforte ins Himmelreich des sämigen Kraftübersteuerns ein, genießen auf wechselnden Untergründen die steuerbaren Differenziale und das gesamte Lebensmotto des Subaru: Exzess durch Kontrolle. Kaum ein anderes Auto ermöglicht es Geübten auf bestenfalls abgesperrten Strecken, so tief in die dämonisch-dunklen Ecken der Fahrdynamik einzutauchen, ohne dabei zum Spielball der Physik zu werden. Dem Überauto, das auf dem letzten Level unserer kleinen Reise ins Herz japanischen Sportwagenbaus wartet, ist dann jede Milde fremd. Der Nissan GT-R ist mit seinen 550 Biturbo-PS, dem blitzschnell schaltenden Doppelkupplungsgetriebe in Transaxle-Anordnung sowie dem hecklastig ausgelegten Allradantrieb eigentlich kein Auto für die engen Seealpen-Straßen hinunter zur Mittelmeerküste, sondern ein wahnwitziges Rennstreckentier.

Ein Autobahn-Stürmer. Godzilla, blitzschnell attackierender Sumo-Ringer. Ihm fehlt sowohl das federleichte Handling des Toyota GT86 als auch die beruhigende Kontrollierbarkeit des Subaru – er braucht die harte Hand eines Könners, um sein gesamtes Potenzial preiszugeben. Klar, aufs Gaspedal drücken und sich die Lefzen von einem 2,8-Sekunden-Sprint-Biest langziehen zu lassen, das kann jeder. Zwischen Kurven schnell fahren, sich von den zupackenden Brembo-Bremsen dann gerade noch so in die Ecken stauchen lassen, schafft noch jeder Fünfte. Aber um mit dem fast hysterisch voranpressenden Biturbo-V6 und dem bissig übersteuernden Fahrverhalten zu einer infernalisch schnellen Einheit zu verschmelzen, dafür sind die Reflexe eines Rennfahrers gefragt. Im Paralleluniversum der Rennstrecke ist der GT-R ein großer Wurf – Tourenwagen-Potenzial mit Nummernschild und Straßenzulassung. Im echten Leben braucht ein Nissan GT-R vor allem eines: Demut des Fahrers. Innere Gelassenheit. Zen. Der tief schnarrende, kompromisslose Hypersportler lehrt Selbstreflexion – und damit schließt sich der Kreis zum GT86.

Johannes Riegsinger

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