Mercedes-Maybach S 600 Zu mir oder zu dir?

31.03.2015

Den Bums des Biturbo-V12 kontrollieren oder sich in Massage-Liegesitzen rekeln? Vorn oder hinten sitzen? - Im Mercedes-Maybach quält die Wahl. Faszination

Maybach also. War das nicht diese Marke, mit der Mercedes-Benz ab 2002 versuchte, im Stil von Rolls-Royce in die absolute Premiumklasse des Automobilbaus aufzusteigen? War das nicht dieser klotzige Wagen im Design einer 90er-Jahre-S-Klasse? Doch der große Erfolg blieb aus, und vor zwei Jahren wurde die Marke scheinbar für immer zu Grabe getragen. Punkt, Schluss? Dass Mercedes-Benz jetzt wieder mit diesem Label hantiert, könnte man als Hartnäckigkeit interpretieren. Oder ist die Wiederbelebung als „Mercedes-Maybach“-Submarke einfach genial? – Zur Beantwortung dieser Frage hilft nur eines: Tapfer auf diese sehr lange S-Klasse mit dem Maybach-Logo an der C-Säule zumarschieren, Tür auf, reinsetzen, losfahren!

 

Mercedes-Maybach S 600: Luxus-Limousine mit V12

Dummerweise sitzt da schon jemand. Ralph, Zwei-Meter-Ex-Polizist in Anzug und Krawatte, chauffiert normalerweise Stars und Sternchen. Heute weist er uns mit unterkühlter Freundlichkeit den Weg ums Auto herum zur rechten Fondtür: „Ich fahre Sie, Sir, wohin soll’s gehen?“ Verblüfft starren wir in den dunklen Innenraum, sofort bleibt der Blick an den schneeweißen Kuschel-Elementen im Fußraum hängen.

Das scheinen keine schlummernden Schafe zu sein, sondern tatsächlich Fuß ... äh, Matten. Verkrampft lassen wir uns mit dem Hinterteil voran in den Sitz fallen, peinlichst darauf achtend, ja nicht mit den Straßenschuhen auf diese Mäh-Flokatis zu treten. Erst als sich die Tür mit leisem Klicken ins Schloss gezogen hat, getrauen wir uns, die Füße ganz sachte ins Fell zu graben.

Und schauen uns prüfend um: Das hier ist ganz klar eine S-Klasse, auf den ersten Blick sind keine Unterschiede zu den Nicht-Maybach-Geschwistern zu erkennen – und das ist gut so! Bei Mercedes- Benz inszeniert man den großen Business-Liner nämlich so virtuos wie die Stuttgarter Porsche-Nachbarn ihren 911 oder Volkswagen den Golf: Die S-Klasse ist das Aushängeschild der Marke Mercedes-Benz, verblüffend gut kulminierte Kernkompetenz. Hier könnte übrigens auch ein Problem des alten Maybach liegen: Der war 2002 kein bisschen besser als die damalige S-Klasse – nur ein wenig altbackener und gewollter.

Wenn sich Mercedes jetzt also wieder an das Maybach-Label traut, dann vielleicht etwas demütiger, fokussierter, im besten Sinn selbstbewusster. Steht deshalb immer „Mercedes“ vor dem Maybach? Mit 20 Zentimeter langem Bindestrich? Exakt so viel länger als die normale S-Klasse mit langem Radstand ist der Mercedes-Maybach S 600 (oder S 500) nämlich. 20 Zentimeter, die aus der S-Klasse kein neues Au- to machen, sondern einfach einen noch über- irdischeren Langstrecken-Komfort-Gleiter.

All die schönen Details hier drinnen – die rautengesteppten Nappa-Ledersitze, die lederbezogenen Oberflächen, geschmackvoll-modern interpretierte Holz-Opulenz, Multimedia- Wucht, die schicken Akzente, der Kühlschrank zwischen den Fondsitzen –, all das ist auch für die normale S-Klasse zu haben. Zum Maybach wird die S-Klasse durch opulente Serien- Ausstattung, 20 Zentimeter mehr Radstand, Chrom-Elemente am Exterieur und die kleinen Dreiecksfenster hinten.

Innen wäre höchstens das auf Knopfdruck „abblendende“ Panorama- Glasdach zu nennen. Und die Tatsache, dass es im Mercedes-Maybach den Liegesitz auch links gibt. Allerdings ohne die Möglichkeit, den vor- deren Sitz für eine maximal gestreckte Liegeposition in Richtung Windschutzscheibe schnurren zu lassen. Irgendwie logisch: Da sitzt jetzt nämlich Ralph und versucht, möglichst seidenweich von Malibu nach Santa Monica zu cruisen.

Hinten rechts blinzelt die Sonne durch die Jalousien, wir haben die Beine hoch, den Kopf ins unverschämt weiche Nackenpolster geschmiegt und ... „Sir, wir sind da!“ Ralphs Augen im Rückspiegel lächeln verständnisvoll. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“ – Ja! Platzwechsel! Jetzt wollen wir selbst mal den Zwölfzylinder von der Leine lassen. Auch Chauffeure haben eine Pause verdient. Und wir hätten da ein verdammt lauschiges Plätzchen anzubieten.

 

Mercedes-Maybach S600: Luxusschlitten mit 530 PS-V12

Und schon ist der Platztausch vollzogen. Während es sich hinten rechts jetzt Zwei-Meter- Mann Ralph bequem macht, galoppieren die 530 PS unter dem neuen Herren willig und vehement los. Nach unglaublichen fünf Sekunden ist Tempo 100 erreicht, ohne dass eine Lärmbelästigung an die Ohren dringt. Und der Maybach erweist sich auch auf kurvigen Strecken als ausgewogen handlich. Einfach genial.

TECHNIK
 

Mercedes-Maybach S 600
Motor V12-Zylinder, 3-Ventiler, Biturbo
Hubraum 5980 cm3
Leistung 390 kW / 530 PS bei 4900 - 5300 /min
Max. Drehmoment 830 Nm bei 1900 - 4000 /min
Getriebe 7-Stufen-Automatik
Länge/Breite/Höhe 5453 mm / 1899 mm / 1498 mm
Leergewicht 2335 kg
Fahrleistungen 0-100 km/h in 5,0 s
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Verbrauch 11,7 l SP/100 km
Preis 187.841 Euro
Werksangaben

Johannes Riegsinger

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