Maserati Ghibli: Alt gegen Neu Der Name der Preziose

05.05.2015

Die Urversion des Maserati Ghibli steht längst im Rang eines großen Kunstwerks aus dem automobilen Hochmittelalter. Version III läutet mit einer radikalen Neuinterpretation die Renaissance des italienischen Gran Turismo ein

Vierzehn mittelalterliche Basiliken in ganz Italien stehen im Rang eines UNESCO-Weltkulturerbes, darunter auch die 1099 begonnene und 1184 geweihte Cattedrale di Santa Maria Assunta von Modena.

Beänden die Gralshüter der UNESCO auch über Automobile, so würde garantiert ein weiteres Highlight Modeneser Baukunst für schützenswert erklärt: der von 1966 bis 1973 gebaute Maserati Ghibli, die Inkarnation des prachtvollen Gran Turismo klassischer Bauart.

 

Einer von Giugiaros Geniestreichen

Fast 50 Jahre nach seiner ersten Präsentation hat diese Stilikone nichts von ihrer magischen Ausstrahlung verloren. Anders als die Kathedrale dürfte der Ghibli allerdings nicht allein der Stadt Modena gutgeschrieben werden, auch wenn der Hersteller Maserati dort seit langem zuhause ist.

Doch genau betrachtet wurden nur der Motor und das Fahrwerk tatsächlich in Modena entworfen und gebaut. Die Karosserie hingegen stammt aus Turin, denn sie wurde bei Ghia gezeichnet und bei Vignale gefertigt.

Der Formgeber war in jeder Hinsicht ein überragender Künstler, einer der talentiertesten Zeichner, die je den Bleistift spitzten, um ein Automobil zu entwerfen: Giorgetto Giugiaro. Vom ersten Bleistift-Strich bis zur fertigen Skizze vergingen nicht mehr als drei Monate.

Giugiaro war damals 26 Jahre alt und seit kurzem neuer Chefstilist der Carrozzeria Ghia. Das neue Maserati Coupé mit dem vorn eingebauten V8 war sozusagen sein Einstandsprojekt.

Das Fantastische am Ghibli ist die Kombination aus seiner unerhört schlichten Grundform und den lustvoll auf die Spitze getriebenen Proportionen.

Der Maserati ist so lang wie ein Ford Granada und so breit wie ein Mercedes 280 SE, aber flacher als ein Jaguar E-Type.

Das Verhältnis von Blech- und Glasflächen, die Höhe der von den Radkästen touchierten Gürtellinie und die minimale Wölbung im Dachbogen, der sich vom Frontscheibenrahmen bis zur Abschlusskante des Kofferraumdeckels erstreckt – diese definierenden Elemente wurden absolut perfekt ausgeführt und eins zu eins umgesetzt.


Der schönste Maserati aller Zeiten?


Lustvoll ausgearbeitete Details setzen dem Ganzen die Krone auf: der feine vordere Chromrahmen, die hintere Stoßstange, die geradezu obszönen Auspuffendrohre und die wie durch den Fahrtwind geneigten Fensterrahmen.

Die seitlich weit herumgezogene Windschutzscheibe lässt die Motorhaube noch länger aussehen, als sie es ohnehin schon ist, und der Griff der Fahrertür sitzt dort, wo man bei normalen Autos den Zugang zur Fondsitzbank erwartet.

Der Ghibli ist aber keine Limousine, und, seien wir ehrlich: Wenn mehr als zwei Personen im Auto Platz finden müssen, schwindet auch sein Traumwagen-Appeal. Es sieht auch nicht so aus, als würde ein 4,7-Liter-Achtzylinder unter die Motorhaube passen.

Jeder Ingenieur mit wenig Sinn für Ästhetik hätte ein Loch von der Größe eines Schreibtisches ins Blech geschnitten und eine Dragster-Hutze draufgesetzt, doch Maserati-Konstrukteur Giulio Alfieri kam auf eine bessere Idee:

Er verpasste dem V8 eine Trockensumpfschmierung und schob ihn weit nach hinten, fast bis unter den Scheibenrahmen. Wie fast alle makellosen Schönheiten kann auch der Ghibli in der Praxis nicht halten, was seine atemraubende Figur verspricht.

Je länger man ihn fährt, desto mehr läuft der Mythos Gefahr, sich selbst zu zerstören. Der Ghibli hat Übergewicht, er fährt sich sperrig, zwingt seine gewaltige Front mühevoll um enge Kurven und verteilt mit der blattgefederten Salisbury-Hinterachse rustikale Stöße.

Die Sitze sehen bequemer aus, als sie sind, und die extrem flach geneigten Scheiben verwandeln den Innenraum bei gutem Wetter in ein Solarium. Die Werksangaben für Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit sind ausgesprochen optimistisch, die Verbrauchswerte nicht und dennoch kaum zu unterbieten.

Trotzdem wurden über 1200 Exemplare gebaut. Weil die Zeiten längst vorbei sind, in denen ein Designer den Bleistift schwingen konnte wie er wollte, brachten seitdem weder andere Baumeister großer Autokathedralen noch Maserati selbst eine ähnlich betörendere Gran Turismo-Form zuwege.

 

BEKANNT WIE EIN BUNTER HUND

Viele Fans sehen im Ghibli den schönsten Maserati überhaupt, und seinen Namen kennen selbst passionierte Bahnfahrer, die einen Passat nicht von einem Scirocco unterscheiden könnten.

Diesen enormen Bekanntheitsgrad machte sich Maserati schon in den Neunzigerjahren zunutze: Von 1992 bis 1998 erhielt eine zweitürige Hochleistungsvariante des kompakten Maserati Biturbo den Modellnamen Ghibli und verhalf der bereits zehn Jahre alten Konstruktion noch einmal zu respektablen Stückzahlen.

Doch obwohl vom zweiten Ghibli rund doppelt so viele Exemplare entstanden, blieb die Urfassung in den Köpfen und Herzen der Autofans als einzig wahrer Maserati Ghibli präsent.

Nun versucht Maserati zum zweitenmal, aus der Legende Kapital zu schlagen. Was mit der Neuauflage des Quattroporte bereits gelang, soll sich eine Ebene darunter mit dem Ghibli wiederholen. Dabei scheint es völlig unerheblich, dass das neue Auto aus ganz anderem Holz geschnitzt wurde.

Der Ghibli Jahrgang 2015 ist eine Sportlimousine, eine Art Kurzfassung des Quattroporte, die technisch betrachtet mit dem Ur-Ghibli  nur eines gemeinsam hat: Das Getriebe ist eines aus dem Hause ZF. Es gibt auch eine Parallele zu Ghibli Nr. 2: Das neue Modell ist mit einem V6-Biturbo ausgestattet.

Doch Maserati leistet sich dazu noch vordergründig einen handfesten Affront in Form eines Motors, den sie in Modena früher womöglich selbst ihren Renntransportern nur widerwillig zugemutet hätten:

Im Ghibli steckt ein Dieseltriebwerk. Doch wenn wir das Prinzipienreiten bleiben lassen, uns auf Tatsachen und Zahlen fokussieren und dem neuen Auto eine Chance geben, verwandelt sich das Bild.

De facto fährt der neue Diesel Kreise um den alten Traumwagen und lässt ihm auch auf der Geraden kaum eine Chance. So ein Selbstzünder kann nämlich sehr wohl Begeisterung entfachen, wenn er in einem Maserati steckt.

Nur funktioniert der Trick heute umgekehrt: Früher entwickelte Maserati den Motor selbst, doch das Karosseriedesign überließ man den externen Spezialisten. Heute entsteht der erstklassige Motor bei VM, und dafür übernimmt Maserati das Styling selbst. Ribotta heißt der Zeichner des neuen Autos.

Es ist vielleicht kein epochaler Entwurf, doch neben Giugiaros Renaissance-Meisterwerken sahen schon ganz andere Kaliber blass aus. Beim ersten Ghibli reichte es, ihn anzusehen. Den Neuen muss man fahren, um die Magie des Namens Maserati zu entdecken.

TECHNIK
   

Maserati Ghibli 4700 (1972)
Maserati Ghibli Diesel (2015)
Motor V8-Zylinder, 2-Ventiler, je zwei obenliegende
Nockenwellen, vier Doppelvergaser Weber 40
DCNL
V6-Zylinder, 4-Ventiler, je zwei
obenliegende Nockenwellen, Turbolader,
Common-Rail-Direkteinspritzung
Hubraum 4719 cm³ 2987 cm³
Leistung 243 kW/330 PS bei 5500/min 202 kW / 275 PS bei 4000 /min
Max. Drehmoment 441 Nm bei 4000/min 570 Nm bei 2000 – 2600 /min
Getriebe/Antrieb 5-Gang, manuell, Hinterrad 8-Stufen-Automatik, Hinterrad
L/B/H 4590/1800/1160 mm 4971/1945/1461 mm
Leergewicht 1530 kg 1835 kg
Radstand  2550 mm 2998 mm
0-100 km/h¹ 5,3 s 6,3 s
Höchstgeschwindigkeit¹ 280 km/h 250 km/h
EU-Verbrauch¹ 20 l S/100 km 5,9 l D/100 km
CO2-Ausstoß¹ 476 g/km 158 g/km
Grundpreis 72.233 DM/200.000 Euro2 65.380 Euro
1 Werksangaben 2 Neupreis 1972 / geschätzter Marktwert heute

Karsten Rehmann

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