Mercedes 600 (W100): Fahrbericht Himmlischer Fahrkomfort

17.12.2015

Der Mercedes 600 (W100) ist mehr als nur eine Staatskarosse. Der himmlische Gleiter schwebt über alle irdischen Schlaglöcher hinweg.

Es wäre Majestätsbeleidigung, diesen längsten und schwersten Personenwagen von Daimler-Benz seit Kriegsende nur mit seinem Mädchennamen "Mercedes" anzusprechen. Dies ist ein Mercedes-Benz 600, interne Typbezeichnung W100. Jede Vermutung, die Ziffernfolge sei als Retourkutsche auf den Borgward P100 gedacht, können wir in den Zitatenschatz der Borgward-Dolchstoßlegenden einsortieren. Der Mercedes-Benz 600 ist mehr als eine großartige Staatskarosse, er ist selbst ein Regent und übernahm die Herrschaft über das Land des Automobilbaus mit seinem ersten öffentlichen Auftritt auf der IAA 1963 und behielt sie volle 18 Jahre lang bis zu seinem Abtritt anno 1981. Kein deutsches Konkurrenzfabrikat versuchte jemals, seinen Nimbus anzutasten. Das Bildnis des Großen Wagens verlangt nach einem Stern auf der Motorhaube.

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Die gewaltige Limousine zwingt zu akkurater Haltung und korrekter Kleidung. Gleichzeitig mahnt sie zu Demut und Bescheidenheit. Die riesige Polstergarnitur mit schlichtem Stoffbezug unterbindet jeden Gedanken an Verschwendung. Wie eine gotische Kathedrale ist der 600er in all seiner architektonischen Pracht keinesfalls ein Ort der Dekadenz.Dabei kommen die andächtigen Besucher in den Genuss vollendeten Fahrkomforts im Stil der 60er-Jahre. Lautlos schwebt die Karosse über alle irdischen Schlaglöcher hinweg. Während der Fahrt dringt nicht mehr als ein Grundrauschen und das Gemurmel ergriffener Sternsinger an die Ohren.

 

Mercedes 600 (W100) – Luxuslimousine im Fahrbericht

Die Quelle allen Komforts stellte dabei die so genannte "Zentralhydraulik" dar, ein Röhrensystem, in dem ein Betriebsdruck von etwa 150 bar vorgehalten wird. Die Sitzeinstellung funktionierte hydraulisch und lautlos. Sogar das Schiebedach und sämtliche  Seitenscheiben gleiten auf Tastendruck mit vollkommener Geräuschlosigkeit in die gewünschte Position, während der Kofferraumdeckel etwas zu diensteifrig in kinnladengefährdender Manier nach oben schwingt. Im Streben nach akustischer Perfektion ersannen die Daimler-Benz-Ingenieure selbst für die Bedienfunktionen im Innenraum ein hydraulisches Antriebssystem. Alles geschieht wie von Geisterhand, und auch der gewaltige V8-Zylinder mit Saugrohreinspritzung verkneift sich jedes Zeichen von Anstrengung. Auch das Automatikgetriebe befleißigt sich der Umgangsformen eines perfekt ausgebildeten Butlers und unterbricht den Kraftfluss nur, wenn es unbedingt nötig ist oder wenn es vom Fahrer per Kickdown energisch in den Salon bestellt wird. Der flüsternde 250 PS-Motor ist ein Kunstwerk des Automobilbaus, doch was das Fahrerlebnis im grandiosen Mercedes-Flaggschiff prägt, ist der fabelhafte Federungskomfort. Mercedes-Benz hatte die Luftfederung samt Niveauregulierung schon an der Hinterachse des 300 SE vom Typ W112 ausprobiert. Im 600er kam schließlich ein perfektioniertes Vierradsystem zum Einsatz, das mit zusätzlichen Gummifedern, Hilfsrahmen und Stabilisatoren an beiden Achsen und sogar mit während der Fahrt verstellbaren Dämpfern gekoppelt wurde.

Den Landauer gab es 59 Mal

Da fiel die Eingelenk-Pendelachse nicht weiter negativ ins Gewicht. Im Gegensatz zu anderen Federsystemen ist das Mercedes-Ensemble kein in sich geschlossenes und muss ständig Frischluft zuführen, um die Luftbälge gefüllt zu halten. Stockt der Nachschub, sacken die Luftbälge in sich zusammen und machen das Auto buchstäblich immobil. Mercedes-Benz baute in 17 Jahren genau 2677 Exemplare dieser einzigartigen Sänfte, davon 428 Pullman-Limousinen, 59 so genannte "Landauer" und 2190 Limousinen mit dem normalen Radstand von immerhin glatt 3,2 Metern. Da werfen wir doch noch einmal einen Blick zurück: Mit diesem riesigen Fünfeinhalbmeter-Staatsdampfer vor Augen wird erst offenkundig, wie bemerkenswert der Radstand von 312,5 Zentimetern für den in der Gesamtlänge beinahe einen Meter kürzer geratenen Citroën DS ist.

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Technische Daten Mercedes 600 (W100)
Zylinder/Ventile pro Zylinder V8/2
Antrieb Hinterradantrieb
Leistung 184 kW/250 PS
Höchstgeschwindigkeit 207 km/h
0-100 km/h 11,4 s
Preis 58.100 Mark (1969)

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