Mercedes SLS AMG Roadster 2012 im Test Mercedes SLS AMG Roadster

25.03.2012

Könnten Janis Joplin und Jimi Hendrix im Himmel gemeinsam musizieren, dann käme der Soundtrack zu diesem überirdisch rockenden Roadster heraus. Der SLS AMG ist fast zu scharf für einen Mercedes

Eckdaten
PS-kW571 PS (420 kW)
AntriebHinterrad, Sperrdifferential, 7-Gang-Doppelkupplung
0-100 km/h3.6 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit317 km/h
Preis195.160,00€

Wir wissen nicht, ob Janis Joplin vom Herrgott mittlerweile den heiß erflehten Mercedes-Benz bekommen hat, um ihren Porsche-Freunden zu zeigen, wo im Himmel der Hammer hängt. Doch wenn dem so ist, dann sollte sie jetzt von Bourbon auf Energy-Drinks umsteigen und sich die Kehle aus dem Hals schreien, um einen Mercedes SLS AMG Roadster zu ergattern. Denn der neue Über-Roadster von AMG röhrt und bollert den Blues, als wäre er in einer Bar in Chicago geboren und nicht im schwäbischen Dörfchen Affalterbach.

Mit ein bisschen Phantasie sehen und hören wir in ihm die E-Gitarre von Jimi Hendrix, mit einer fast zwei Meter langen Motorhaube als Griffbrett und einem „Wah-Wah“-Gaspedal im Fußraum. Beim Anlassen brüllt er ansatzlos ins Mikro, als wollte er wie Jimi fragen „Are you experienced?“ Darauf folgt ein erster Trip durch „Crosstown Traffic“, und der SLS Roadster zieht schon beim Warmspielen eine Show ab, die seine Zuhörer von den Sitzen fegen würde, wären sie nicht angeschnallt. Er grollt, er grunzt, er rockt breitbeinig durch die City und räuspert sich vernehmlich jedesmal, wenn der Fahrer abrupt vom Gas geht. Aus den Auspuffrohren tönt der ungehemmte Breitwand-Sound der 60er. Keine Frage: Hier spielt AMG die Musik, nicht Mercedes-Benz. Let it roll!

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Aber es ist nicht allein der Sound, das ganze Auto stellt unser Bild von einem diskreten, seriösen Mercedes-Sportwagen auf den Kopf. Ein aktueller SL hat mit dem Mercedes SLS AMG Roadster nur zwei fürs Fahren unwesentliche Dinge gemeinsam: den Stern im Grill und den Prügel von einem Multifunktionshebel an der Lenksäule. Zwar spürt man beim SLS in jedem Detail den immensen Perfektionsanspruch des Hauses Daimler, aber AMG lässt sich davon nicht den Spaß verderben: Der SLS ist länger, breiter, härter und greller, sogar in der lieblichen Farbe Sepangbraun.

Einmal Probesitzen genügt, und es wird klar, worum es bei diesem Auto geht. Der Alu-Rahmen hat massige Türschweller, die es zu überwinden gilt, um dann tief unten in eine Art lederbezogenen Schraubstock zu fallen, dessen Anpressdruck auf Wirbelsäule, Nieren und Bandscheibe sich elektrisch zwischen den Polen „unerbittlich“ und „nachdrücklich“ variieren lässt. Massage geht anders, für Streicheleien ist im SLS kein Platz.

AM LIEBSTEN OHNE MÜTZE
Die Sitzposition erinnert an archaische Roadster wie Dodge Viper und Morgan Plus 8: Die Hinterachse im Rücken und die endlose Motorhaube vor Augen, wird das Geradeausfahren zum Vergnügen und das Anpeilen von Kurven zur Herausforderung, zumal der SLS zwei windschiefe Baumstämme als A-Säulen nutzt, die zwar beim Überschlag verlässlichen Schutz bieten, für die aktive Sicherheit jedoch eher von Nachteil sind. Letzteres gilt auch für die arg eingeschränkte Sicht nach hinten, solange das straff gespannte Verdeck geschlossen ist.

So ertappt man sich dabei, selbst bei unbeständigem Wetter Stoffverdeck und Seitenscheiben zu versenken, um den Überblick und die Aussicht zu verbessern. Geschützt von der hohen Gürtellinie und dem wirksamen Glaswindschott sowie mit dem Fönwind der „Airscarf“ genannten Kopfraumheizung im Nacken, lässt es sich auch bei niedrigen Temperaturen prima offenfahren, ohne die Roadster-Grippe zu riskieren. Selbst bei Autobahntempo bricht im Cockpit kein Orkan los.

Dennoch löst ein beherzter Tritt aufs Gaspedal sofort Sturmwarnung aus. Der SLS beschleunigt unter frenetischem Gebrüll auf jede beliebige Wunschgeschwindigkeit, selbst bei 300 km/h scheint er Roll- und Luftwiderstände zu ignorieren.

PHÄNOMENALE BREMSEN
Angesichts von 571 PS mag das nicht weiter verwundern. Bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, dass der Mercedes SLS AMG Roadster selbst bei diesem Tempo so stoisch sicher geradeaus rennt, dass man ihn noch mit einer Hand auf Kurs halten könnte. Bodenwellen und Querfugen quittiert er mit trockenen Stößen, ohne sich davon aus der Ruhe bringen zu lassen. Die Karbon-Keramik-Bremsanlage (11.424 Euro) verzögert im Bedarfsfall so gnadenlos, dass selbst die in typischer Manier unvermittelt auf die linke Spur wechselnden Kastenwagen keinen Schrecken verbreiten. Bei kräftiger Verzögerung schaltet das an der Hinterachse angeflanschte Doppelkupplungsgetriebe automatisch herunter – weniger um die Bremse zu entlasten, als um für den nächsten Spurt gleich den richtigen Gang parat zu halten. Das Getriebe schaltet stets weich und lässt den V8 bei Kickdown kurz hochdrehen, bevor es einkuppelt; wer mag, kann sich damit im Kolonnenverkehr die Zeit vertreiben, denn bei schneller Gaswegnahme prustet der SLS aus dem Auspuff wie ein alter Rennwagen.

Neben den Automatikfunktionen gibt es auch einen manuellen Modus. Doch die massiven Schaltpaddel am Lenkrad erfüllen in der Praxis mehr dekorative Funktionen, denn welcher Gang eingelegt ist, spielt in der Regel eine untergeordnete Rolle. Die Gangwahl kann man getrost dem Getriebe überlassen. Auch die per Knopfdruck zwischen drei Stufen variierbare Dämpferhärte taugt eher zur Befriedigung des Spieltriebs. So wie es unmöglich wäre, einen Bullen zum Tänzeln zu bringen, nimmt auch der Mercedes SLS AMG Roadster Querfugen und Kanaldeckel stets mit gesunder Härte unter die Räder. Unterm Strich entpuppt sich die straffste Einstellung sogar als die beste, weil der SLS so am meisten Fahrbahnkontakt vermittelt und sich bei kurzen Bodenwellen das leichte Taumeln verkneift. Die Traktion ist in jedem Fall höher als erwartet. Wer den SLS diesbezüglich in eine Schublade mit Brachial-Roadstern vom Schlage Cobra und Konsorten steckt, wird eines Besseren belehrt. Trotz aller Dramatik im Auftritt bleibt der Knaller aus Affalterbach doch ein sehr fahrsicheres Auto.

Seine Achillesferse ist der Verbrauch. Unter 14 Litern pro 100 Kilometer tut sich nichts, auf freier Autobahn sind über 20 Liter keine Seltenheit. Eine Spaßzulage von 150 Euro für die Tankfüllung Super Plus nach drei Stunden Fahrspaß werden selbst in Millionärskreisen nicht mehr als Ruhmesblatt betrachtet.

Fazit

Der SLS ist ein Monster von einem Roadster, er verbindet die technische Perfektion eines Mercedes mit der vorlauten Hemdsärmeligkeit einer Dodge Viper. Allein der Stern am Grill rettet seine Reputation. Mag sein, dass das Ende der großen V8-Motoren näher rückt. Doch wenn ihr Abgang so dramatisch ausfällt wie hier, bleiben sie lebhaft in Erinnerung.

Technische Daten
Motor 
ZylinderV8-Zylinder, 4-Ventiler
Hubraum6208
Leistung
kW/PS
1/Min

420/571
6800 U/min
Max. Drehmom. (Nm)
bei 1/Min
650
4750 U/min
Kraftübertragung 
Getriebe7-Gang-Doppelkupplung
AntriebHinterrad, Sperrdifferential
Fahrwerk 
Bremsenv: innenbelüftete und gelochte Karbon-Keramik-Scheiben
h: innenbelüftete und gelochte Karbon-Keramik-Scheiben
Bereifungv: 265/35 ZR 19 Y
h: 295/30 ZR 20 Y
Messwerte
Gewichte (kg) 
Leergewicht (Werk)1752
Beschleunigung/Zwischenspurt 
0-100 km/h (s)3.6
Höchstgeschwindigkeit (km/h)317
Verbrauch 
Testverbrauch16.6l/100km (Super Plus)
EU-Verbrauch13.2l/100km (Super Plus)
Reichweite512 km
Abgas-Emissionen 
Kohlendioxid CO2 (g/km)308

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