Neue Oberklasse-Limousinen Aufruhr im Oberhaus

16.06.2015

An der Spitze der Auto-Pyramide tut sich was: Nachdem die Auswahl in der Oberklasse in den vergangenen Jahren ziemlich unverändert war, stehen nun gleich ein halbes Dutzend von Neuheiten auf dem Premieren-Plan

Harald Krüger hat sich eine besondere Premiere für seinen ersten öffentlichen Auftritt als BMW-Chef ausgesucht: Das Auto, das der Manager kürzlich in München enthüllt hat, ist der neue 7er. Die große Limousine hat - wie stets üblich beim Flaggschiff der Marke - eine wichtige Mission: Sie soll die technologische Kompetenz des Konzerns unter Beweis stellen. Und ganz nebenbei gleich die ganze Oberklasse in Bewegung bringen, wie der ebenfalls neue Entwicklungschef Klaus Fröhlich sagt.

 

Oberklasse: Wer stößt die Mercedes S-Klasse vom Thron?

BMW zielt natürlich vor allem auf die Mercedes S-Klasse, die traditionell die Luxus-Liga dominiert. Aber die Oberklasse-Limousine aus Stuttgart muss in diesen Tagen nicht nur den Angriff aus München parieren. Fast ein halbes Dutzend neuer Modelle wollen dem großen Mercedes ans Leder. Es ist also viel los in diesem Premiumsegment, in dem sich sonst vergleichsweise wenig tut. BMW setzt bei der neuesten Generation des 7ers auf Leichtbau: Bis zu 130 Kilogramm haben die Bayern durch den großzügigen Einsatz von Karbon in der Karosserie eingespart und erheben damit «Anspruch auf die Führungsposition bei Fahrdynamik und Effizienz», wie Pressesprecherin Suzana Kolundzic sagt.

So soll die Limousine im besten Fall in 4,4 Sekunden auf Tempo 100 sein und mit allen Motoren, die zwischen 265 PS und 450 PS leisten, sind 250 km/h möglich. Die Verbrauchswerte sollen dabei zwischen 4,5 Litern Diesel und 8,1 Litern Benzin liegen (CO2-Ausstoß: 119 bis 189 g/km). Erstmals kommt der 7er auch mit Plug-in-Hybrid, der bei 326 PS Systemleistung 2,1 Liter laut Norm verbraucht (CO2-Ausstoß: 49 g/km).

Zugleich versprechen die Entwickler mehr Komfort zum Beispiel durch eine separate Luftfederung für beide Achsen, eine Hinterradlenkung und natürlich ein Heer neuer Assistenzsysteme: So hält sich der 7er auf Knopfdruck automatisch ans Tempolimit, greift unaufmerksamen Fahrern hilfreich ins Lenkrad und bietet als erstes Auto für bestimmte Funktionen eine Gestensteuerung, teilt BMW mit.

Im Windschatten des 7er läuft sich unterdessen ein weiterer Konkurrent aus Bayern warm. Audi arbeitet mit Hochdruck am neuen A8, bestätigt Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg und stellt die große Limousine für 2016 in Aussicht. Stilistisch werde sich der Luxusliner an der Studie «Proloque» orientieren, sagt Designchef Marc Lichte. Technisch will die VW-Tochter mit dem nächsten Schritt zum autonomen Fahren überzeugen: «Im nächsten A8 kommt der Autobahn-Pilot», verspricht Hackenberg und stellt ein System in Aussicht, das bis Tempo 60 auf Schnellstraßen weitgehend ohne Fahrer auskommt.

Teil 2: Angriff der Rivalen aus den USA und Japan

Zugleich gibt mit dem A8 eine neue Konzern-Architektur ihren Einstand. Denn die gleiche Technik nutzt nach Angaben eines VW-Sprechers auch der nächste Phaeton, der dem Audi-Flaggschiff mit ein paar Monaten Respektabstand folgen wird. Und wenn Porsche nach Informationen aus Unternehmenskreisen 2016 oder 2017 die zweite Generation des Panamera bringt, wird man dort ebenfalls zahlreiche Ähnlichkeiten mit dem Audi A8 entdecken.

Zwar dominieren die deutschen Hersteller vor allem in Europa die Oberklasse. Doch anderenorts stehen die Luxusliner mit Modellen aus anderen Ländern im harten Wettbewerb. Der könnte sich in den nächsten Monaten noch einmal deutlich verschärfen. So ist bei Jaguar ein Update für den XJ fällig, Lexus dürfte bald einen Nachfolger des LS präsentieren, und Infiniti-Chef Roland Krüger hat angekündigt, dass er sich die Studie Q80 vom Pariser Salon 2014 bald in Serie wünscht.

Diverse US-Hersteller wollen Oberklasse erobern

Am weitesten sind allerdings die Amerikaner, die sich aus der Oberklasse bereits abgemeldet hatten und jetzt um so vehementer zurückkommen wollen. «Dieses Segment ist zu groß, als dass wir es auslassen könnten», sagt Ford-Chef Mark Fields und lenkt den Blick auf einen neuen Lincoln Continental, der mit über fünf Metern Länge und einem Design im Stil des Bentley Continental zum Blickfang auf der New York Motorshow im Frühjahr wurde.

Für Europa ist der Continental zwar kein Thema, doch der neue Cadillac CT6 lohnt einen Blick über den Atlantik. Denn in den USA kommt die Luxuslimousine noch in diesem Jahr in den Handel, und in Europa soll sie Anfang 2016 starten, stellt Pressesprecher René Kreis in Aussicht. Ähnlich wie BMW beim Siebener feiern sich die Amerikaner als Leichtbau-Champions, reklamieren einen Diäterfolg von über drei Zentnern und kommen deshalb mit durch und durch un-amerikanischen Motoren aus: Los geht es mit einem 2,0-Liter-Vierzylinder mit 265 PS und Schluss ist vorerst bei einem aufgelandenen V6 mit 400 PS. Vom typischen V8-Motor ist in Detroit keine Rede.

Sicher kommen BMW 7er, Audi A8 oder Cadillac CT6 wegen der hohen Preise nur für eine kleine Kundenschicht in Betracht. Doch sie haben auch für die breite Masse eine hohe Relevanz, ist Hans-Georg Marmit von der Sachverständigen-Organisation KÜS überzeugt. Denn es geht bei den Luxuslimousinen ja nicht nur um PS und Prestige. Sie sind immer auch Ausblick auf neue Sicherheits-, Assistenz- und Komfortsysteme, die in ein paar Jahren in die kleineren Klassen durchgereicht werden. «Selbst wer einen 1er fährt, sollte sich deshalb den neuen 7er anschauen», sagt Marmitt.

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