Lancia Flaminia Berlina 2.8: Fahrbericht, Bilder & technische Daten Die große, alte Dame

17.06.2014

Auf der Flaminia-Basis entstanden mehr Coupés als Viertürer. Die sechssitzige Limousine war schon zu Lebzeiten eine Rarität. Heute setzt sie Maßstäbe als stilvolle Familien-Kutsche. Fahrbericht

Als der Opel Admiral A 1964 sein Debüt gab, war diese Limousine schon seit sieben Jahren auf dem Markt. Als Opel die Produktion des Admiral A 1969 einstellte, wurde diese Limousine optisch unverändert immer noch im alten Lancia-Werk Borgo San Paolo gebaut.

Jede Flaminia entstand individuell in einem handwerklichen Produktionsprozess, der im Limousinenbereich in den 1960er-Jahren sonst praktisch nur noch bei Rolls-Royce und Bentley in Crewe gepflegt wurde. Die 1957 vorgestellte Lancia Flaminia war damals die größte und luxuriöseste Limousine in ganz Italien. Ihr Format eignete sich hervorragend zum Chauffieren von Filmstars und Firmenchefs.

Ihr Preis von drei Millionen Lire lag weit außerhalb der Reichweite von Familienvätern, die für eine solche Summe gleich drei propere Fiat Millecento erwerben konnten. Ihr von Pinin Farina entworfenes Design war 1957 einzigartig, wegweisend und beispielhaft. Als die Flaminia debütierte, hatte sich Mercedes gerade von Trittbrettern verabschiedet. Vom Fiat 1800 über den Peugeot 404 bis hin zu englischen und japanischen Limousinen diverser Hersteller fand die neuartige Trapezlinie im Laufe der 60er landauf, landab Nachahmer.

Wer die majestätische Karosse zu Gesicht bekam, wäre nicht überrascht gewesen, Federico Fellini persönlich im Fond sitzen zu sehen. Die Flaminia erfüllte sogar staatstragende Funktionen. Für die Beförderung von Staatsgästen wie der jungen Königin Elisabeth II. von England fertigte Pinin Farina vier 5,46 Meter lange „Presidenziale“-Karossen. Der Radstand wurde dazu um einen halben Meter verlängert und die Fondsitzbank mit einem Glaspavillon oder einem Cabriolet-Verdeck überdacht.


IM VATIKAN FUHR DIE FLAMINIA EIN UND AUS


Auch im Vatikan schätzte man den würdevollen Auftritt des großen Lancia – und das nicht zuletzt, weil der Heilige Stuhl über seine Anteile an der Unternehmensgruppe des Lancia-Hauptaktionärs Carlo Pesenti finanziell an Italiens großer Traditionsmarke beteiligt war. Entsprechend fein wurde die Flaminia ausstaffiert und mit ungemeiner Sorgfalt gefertigt. Lancia verwendete im Innenraum teure Textilien und gut vernähtes Leder sowie hochglänzende Aluminium- und Holzblenden. Die schön gezeichneten und perfekt ablesbaren Kombi-Instrumente von Jaeger erinnern daran, dass in der Rennabteilung bis Mitte der 50er fabelhafte Grand-Prix Wagen und Sport-Roadster entstanden, die Enzo Ferrari des Öfteren um den Schlaf brachten.

Lancia verband Grandezza, Sportlichkeit und Individualität auf faszinierende, wenn auch nicht gerade Rendite-fördernde Weise. So entstanden auf Basis der Flaminia nicht nur eine Coupéversion plus ein eng verwandtes Cabriolet, wie dies heute üblich ist und auch in den 60ern schon die Regel war.

Von der Flaminia gab es stattdessen eine Vielzahl betörend schöner Coupé- und Cabriolet-Karossen von Pinin Farina, Touring und Zagato. Das Spektrum reichte vom distinguierten 2+2-Sitzer für die gepflegte Ausfahrt an den Comer See bis zum 210 km/h schnellen Super Sport Coupé für Targa Florio-Aspiranten.

Diese verführerischen Alternativen drängten die sechssitzige Limousine verkaufstechnisch in eine kuriose Außenseiterrolle. In 14 Produktionsjahren entstanden weniger als 4000 Exemplare der Berlina, jedoch über 5000 zweitürige Flaminia. Diese stehen auch heute noch bei den Lancia-Fans höher im Kurs als die Limousine, und ihre Sammlerwerte erreichen im Extremfall sechsstellige Dimensionen.

Das hier gezeigte Auto im annähernd perfekten Originalzustand entzieht sich ebenfalls einer Pauschalbewertung, auch weil die äußerst rar gewordene Limousine selbst bei europaweiter Beobachtung nur selten auf dem Markt erscheint. Umso eifriger ergriffen wir die Gelegenheit zur Ausfahrt mit einem der wenigen in Deutschland gehüteten Exemplare.

Der Motor startet nach wenigen Anlasserumdrehungen mit einem kernigen Bellen. Während 7,3 Liter Öl und zehn Liter Kühlwasser auf Betriebstemperatur gebracht werden, hustet sich auch der Solex-Doppelvergaser den Winter aus den Kanälen, und dann legt das Aggregat ein Temperament an den Tag, wie man es von einer vornehmen Kutsche wie dieser nicht erwartet. Der Motor bringt die 1,5 Tonnen schwere Karosse souverän in Schwung.

Mittlere Drehzahlen reichen aus, um auf der Landstraße im modernen Verkehr sehr bequem mitzuschwimmen. Lancia war Pionier und Experte auf dem Gebiet des Leichtmetall-V6 und beherrschte die dafür notwendige Aluminiumgusstechnik schon seit den 50er-Jahren. Für die ab 1963 gebaute dritte Serie der Flaminia wurde der Motor von 2,5 Liter auf 2,8 Liter Hubraum aufgebohrt. Abhängig von der Vergaserbestückung leistet er in der Limousine 129 PS, in den Coupés bis zu 150 PS.

 

VERBLÜFFEND PRÄZISE AGIERT DAS FAHRWERK

Die Kraft fließt über die Kardanwelle zum vollsynchronisierten Viergang-Getriebe, das im Transaxle-Tandem mit dem Differential direkt an der Hinterachse platziert wurde und das von der Lenkradschaltung über ein penibel konstruiertes  Gestänge mühelos zu bedienen ist. Trotz des langen Weges vom Hebel zu den Zahnrädern schaltet sich dieses Getriebe mustergültig präzise. Ausgesprochen modern und direkt agiert auch das Fahrwerk.

Die nach DeDion-Prinzip gebaute Hinterachse mit Längsblattfedern verhält sich spur- und sturzkonstant und sorgt dafür, dass die große alte Dame Lancia Kurven mit bewunderns-werter Behändigkeit und Präzision unter die Räder nimmt und selbst auf schlechter Fahrbahn keinerlei Hochseekrankheit an Bord aufkommen lässt. Passend dazu gibt es eine Bremsanlage, die weit oberhalb des vor fünf Jahrzehnten üblichen Niveaus anzusiedeln ist. Die hydraulisch betätigte Zweikreisanlage mit Bremskraftverstärker wirkt auf vier Scheiben; die hinteren flankieren innenliegend das Differentialgehäuse.

Wer herausfinden möchte, warum viele Oldtimer-Fans anerkennend mit der Zunge schnalzen, wenn von klassischen Lancia-Modellen die Rede ist, muss nur wie wir die Probe aufs Exempel machen. Die Flaminia übertrifft selbst hochgesteckte Erwartungen mit Leichtigkeit. Sie ist zwar kein pflegeleichter Oldtimer, aber jede Liebesmühe wert.

LANCIA FLAMINIA BERLINA 2.8 (Bj.: 1957-70): Technische Daten und Fakten
Antrieb
V6-Zylinder (60°), vorn längs eingebaut; 2-Ventiler; zentrale Nockenwelle, Kettenantrieb; Gemischbildung: ein Doppelvergaser Solex C40 PAAI; Bohrung x Hub: 85,0 x 81,5 mm; Hubraum: 2775 cm3; Verdichtung: 9,0:1; Leistung: 95 kW/129 PS bei 5000/min; maximales Drehmoment: 230 Nm bei 2500/min; Viergang-Getriebe (Transaxle); Lenkradschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. Stahlkar. mit vier Türen; Radaufhängung v.: doppelte Dreieckslenker, Schraubenfedern, Stabi.; h.: DeDion-Achse, Längsblattfedern, Panhardstab, Stabi.; v./h. Teleskopdämpfer; Schneckenlenkung; Bremsen: v./h. Scheiben, h. innenliegend; Reifen: v./h. 185-400; Räder: 5,0 x 400
Eckdaten
L/B/H: 4855/1750/1460 mm; Radstand: 2870 mm; Spurweite v./h.: 1368/1370 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 1560/2040 kg; Tankinh.: 58 l; Bauzeit: 1957 bis 70; Stückz.: 3944, davon 599 Flaminia 2.8; Preis (1967): 18.980 Mark
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in ca. 16,5 s; Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h; Verbrauch: 13,9 l N/100 km
1Werksangaben


MARKTLAGE

Zustand 2:  22.100 Euro
Zustand 3:  14.400 Euro
Zustand 4:     6400 Euro
Wertentwicklung: steigend
Definition der Zustandsnoten

Unser Fazit

Die Flaminia Berlina ist wie ein Breitwandfilm von Federico Fellini auf Rädern. Während sie sich mit ihrer Statur und Eleganz im Alltagsverkehr Respekt und Raum verschafft, fahren Marcello Mastroianni und Anouk Aimée im Geiste auf der Rückbank mit. Lancias letzte klassische Luxuslimousine verbindet Größe mit Understatement und Komfort mit Fahrpräzision in einer Art und Weise, wie dies in den 60er-Jahren nur wenige Hersteller beherrschten. Lancia war damals mit den kleineren Baureihen Fulvia und Flavia so beschäftigt, dass der Flaminia nie eine gründliche Modellpflege zuteil wurde. Die große Limousine blieb dennoch über 14 Baujahre eine prächtige Erscheinung.

Karsten Rehmann

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