Fahrbericht Mercedes GLE Coupé: Mode statt Matsch Bewusst polarisierend

Fahrbericht Mercedes GLE Coupé: Auch die Stuttgarter bieten ihr Oberklasse-SUV nun in schicker Coupé-Form an. Welche Stärken und Schwächen hat das neue Konzept?

Demnächst gibt es ein Déjà-Vu beim Mercedes-Händler: Denn aufgeschreckt vom Erfolg des BMW X6 entdecken jetzt mit reichlich Verspätung auch die Schaben die Mode im Matsch und stellen der M-Klasse ein SUV Coupé zur Seite. Wie alle Allradler aus Stuttgart in eine neue Nomenklatur gebracht, startet die schräge Nummer am 20. Juli als Mercedes GLE Coupé und kostet mindestens 66.700 Euro.

 

Fahrbericht Mercedes GLE Coupé: Mode statt Matsch

Ähnlich wie das Vorbild aus Bayern ist auch das GLE Coupé ein Auto, das auf den ersten Blick polarisiert. Denn während Mercedes von extremen Proportionen, von der flachen Kuppel über dem bulligen Körper, von der schnellen Dachlinie und dem kräftigen Heck schwärmt, fühlen sich Kritiker an eine Kreuzung aus Delfin und Buckelwal erinnert. Vor allem am breiten und hohen Heck werden sich deshalb die Geister scheiden.

Über die Form kann man sich vielleicht noch streiten, doch bei der Funktion haben die Schwaben sich ein paar ungewöhnliche Patzer erlaubt. Es wird sich niemand beschweren, dass er bei einem Coupé den Kopf einziehen muss, wenn er in den Fond steigt. Zumal es drinnen überraschend geräumig zugeht, wenn man unter dem Dachholm erst einmal wieder aufgetaucht ist. Aber weshalb man sein Gepäck auf dem Weg in den mit 650 bis 1720 Litern riesigen Kofferraum über eine Ladekante von der Höhe der Berliner Mauer wuchten muss, das wissen die Götter. Und die Entriegelung für die Heckklappe hat Mercedes so gut versteckt, dass man sich vor dem Einladen schon mal mit einer Kniebeuge warm und sich dabei gleich noch die Finger schmutzig macht.

Doch wer ein praktisches Auto will, der kann ja die normale M-Klasse kaufen, die ebenfalls aufgefrischt wird und von September an zu Preisen ab 53.967 Euro als Mercedes GLE beim Händler steht. Da sieht zwar trotz des Facelifts nicht ganz so schnittig aus, bietet aber sichtlich mehr Platz für Kind und Kegel, kann auch ohne körperliche Ertüchtigung beladen werden und kostet bei vergleichbarer Motorisierung knapp 6.000 Euro weniger.

Mercedes feiert das neue GLE Coupé aber nicht nur als Schöngeist, sondern als Sportler unter den SUV und stützt diesen Anspruch gleich doppelt: Zum einen mit der Motorauswahl, die zum Start lediglich den GLE 350d mit 258 PS und den 333 PS starken GLE 400 umfasst und dann mit dem 450er und zwei 63ern gleich ins AMG-Lager wechselt und so von 367 bis 585 PS reicht. Und zum anderen mit einem aufwändig verfeinerten Fahrwerk: „Dynamic Select“ heißt die Charakterregelung, die in bis zu fünf Stufen zwischen Sänfte und Sportwagen wechselt und auf Wunsch auch noch mit einer mehrstufigen Luftfederung kombiniert werden kann. Dazu noch tiefer ausgeschnittene Sportsitze, die näher am Boden montiert sind und das kleinere Lenkrad – schon fühlt man sich tatsächlich wie in einem Sportwagen.

Nirgendwo wird das deutlicher als im Mercedes-AMG GLE 63 S, der mit seinen 585 PS und bis zu 760 Nm selbst die knapp 2,5 Tonnen des Stahlgebirges vergessen macht. Während die Automatik mit kurzen, harten Schlägen die Gänge ins Getriebe prügelt und der V8 durch die großen Endrohre eine Fanfare von Lust und Leidenschaft bläst, stürmt der Bulle von Benz mit aller macht voran: Von 0 auf 100 in 4,2 Sekunden und so mühelos auf 250 km/h, dass da auch noch viel mehr drin ist. Nicht umsonst kann man das Spitzentempo für knapp 1.000 Euro auf 280 km/h anheben lassen. So sportlich jedenfalls war bislang kein anderes SUV aus Stuttgart.

Allerdings können auch die Ingenieure in Sindelfingen und Affalterbach die Physik nicht aushebeln und aus einem Koloss keinen Kurvenfeger machen. Je enger die Straßen und je kleiner die Radien, desto schwerer tut sich der GLE deshalb und desto unruhiger wird sein Aufbau. Selbst wenn die Entwickler der Schwerkraft mit einer Wankstabilisierung ein Schnippchen schlagen wollen und der Allradantrieb seine Kraft noch flexibler verteilt.

Wo das GLE Coupé betont sportlich auftritt, positioniert sich der M-Klasse-Nachfolger auch als Sparer. Nicht umsonst reklamieren die Schwaben für den GLE einen Verbrauchsfortschritt von durchschnittlich 17 Prozent. Analog zum Coupé gibt es den konventionellen Geländewagen als 350d und als 400er sowie als 63er in zwei Varianten. Statt des 450 AMG bietet Mercedes hier allerdings den 435 PS starken V8 im GLE 500 an und für Sparer steht der 250d in der Liste. Als einziges Modell auch nur mit Hinterradantrieb erhältlich, sinkt mit ihm der Preis auf knapp 54.000 Euro und der Verbrauch auf 5,4 Liter – kein anderes SUV ohne elektrischen Hilfsantrieb sei in dieser Klasse so sparsam wie der GLE, prahlt Baureihenchef Andreas Zygan.

Trotzdem ist er damit noch nicht zufrieden. Sondern auch der GLE wird von der Plug-In-Hybrid-Welle erfasst und fährt deshalb an die Steckdose. Als GLE 500e bekommt er ein zusammen 442 PS starkes Tandem aus V6-Benziner und E-Maschine, mit dem er wahlweise in 5,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h stürmen oder bis zu 30 Kilometer weit elektrisch fahren kann. Das drückt den Normverbrauch auf 3,3 Liter und macht den GLE tatsächlich zum Saubermann unter den SUV mit Stern.

Der Plug-In als sparsamste Version in der Modellgeschichte, das Coupé als schönste und sportlichste und dazu für beide ein aufgemöbeltes Interieur mit neuem Infotainment und einem erweiterten Angebot an Assistenzsystemen – so will Zygan die Erfolgsgeschichte der M-Klasse unter neuem Namen fortschreiben. Und auch die Kollegen aus den anderen SUV-Baureihen wittern bereits Morgenluft: Zwar hat es ein bisschen gedauert, bis Mercedes beim SUV auf den Coupé-Geschmack gekommen ist. Doch dafür ist es den Schwaben mit dem Schaulaufen im Schlamm jetzt um so ernster. Denn schon in zwölf Monaten kommt auch der neue GLC als Coupé und es gibt das nächste Déjà-Vu-Erlebnis beim Mercedes-Händler. Denn auch dieses Konzept kennt man schon von BMW. Dort heißt das Vorbild X4 und wird schon seit letztem Jahr verkauft.

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