Faszination Auto: Lancia Thema in Boston Born in the USA

08.07.2012

Der Chrysler 300 C soll jetzt ja ein Lancia Thema sein. Wir versuchen, das bei einer Stadttour durch Boston zu erfahren. Dort, wo Amerika anfängt

Brief ans deutsche Fiat-Hauptquartier: „Ihr lieben Fiat- und Lancia-Leute, natürlich verstehen wir theoretisch so ungefähr, weshalb aus dem Chrysler 300 C ein Lancia Thema werden musste: Fiat übernimmt Chrysler, irgendwo zwischen Turin und Auburn Hills schieben Vertriebs-Experten aus Italien und den USA ihre Planungen der nächsten fünf Jahre übereinander und stellen fest, dass nach dem Ende des ätherisch-intellektuellen Thesis ein großer Lancia fehlt. Also: 300 C für die USA, Lancia Thema für Europa.

Strich gezogen, und die Zahl darunter ist sogar schwarz. – Moment mal, sagt dann bestimmt der Kollege, der immer alles besser weiß: Ein Chrysler und ein Lancia? Wie soll das denn gehen? – Stille im Raum. Eine Kugelschreibermine wird nervös ein- und ausgeklickt. Irgendwo in einer Jackett-Tasche beginnt penetrant ein stumm geschaltetes Handy zu vibrieren. Die Alternativen fehlen jedoch, und deshalb wird beschlossen. – Aber jetzt mal so unter uns: Ein Lancia ist der 300 C doch garantiert nicht geworden.

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Dem quillt das typisch-Amerikanische doch aus jedem Knopfloch! Oder würdet Ihr Euch etwa trauen, einen Thema in die USA zu stellen, damit wir nachsehen können, ob sich der umgestrickte Italo-Western-Held nicht doch nach ein paar Sekunden wieder restlos assimiliert?“ Minuten später die Antwort der Lancia-Truppe im E-Mail-Fach: „Klar! Washington oder Boston? Wir hätten gerade ein Auto drüben …“

TYPISCH AMERIKANISCH? – WAS SOLL DAS EIGENTLICH GENAU SEIN?
Fehdehandschuhe, bei denen man sich sicher ist, auf jeden Fall zu gewinnen, nimmt man natürlich besonders gern auf. Ein paar Wochen später sitzen wir im Flugzeug nach Boston. Es soll dort ja eine vitale italienische Community geben. Vielleicht hilft das dem Lancia, ein paar Runden länger im Ring zu bleiben. Niemand soll sagen, wir hätten dem Wagen nicht ein paar Chancen gelassen, uns zu überzeugen.

Der Thema erwartet uns am Flughafen, wirkt mit den angepfeilten Scheinwerfern und dem zart feingerippten Kühlergrill gleich richtig elegant. Die bullig starrenden Rundscheinwerfer der ersten 300 C-Generation, die sich um einen überzeichneten Grill mit grobem Karo-Gitter gruppiert hatten, machten ja innerhalb einer Millisekunde klar, dass es hier um Muskeln ging und Überholprestige.

Das Lancia-Gesicht ist milder und angenehm konturiert, aus dem irischen Preisboxer ist also tatsächlich ein Milaneser Geschäftsmann im Anzug geworden. Manchmal macht Design einfach alles aus: Eine ganze Grundstimmung kippt, sacht angestoßen durch ein paar wenige Linien.

Und vielleicht wehren wir uns ja nur so gegen den Lancia Thema aka Chrysler 300 C, weil wir das Auto schon als „typisch amerikanisch“ abgespeichert hatten. Und überhaupt: Was ist das eigentlich? Die Backsteingebäude Bostons und das enge Straßengewirr der alten Viertel, die sichtlich aus einer Zeit stammen, in der nicht Automobile, sondern Pferdekutschen und Fußgänger maßgeblich waren, sind eindeutig von europäisch geeichten Köpfen erdacht.

SPURENSUCHE IN DER CANTINA ITALIANA IM BOSTONER NORTH END
Die Hügel des Stadtteils Charlestown fallen langsam hinunter zum Meer ab, Holzhäuser in engen Reihen, kleine Sitzbänke davor, leicht zurückgesetzte Eingangstüren mit Blumenschmuck – und immer wieder das irische Kleeblatt. Als Autoaufkleber, emailliert an Hausfassaden, in Fensterscheiben. Charlestown ist quasi die 750 Kilometer und einen Atlantik weiter westlich errichtete Verlängerung der irischen Hauptstadt Dublin.

Und trotzdem typisch amerikanisch. Denn abseits der stark auf den Marlboro-Man und Hollywood verengten deutschen Perspektive sind die USA zuallererst ein Land der Einwanderer: In den meisten Bundesstaaten geben die Einwohner zum größten Teil an, deutsche Vorfahren zu haben. Der Mister Chrysler hätte also genauso ein Pfälzer sein können, wenn nicht irgendwann im 18. Jahrhundert ein gewisser Herr Kreißler in einem Schiff Richtung Manhattan gesessen hätte.

Ohne Ticket für die Rückfahrt. Sanft summend segelt der Lancia durch die unterirdisch verlegten Innenstadt-Autobahntunnel in Richtung North End. Hellblau glimmende Instrumente, feines Leder, tolle Verarbeitungsqualität und geschmackvolle Atmosphäre. Das war beim Chrysler immer ein wenig einfach und rustikal. „Typisch amerikanisch“ eben.

Im Chromrand der klassisch-verspielten Analoguhr fliegen die Neon-Leuchten der Tunneldecke vorüber, von der hubraumstarken 3,6-Liter-V6-Maschine ist kaum etwas zu hören. Der Motor wirkt erstaunlich kräftig, kultiviert und spritzig – vielleicht weil uns noch der rumorende, polternde Chrysler-V8 in den Knochen steckt?

Und dann zwängen wir uns hinein in die engen Gassen des North End, hier haben sich die Auswanderer aus Italien niedergelassen und ihre vertrauten Traditionen konserviert. Links und rechts drängen sich italienische Restaurants und Geschäfte, das Treiben ist laut, temperamentvoll und chaotisch. Typisch italienisch eben. Der Lancia steht etwas verloren am Straßenrand, wird gelegentlich von Passanten neugierig beäugt, von Jugendlichen mit dem Handy fotografiert.

Unser Wirt weiß, was Lancia ist. „Kommen die jetzt hierher“, wundert er sich. „Nein, nur in Europa.“ – Er lächelt, schüttelt den Kopf. Aber nicht aus Unverständnis, sondern weil da plötzlich diese angeborene Wehmut des Auswanderers durchschimmert. Was ist Heimat? Was ist italienisch? Kalabrien? North End? – Magere Menschen in Bauernkleidung schauen traurig von unscharfen Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand. Die junge Bedienung sieht ein wenig aus wie die Großmutter rechts oben …

WELTENWANDERER – DER LANCIA THEMA ISt, WAS MAN IHN SEIN LÄSST
Vielleicht ist das der Schlüssel zum Lancia – die Schnittstelle zwischen Europa und Amerika, das Verschwimmen der Kulturen, das Festhalten am Alten oder Erobern des Neuen. Nimmt der Mensch seine Seele mit, wohin er geht? Haben Autos eigentlich eine Seele? Am nächsten Morgen verlassen wir Boston im Dunkeln und gleiten in Richtung Süden.
Wie der Lancia so über die landebahnbreiten Highways schnurrt, könnte er ein US-Straßenkreuzer sein: komfortabel, unauffällig, mit raumgreifendem Rhythmus, der einen ganz sicher quer über den ganzen Kontinent tragen würde. Aber schon die erste Abfahrt fliegt er mit so angenehmer Präzision und Definition hinunter, dass man das Lenkrad erwartungsfroh schmunzelnd fester packt.

Also doch ein Europäer! Oder verfallen wir nur dem Lancia-Wappen am Lenkrad? Hey, das sind doch die mit dem Stratos und dem Delta Integrale – kein Wunder, dass selbst das Dickschiff hier in den Kurven relativ knackig liegt! Der V6 greift druckvoll in die Achtstufen-Automatik, es geht also kein bisschen phlegmatisch hinunter an die Küste. „Plymouth“ steht am Ortsschild, und unten im Hafen dümpelt ein uraltes, abblätternd-gelbes Holzschiff.

Mit der Mayflower hat der große Strom der europäischen Auswanderer in die USA erst richtig begonnen. Langsam rollen wir durch endlose Wälder ans andere Ende der Bucht, Cape Cod. Ein sandiger Streifen am Ende der Welt. Grauer Himmel, graues Meer. Der erste Blick auf die neue Heimat. Und der feine, schöne, große Thema schaut hinaus aufs Meer – in Richtung Europa. Was gäben wir dafür, jetzt einen Blick in seine Seele werfen zu können.
Johannes Riegsinger

TECHNIK
 

LANCIA THEMA
Motor V6-Zylinder, 4-Ventiler
Bohrung x Hub 96,0 x 83,0 mm
Verdichtung 10,2 : 1
Hubraum 3604 cm3
Leistung 210 kW/286 PS bei 6350 /min
max. Drehmoment 340 Nm bei 4650 /min
Getriebe 8-Stufen-Automatik
Antrieb Hinterradantrieb
Aufbau+Fahrwerk Viertürige Limousine;
v.: Doppelquerlenker, Federbeine,
Dämpfer, Stabi.;
h.: Mehrfachlenkerachse,
Federn, Dämpfer, Stabi.; ESP;
Bremsen rundum innenbel. Scheiben;
ABS, Bremsassistent
Reifen rundum 245/45 R 20
L/B/H 5066/1902/1488 mm
Radstand 3052 mm
Leergewicht 1.801 kg
Zuladung 483 kg
0-100 km/h 7,7 s
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h
EU-Verbrauch 9,7 l SP/100 km
Grundpreis  46.900 Euro

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