Maserati GranCabrio im Test Große Oper

25.03.2011

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da: Das Maserati GranCabrio betört die Sinne mit fließenden Formen und dem Sound von 440 PS

Die Autogeschichte ist voll von viersitzigen Cabriolets. Es gab sie quer durch alle Jahrzehnte und Fahrzeugklassen. In der Frühzeit war die hintere Sitzbank noch sehr gut nutzbar, denn steil stehende Windschutzscheiben und die geringe Motorleistung sorgten dafür, dass selbst bei Höchstgeschwindigkeit kein Sturm ins Auto dringen konnte und die Rückbänkler durchpustete.

Im offenen Viersitzer von MC Stradale: Maserati stellt schnellstes Straßenmodell vor, der seinen Namen GranCabrio angesichts einer Länge von 4,88 Metern völlig zu Recht trägt, ist das anders. Denn wie beim von Kinderhand gezeichneten Traumauto sitzt die Scheibe stark geneigt am Ende der langen Motorhaube. Unter der thront nach Art des Hauses eine bella macchina – ein 4,7 Liter großer V8 mit 440 PS und 490 Newtonmetern –, dessen konstruktive Wiege bei Ferrari California: Erster Fahrbericht stand.

Mehr Auto-Themen: Der kostenlose Newsletter der AUTO ZEITUNG

Diese Leistung genügt, um wie vom Werk versprochen in 5,3 Sekunden auf 100 km/h zu sprinten, dieses Tempo kurzweilige 12,7 Sekunden später zu verdoppeln und – den Glücksfall einer leeren Autobahn vorausgesetzt – in der Spitze auf 283 km/h zu beschleunigen. Bei geöffnetem Verdeck – übrigens eine dick gefütterte, beim Testwagen aber bisweilen metallisch klappernde Konstruktion des deutschen Zulieferers Edscha – sind immerhin noch 274 km/h drin. Da bleibt kein Auge trocken, und die Mitfahrt auf den hinteren Sitzen stürzt frisurfixierte Damen in tiefste Depressionen.

DER ACHTZYLINDER BRAUCHT DREHZAHLEN
Solche Gewaltaktionen, bei denen die ZF-Wandlerautomatik in der Region um 7300 Umdrehungen schnell und sanft die nächste Stufe einspannt, sind natürlich nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Gelebte Praxis ist es vielmehr, bei mittleren Drehzahlen und kaum durchgetretenem Gaspedal zu flanieren, was einen grundsätzlichen Mangel des seidenweich laufenden Kurzhubers offenbart: Um die 2,1 Tonnen schwere Fünfmeter-Yacht so schnell voranzubringen, wie es Linke-Bahn-Freimacher und andere gut meinende Zeitgenossen glauben, braucht er als lupenreiner Sauger Drehzahlen. Das weiß auch die Getriebesteuerung, die daher öfter um einen oder gar zwei Gänge zurückschaltet, als es in vergleichbar starken, aber turbo- oder kompressorgestählten Autos erforderlich ist.

Das stört den Flow, wirkt nicht wirklich souverän und treibt außerdem den Verbrauch in die Höhe: 14,3 Liter waren es auf der AUTO ZEITUNG-Verbrauchsstrecke, bei engagierter Fahrweise sind durchaus noch zwei, drei Literchen mehr drin.

Daher ist es durchaus reizvoll, die Gänge manuell zu wählen – entweder am lederbespannten Wählhebel oder an Paddeln hinter dem Lenkrad -, den seidenweich schnurrenden Motor einfach ziehen zu lassen, vielleicht dynamische Erwartungen im Umfeld zu enttäuschen und stattdessen einfach – zu lauschen. Vom baritonalen Schmeicheln bis zum siegesgewissen Schmettern beherrscht dieser Motor alle Gänsehaut-Klänge der großen italienischen Oper, sodass der Druck auf die Sport-Taste im zwar attraktiv eingekleideten, aber unübersichtlich geordneten Cockpit fast wie Frevel erscheint. Denn nun straffen sich nicht nur die Dämpfer und der Motor hängt noch spontaner am Gas – er atmet auch hörbarer, fast schon vulgär laut aus, weil ein Klappensystem im Auspuff geöffnet wurde.

Wie ein Sportwagen kommt das Premiere in Genf: Maserati GranCabrio Sport nun daher, obwohl es nichts weniger ist als dies. Allein die Dimensionen seiner auch nach hinten durch die Miniatur-Heckscheibe unübersichtlichen Karosserie, die nicht bedingungslos gefühlsechte Lenkung und auch das hohe, im Lenkrad durchaus zu spürende Gewicht schieben ambitionierter Kurvenwetzerei einen Riegel vor. Hinzu kommen die wenig Seitenhalt bietenden, hart gepolsterten Sitzlehnen und ein nachgiebiges Gefühl im Bremspedal. Das macht es schwer, die Stopper perfekt zu dosieren, was auch beim sanften Ausrollen an der Ampel auffällt. Über ihre Wirkung indes lässt sich nichts Negatives sagen: 34,3 Meter aus 100 km/h bis zum Stillstand bei kalter und 33,9 Meter bei heißer Bremse sind state of the art.

Über die sonstige Sicherheitsausstattung lässt sich das nicht sagen: Front- und Seitenairbags vorn, ausfahrbarer Überschlagschutz, ESP und Bremsassistent sind Serie, darüber hinaus gibt es nichts aus dem modernen Hightech-Arsenal wie etwa Abstandregeltempomat, Toter-Winkel-Warner, Spurhalteassistent oder Head-up-Display.

Die Gründe hierfür darf man in den begrenzten Entwicklungsetats von Maserati und der relativ geringen Stückzahl der verkauften Autos vermuten. Auf die erlebbare Produktqualität hat dies jedoch, anders als früher, keinen Einfluss. Bis auf das klappernde Verdeck, eine leicht poltrige Achse und wiederholte Falschmeldungen des Bordcomputers erlaubte sich das GranCabrio im Test keine Star-Allüren, sondern versah zur Freude aller so pflegeleicht wie ein VW Golf seinen Dienst.

Dass sich die Anordnung vieler Taster und Knöpfe dem edlen Interieurdesign unterwirft und dass man das Multimedia-Navigationssystem aus älteren Peugeot kennt, muss man ebenso akzeptieren wie manches nicht eingelöste Versprechen: GranCabrio heißt dieser Maserati zwar. Doch angesichts des mageren Platzangebots auf den hinteren, nur mit Verrenkungen erreichbaren Sitzen und des mit 173 Litern lächerlich kleinen Kofferraums ist er bei näherem Hinsehen doch eher klein als groß.

STOLZE AUFPREISE FÜR WICHTIGES ZUBEHÖR
Groß indessen ist die Kunst der Italiener, für Banalitäten ungeheure Aufpreise zu verlangen. So kostet das Windschott, das offenes Reisen mit mehr als 200 km/h ermöglicht, unglaubliche 955 Euro. Und für die bei so schnellen Fahrzeugen sehr wichtige Reifendruckkontrolle berechnet der Maserati-Dealer ungerührt 835 Euro.

So ergab sich beim Testwagen anstelle des Grundpreises von 132.770 Euro ein Preis von 147.660 Euro. Wer da fragt, ob das Vergnügen diese Summe wert ist, fragt falsch. Denn offene Viersitzer gibt es natürlich schon für einen Bruchteil dieser Summe. Doch lassen die uns auch so herzergreifend Hören und Sehen vergehen?

Unser Fazit: Das GranCabrio ist ein erfreuliches Mitglied des alten Automobil-Hochadels. Nicht so exaltiert wie ein Kunstwerke im Vergleich: Ferrari 458 Italia, Mercedes SLS AMG, Nissan GT-R und Porsche 911 Turbo oder ein Lamborghini und weniger normal als ein Mercedes, BMW 650i Cabrio im ersten Fahrbericht oder Jaguar. Objektive Mängel sind nicht zu übersehen, doch der grandiose, leider etwas durchzugsschwache Motor und die betörende Form können das aufwiegen.
Michael Harnischfeger

TECHNISCHE DATEN - MASERATI GRANCABRIO
Motor V8-Zylinder, 4-Ventiler
Hubraum 4691 cm³
Leistung
bei
350 kW / 440 PS
7000 /min
Max. Drehmoment
bei
490 Nm
4750 /min
Getriebe Sechsstufen-Automatik
Antrieb Hinterrad
Fahrwerk rundum:
Einzelradaufhängung, Doppelquerlenker, Federn,
aktive Dämpfer (Skyhook), Stabilisatoren, ESP
Bremsen rundum:
innenbelüftete Scheibenbremsen
Bereifung vorne: 245 / 35 ZR 20
hinten: 285 / 35 ZR 20
Felgen vorne: 8,5 x 20
hinten: 10,5 x 20
L/B/H in mm 4881 / 1915 / 1380
Radstand 2942 mm
Leergewicht 2100 kg
Zuladung 250 kg
Kofferraumvolumen 173 Liter
0-100 km/h 5,3 s
Höchstgesch. 283 km/h
EU-Verbrauch
15,4 l S / 100 km
Testverbrauch
14,3 l SP / 100 km
CO2-Ausstoß¹ 354 g/km
Preis 132.770 Euro
¹ Werksangabe

AUTO ZEITUNG

Tags:
Zmarta Autokredit
Autokredit

Jetzt den günstigsten Autokredit finden

Copyright 2017 autozeitung.de. All rights reserved.