Mercedes Flügeltürer: SLS 63 AMG trifft 300 SL, C111 und C112 Beflügelnd

22.10.2012
Inhalt
  1. ALS DER C111 FERTIG WAR, STAND DIE WELT KOPF
  2. DER C112 ALS ROLLENDES FORSCHUNGSLABOR
  3. 300 SL: EIN LEICHTER SPORTWAGEN FÜR AMERIKA
  4. WELTSTARS HINTER DEM STEUER DES 300 SL

Sie gehören zu den spektakulärsten Automobilen der Welt – die Flügeltürer von Mercedes. Exklusives Vier-Generationen-Treffen mit dem Urahn 300 SL, den Versuchsraketen C111 und C112 sowie dem SLS 63 AMG

Flügeltürer. Wer nicht gerade in der Umgebung von Affalterbach wohnt, wird im Jahresmittel kaum ein halbes Dutzend jener Supersportler zu Gesicht bekommen, die mit ihren spektakulär aufschwingenden Dachpforten begeistern. Und wenn doch, dann dürfte es sich um einen SLS AMG handeln, den extrem breit gebauten Flachmann, der das Markenimage von Mercedes buchstäblich beflügelt hat.

Noch größeren Seltenheitswert genießt die Begegnung mit dem Urahn des aktuellen Schwabenpfeils. Mit dem 300 SL legte Mercedes 1954 den Grundstein für den Mythos Flügeltürer. Und es gibt noch zwei weitere Sensationsmodelle mit Stern, deren Türgriffe beim Öffnen himmelwärts streben. Zu einer Begegnung der ganz seltenen Art treten auf: ein Exemplar der berühmten Experimentalserie C111 des Jahrgangs 1970 und der 21 Jahre später entstandene C112. Beide verkörpern schon rein äußerlich den Fortschrittsglauben ihrer Zeit, der die Schaffung der Millionen Mark teuren Einzelstücke erst möglich gemacht hat. Adenauer, Brandt, Wendezeit, Gegenwart. Vier Epochen Flügeltürer auf einmal.

Mehr Faszination: Der kostenlose Newsletter der AUTO ZEITUNGDas kostenlose Newsletter-Abo der AUTO ZEITUNG

Beim Nachdenken über Autos spielt der eigene Jahrgang eine nicht unwesentliche Rolle. Wer wie der Autor Mitte der 1970er-Jahre eingeschult worden ist, dem hat sich der damalige Superstich aus dem Auto-Quartett in die Erinnerung eingebrannt. Regenpause: Du hast irgendeinen Cadillac auf der Hand. Nicht schlecht, immerhin ein dicker Ami-V8. Wenn aber beim Anderen jetzt der Mercedes C111 zuoberst liegt, dann hast du deinen Cadillac die längste Zeit gehabt. Das superschnittige Versuchsauto schlug alle.

 

ALS DER C111 FERTIG WAR, STAND DIE WELT KOPF

Obgleich kein Mensch je einen der aufwendig von Hand gebauten C111 würde kaufen können, stand die Autowelt Kopf, als Mercedes das erste Exemplar im Jahr 1969 präsentierte. Endlich ein Nachfolger für den zwölf Jahre zuvor eingestellten 300 SL-Flügeltürer. Ein echtes Geschoss – extrabreit, superflach und so windschnittig, dass nicht ein einziger Spoiler die geduckte Linien verunzierte. Mercedes legte Wert auf die Feststellung, dass die ausgefeilte Aerodynamik der Kunststoffkarosserie solcherlei Windleitbleche erübrigt. Speziell aus den USA hagelte es Bestellanfragen für den unbestellbaren Mittelmotorwagen, der nicht als Porsche- oder Ferrari-Gegner gedacht war, sondern als Versuchsträger und Experimentierfahrzeug. Das Design des bei genauerem Hinsehen recht grob geschnitzten Probierstücks kam an. Während das futuristische Äußere mal an einen DeLorean erinnert und mal an Science-Fiction, herrscht im Innern schwäbische Sachlichkeit. Das wuchtige Lenkrad mit seiner breiten Prallplatte hätte auch in einer S-Klasse den richtigen Weg steuern können. Und sogar der millionenfach verbaute, links an der Lenksäule montierte Multifunktionshebel ist da.

Der erste C111 wurde von einem Dreischeiben-Wankelmotor angetrieben, dessen ungenügende Standfestigkeit allerdings neue Lösungen erforderte. So bekam die zweite Version einen vierrotorigen Wankelmotor, dessen 350 PS den neuen Flügeltürer auf bis zu 290 km/h trieben. Doch auch dieses Kreiskolbenaggregat genügte den hohen Qualitätsanforderungen von Mercedes nicht. Spätere Versionen wurden daher mit einem 3,0-Liter-Fünfzylinder-Turbodiesel ausgerüstet. Dank seiner 190 PS brach der pfeilschnelle Ölbrenner am 12. Juni des Jahres 1976 sämtliche bis dahin gültigen Beschleunigungs- und Geschwindigkeitsrekorde für Dieselfahrzeuge und fuhr nicht weniger als 16 Bestwerte ein. Auf den 10.000 Meilen von Nardo begeisterte der C111 mit einer bis dato unerreichten Durchschnittsgeschwindigkeit von 252 km/h.

>> Jetzt: Die unglaublichen Rekorde des Mercedes C111 und die Geburt des C112

Eine auf optimale Aerodynamik ausgelegte, nahezu komplett verkleidete Version mit einem sensationellen Luftwiderstandsbeiwert von 0,183 knackte im Jahr 1978 in Nardo sogar die 320-km/h-Marke. Eine noch extremere, von einem 500 PS starken 4,8-Liter-V8-Benziner befeuerte Variante stellte im Mai 1979 einen Rundstreckenrekord von präzisen 403,978 Kilometern pro Stunde auf. Ein Fabelwert damals.

 

DER C112 ALS ROLLENDES FORSCHUNGSLABOR

Gleich daneben parkt an diesem Tag der spektakulären Flügeltürer-Begegnung der Mercedes C112. Auch er ist ein rollendes Forschungslabor von Mercedes. Gebaut, um auf dem Gebiet der aktiven Sicherheit die technischen Grenzen auszuloten. Obwohl das extrem breit wirkende Heck keinen Stern trägt, fällt die Markenzuordnung wegen der Mercedes-typisch stark geriffelten Leuchten leicht. Stramme 408 PS leistet der aus dem 600 SL übernommene Sechsliter-V12, der den Supersportler lässig bis zur Begrenzung von 250 km/h treibt. Möglich wären 310 km/h. Im C112 haben die Vorausentwickler alles verbaut, was das Mercedes-Regal hergab – und auch das, was es bald hergeben würde! ABS, Antriebsschlupfregelung und Klimaautomatik waren an Bord. Aber auch technische Innovationen wie ein Abstandswarnradar, Reifendruckkontrolle oder der ausfahrbare Heckspoiler, der sich binnen einer Zehntelsekunde in Bewegung setzen kann und bei dynamischer Fahrweise für höhere Aufstandskräfte an der Hinterachse sorgen soll. Im Fall einer Notbremsung schießt der Spoiler ebenfalls aus seiner Ruheposition, um eine bessere Bremswirkung an der Hinterhand zu erzielen. Auch die heute in den Topmodellen eingesetzte aktive Wankstabilisierung Active Body Control ging im Mercedes C112 in die Testphase. Dieser Flügeltürer war seiner Zeit weit voraus.

 

300 SL: EIN LEICHTER SPORTWAGEN FÜR AMERIKA

Drehen wir die Zeit um 60 Jahre zurück in eine Epoche, in der die Flügeltürer geboren wurden. Den Mercedes W198, also die Straßenversion des im März 1952 vorgestellten und vom damaligen Mercedes-Versuchsleiter Rudolf Uhlenhaut konstruierten Rennsportwagens 300 SL (interne Kennziffer: W194), hätte es um ein Haar nicht gegeben. Es ist dem früheren US-Importeur von Mercedes, Maximilian Hoffman, zu verdanken, dass die Bosse der Daimler-Benz AG dem Projekt zustimmten und Hoffman seiner betuchten Kundschaft ein begehrenswertes Sportcoupé anbieten konnte. Dementsprechend gab der neue 300er sein Debüt in den Staaten auf der International Motor Sports Show in New York. Die Buchstabenkombination „SL“, so haben es Chronisten notiert, setze Rudolf Uhlenhaut für „Super Leicht“. Schon damals schlugen sich die Entwickler mit dem größten Verhinderer von Fahrdynamik herum, dem Gewicht. Mit einer Masse von weniger als 1300 Kilogramm war der mit einem wuchtigen 2996 Kubikzentimeter großen Reihensechszylinder bestückte SL in der Tat ein Schmalhans, mit dem die 215 vorhandenen PS spielerisch umgehen konnten. Die Motorhaube, der Kofferraumdeckel und auch die Schweller wurden aus Leichtmetall gefertigt.

Die charakteristischen Flügeltüren sind übrigens keine Gimmicks, sondern eine Notwendigkeit. Um der aerodynamisch besonders günstig geformten Karosserie die nötige Steifigkeit zu geben, konstruierte Uhlenhaut einen aufwendigen Gitterrahmen. Konventionelle Klapptüren hätten die ausgeklügelte Statik unterbrochen. So wurden die Klapppforten kurzerhand am Dach fixiert.

Mehr Klassiker: Der kostenlose Newsletter der AUTO ZEITUNGDas kostenlose Newsletter-Abo der AUTO ZEITUNG

In der Standardausführung donnerte das von den internationalen Medien schlichtweg als Sensation gefeierte Nachkriegsmodell mit unerhörten 208 Kilometern pro Stunde über die Autobahn, die seinerzeit von kurzatmigen Käfern und bedächtigen Opel-Wagen bevölkert war. Nicht weniger als fünf unterschiedliche Übersetzungen gab es (Serie: 1:3,64), sodass einzelne Exemplare mit bis zu 260 km/h unterwegs waren. Ein Wert jenseits aller Vorstellungskraft. Die leibhaftige Begegnung mit einem der auf horrende 29.000 Mark eingepreisten 300 SL bot Stoff für abendfüllende Autogeschichten am Stammtisch.

 

WELTSTARS HINTER DEM STEUER DES 300 SL

Saß nicht Curd Jürgens am Steuer? Es hätte natürlich auch Sophia Loren sein können, Romy Schneider, Herbert von Karajan oder Hotte Buchholz. Sie und viele andere bekannte Größen zwängten sich hinter das spindeldürre Zweispeichen-Lenkrad, das sich zum Ein- und Aussteigen nach vorne klappen lässt. Insgesamt wurden nur rund 1400 Einheiten des Traumcoupés im Werk Sindelfingen gebaut. Der überwiegende Teil fand seinen Weg in die USA. Auch das ist ein Grund für die Seltenheit des ersten Flügeltürers, dessen stark angewinkelte Pforten im Englischen als „Gullwings“ bezeichnet werden – Möwenfügel

Schon im Jahr 1957 setzte der Seevogel zur Landung an. Die Produktion des Coupés wurde eingestellt, und ein Roadster trat an seine Stelle (W 198 II), von dem bis zum endgültigen Produktionsende im Jahr 1963 immerhin 1858 Exemplare gebaut wurden.

Für die Entscheidung, den Flügeltürer neu zu beleben, dürfen sich die Verantwortlichen in Affalterbach und Stuttgart noch heute gegenseitig auf die Schulter klopfen. Der Mercedes SLS AMG, der ab Juni als Electric Drive den Titel „Stärkster Elektrosportwagen der Welt“ tragen soll (Seite 32), hat weltweit für Furore gesorgt. „Sport Leicht Super“ – das heißt heute Front-Mittelmotor, Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe und ein Rückgrat aus Aluminium. Der 571 PS starke 6,2-Liter-V8-Sauger beherrscht einen grundsatten Sound, den er zwischen einem schmutzigen Blaffen beim Anlassen bis zum heiseren Trompeten unter Last nach Belieben variiert.

Das oberste Geschoss aus Affalterbach wirft dem Fahrer satte 650 Newtonmeter ins Kreuz, erzeugt brachialen Vortrieb und katapultiert den knapp 4,64 Meter langen Zweisitzer binnen 3,8 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Wer das Gaspedal stramm am Boden hält, dem bietet der Super-Benz ein Geschwindigkeitserlebnis von bis zu 317 km/h.

Mehr Auto-Geschichten: Der kostenlose Newsletter der AUTO ZEITUNGDas kostenlose Newsletter-Abo der AUTO ZEITUNG

Vom knapp über dem Asphalt montierten Fahrerplatz aus fällt der Blick wie durch ein schmales Visier auf die extrem lange Motorhaube. Um die Aussicht genießen zu können, muss man sich allerdings zuvor auf den kräftig konturierten Sitz einfädeln und beim Hineinschlüpfen die Pforte mit der linken Hand gleich mitziehen. In diesem Punkt kennen die Flügeltürer kein Pardon: Wer sie fliegen will, muss geschmeidig sein.
Stefan Miete

TECHNIK
       
300 SL
C111-II C112 SLS 63 AMG
Motor 6-Zylinder,
2-Ventiler
Vierscheiben-Wankelmotor V12-Zylinder, 4-Ventiler V8-Zylinder,
4-Ventiler
Hubraum 2996 cm³ 2400 cm³ 5987 cm³ 6208 cm³
Leistung (bei U/min) 158 kW / 215 PS
(5800)
257 kW /
350 PS
(7000)
300 kW /
408 PS
(5200)
420 kW / 571 PS
(6800)
Max. Drehmoment
bei
275 Nm
4600 /min
400 Nm
5500 /min
580 Nm
3800 /min
650 Nm
4750 /min
0-100 km/h 10,0 s 4,6 s 5,9 s 3,8 s
Höchstgeschwindigkeit 208 km/h 290 km/h 250 km/h
(abgeregelt)
317 km/h
EU-Verbrauch (/100 km) 15,0 l S - - 13,2 l SP
Grundpreis 29.000 Mark - - 186.830 Euro

AUTO ZEITUNG

Tags:
Severin Elektrische Kühlbox
UVP: EUR 123,99
Preis: EUR 65,15 Prime-Versand
Sie sparen: 58,84 EUR (47%)
Nulaxy FM Transmitter
 
Preis: EUR 21,99 Prime-Versand
Alkoholtester
 
Preis: EUR 16,99 Prime-Versand
Copyright 2017 autozeitung.de. All rights reserved.