Supersportler-Vergleich: Lamborghini Aventador LP700-4 gegen Porsche 911 GT2 RS Alarmstufe Rot

07.02.2012

Der neue Aventador LP 700-4 ist vielleicht der beste Lamborghini aller Zeiten. Wir stellen ihn auf die Probe gegen den Porsche 911 GT2 RS – nicht irgendwo, sondern auf dem Nürburgring-GP-Kurs

Der erste Test brachte es bereits an den Tag: Das Beste, was die Lamborghini-Werkshallen in Sant’Agata Bolognese mit einem Zwölfzylinder jemals verlassen hat, ist der neue Lamborghini Aventador LP 700-4 – zu einem wohlfeilen Preis von 312.970 Euro. Dass eine selbstbewusste Preisgestaltung nicht unbedingt verkaufshemmend wirkt, beweist der Gegner des Lambo: Der radikale, knapp 240.000 Euro teure Porsche 911 GT2 RS hat seine Karriere eigentlich bereits erfolgreich abgeschlossen, denn die limitierte Serie ist ausverkauft. Zur Standortbestimmung auf der Rennstrecke taugt der auf der Baureihe 997 basierende Elfer aber allemal. Wer in der obersten Supersportwagen-Liga mitspielen will, muss sich am GT2 RS messen lassen. Und das gilt besonders für den spektakulären Aventador von Lamborghini, galt doch sein Vorgänger Murciélago im Umgang etwas sperrig, besonders auf der Rennstrecke.

KONVENTIONELL DER PORSCHE, SPACIG DER LAMBO
Doch bevor wir uns auf den Weg in Richtung Nürburgring bewegen, machen wir uns zunächst einmal mit den beiden Flachmännern vertraut. Erste Hürde beim überbreiten Lambo stellen die publikumswirksam nach oben öffnenden Türen dar. Doch nachdem man sich etwas mühsam unter dem Portal hindurchgeschwungen hat, empfängt einen ein geräumiges, top verarbeitetes Ambiente, das selbst großen und massigen Personen genügend Bewegungsfreiheit gewährt. Den schmaler geschnitten Elfer entert man hingegen über konventionelle Türen, doch so ganz einfach funktioniert das auch nicht, denn die massiven, sehr hochgezogenen Seitenführungen der Schalensitze wollen erst mal überwunden werden, um dann sogleich mit dem rechten Beckenknochen unsanften Kontakt mit dem Gurtschloss aufzunehmen. Ohne Aufpreis bietet Porsche jedoch auch gemäßigtere Sportsitze an, die zwar nicht den kompromisslosen Seitenhalt der Schalensitze aufweisen, im alltäglichen Umgang aber bequemer sind. Die Bedienung des Elfer reduziert sich auf das Wesentliche – Audio- und Klimaanlage erhält man nur optional ohne Aufpreis. Auf Anhieb vertraut präsentiert sich das Runduhren-Instrumentarium, in dem der große, mittig angeordnete Drehzahlmesser die Hauptrolle übernimmt.

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Ganz anders, viel spaciger und moderner dagegen der Lamborghini Aventador: Den Fahrer umgibt eine Vielzahl von Schaltern und Bedienfeldern, gleichsam wie in einer Pilotenkanzel. Vom Mutterkonzern Audi stammt das MMI-Bediensystem auf der massiven Mittelkonsole nebst Multifunktionsbildschirm. Die primären Informationen, etwa Drehzahl und Geschwindigkeit, erhält der Fahrer nicht über klassische Rundinstrumente, sondern per farbenfrohem, dennoch gut ablesbarem TFT-Display hinter dem Lenkrad.

SOLIDE HANDARBEIT ODER LEICHTE FINGERÜBUNG
Porsche bleibt da lieber auf der klassischen Seite. Nicht nur beim schlichten Schlüssel mit Bart, der den Bi-Turbo-Boxer zündet, sondern auch beim Getriebe. Auf ein Doppelkupplungsgetriebe oder eine andere Form einer automatisierten Schaltbox verzichten die Schwaben beim . Hier variiert der Fahrer die sechs Gänge per Kupplung und stramm geführtem Schalthebel in Handarbeit – im Gegensatz zum sequenziell schaltbaren automatisierten Siebengang-Getriebe des Lambo.

Diese Boliden zu starten, gleicht einer Zeremonie. Vor allem im Lamborghini folgt der Fahrer einem vorgeschriebenen Protokoll, um dem V12 im Zentrum des Keils Leben einzuhauchen. Eine rote Klappe verbirgt den Starterknopf. Die Abdeckung leicht anheben, ein fester Druck mit dem Zeigefinger, und direkt im Rücken des Piloten erwacht das 6,5 Liter große V12-Monster zum Leben. Heiser röchelnd grollt es vor sich hin. Ein Zug an der rechten Schaltwippe hinter dem Lenkrad, und der erste Gang rückt ein. Unfassbar, was dann in Bruchteilen von Sekunden passiert – für das menschliche Gehirn kaum noch zu verarbeiten. Sobald der Fahrer das Gaspedal auch nur berührt, stürmt der Aventador los, als würde er von einem unsichtbaren Gummiband weggerissen. Nahezu verlustfrei transportiert der Allradantrieb 700 PS auf den Asphalt. Gerade einmal 2,9 Sekunden vergehen, bis die 100-km/h-Marke erreicht ist, bereits sechs Sekunden später liegt Tempo 200 an.

Untermalt von einer infernalischen Klangkomposition aus tiefen Ansauggeräuschen und dramatischen Verbrennungsorgien aus dem mittigen Auspuffschlund, arbeitet sich der prachtvolle Zwölfzylinder durch alle Drehzahlregionen, bis er bei 8250 Touren sein Limit erreicht – begleitet von brutal harten Gangwechseln. Die Italiener sprechen vom „emotionalsten Schaltgefühl“, dem aber wohl nur Masochisten zustimmen würden. Wir finden, dass der Wechsel der einzelnen Zahnradpaarungen doch eine Spur geschmeidiger ablaufen dürfte. Insbesondere im Corsa-Modus gleicht jeder Schaltvorgang des automatisierten Siebengang-Schaltgetriebes (ISG) einem Tritt ins Kreuz.

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Anders, aber nicht minder spektakulär agiert der handgeschaltete Porsche 911 GT2 RS. Beim Beschleunigen kommt man kaum mit den Gangwechseln hinterher, so schnell treibt der nur 3,6 Liter große Sechszylinder-Bi-Turbo-Boxer den GT2 nach vorn. Trotz Heckantriebs bringt der RS seine Power mit viel Grip auf den Boden. Hier zahlt sich das Heckmotorprinzip, bei dem der Motor mit seinem Gewicht auf die Hinterachse drückt, voll aus – vorausgesetzt, es ist trocken. Dennoch muss der fast 400 Kilogramm leichtere Porsche den Lambo beim Sprint ziehen lassen. Aber auch der Zuffenhausener Supersportler erreicht Tempo 200 in knapp unter zehn Sekunden. Weder die gemessenen Fahrleistungen noch die ermittelten ultrakurzen Bremswege lassen also einen Rückschluss auf die Rennstreckenperformance zu.

PERFEKTE FEDERUNGSABSTIMMUNG IM LAMBO
Wie gut das Gesamtprodukt Lamborghini Aventador ist, zeigt sich bei der Anfahrt zur Eifelrennstrecke. Das sensible Ansprechverhalten der nicht einstellbaren Federn und Dämpfer überzeugt auf der Autobahn ebenso wie auf schlecht gepflegten Landstraßen. Natürlich ist er keine Sänfte, aber keinesfalls übertrieben hart. Lediglich die mit Rädern der Dimension 335/30 ZR 20 ausgerüstete Hinterachse reicht die von Querfugen hervorgerufenen Schläge bis in den Innenraum weiter. Unangenehm wird es aber nie. Und der neue Lamborghini taugt auch für längere Etappen – vor allem weil nicht nur die Ergonomie zwischen Lenkrad, Pedalerie und Gestühl endlich stimmt, sondern weil sogar die Sitze einen ansprechenden Komfort bieten, ohne dabei auf Seitenhalt zu verzichten.

Der kompromisslos abgestimmte Porsche zeigt sich da trotz seiner adaptiven Dämpfer unnachgiebiger, überzeugt im Alltag dafür jedoch mit dem wesentlich geringeren Verbrauch: Während der Über-911 gerade einmal 13,5 Liter pro 100 Kilometer verbrennt, langt der Aventador mit 22,5 Litern vollkommen ungeniert hin.

EXTREM HOHE KURVENGESCHWINDIGKEITEN
Sei’s drum, denn nun endlich runter von der öffentlichen Straße, rauf auf den Grand-Prix-Kurs. Schon auf den ersten Einrollrunden wird klar: Auch wenn die guten Fahrleistungen und der hohe Verbrauch kaum überraschen – die Fahrdynamik des neuen Zwölfzylinders aus Sant’Agata beeindruckt dafür umso mehr. Vom abgelösten Murciélago bis zum Aventador überspringt Lamborghini mehr als nur eine Generation. Gaben sich die Vorgänger eher grobschlächtig im Umgang, so offenbart der neue Supersportler einen klar sensibleren Charakter. Der Aventador ist erfreulich mitteilsam. Sauber und äußerst präzise lässt er sich in Kurven hineindirigieren, sobald man sich an seine ausladenden Dimensionen gewöhnt hat. Wie auf Schienen umrundet er sämtliche Radien, die der GP-Kurs des Nürburgrings zu bieten hat. Ist das Limit erreicht, schiebt er leicht und mit reichlich Reserven über die Vorderräder. Trotz des heckbetonten Allradantriebs sind ihm Ausfallschritte mit dem Hinterteil fremd. Keine Spur von der gefühllosen Art seiner Vorgänger. Der Lamborghini Aventador steht im ständigen intimen Dialog mit dem Fahrer.

Und der Porsche? Atemberaubend. Warum? Weil hier nicht die kleinste Information verloren geht. Und weil er ein reinrassiger Hecktriebler ist – mit 620 PS! Solange die Strecke trocken bleibt, begeistert der Leistungsschub für Luxus-Sportler: Wimmer schraubt 911 GT2 RS auf 703 PS mit seiner Leichtigkeit. Noch mehr Gefühl kann man nicht in die Hände des Fahrers legen. Glasklar kündigt der Porsche seinen Grenzbereich mit leichtem Übersteuern an. Wer mit Lenkrad und Gaspedal virtuos umgehen kann, erfährt hier die ganze Pracht eines heckgetriebenen Autos. Insbesondere auf den schnellen Passagen Hatzenbach und Start/ Ziel bleibt der Porsche dicht dran am brutal beschleunigenden und ebenso brutal schaltenden Lambo, vorausgesetzt, der Porsche-Pilot schaltet die Gänge passgenau durch und bleibt stets hochkonzentriert bei der Arbeit. Selbst auf der Bremse überzeugen beide Boliden gleichermaßen. Ohne jegliche Ermüdungserscheinungen halten die Karbon-Keramik-Stopper Runde um Runde stand, garantieren punktgenaues Anbremsen vor jeder Kurve, wobei der Lambo hier eine Spur stabiler bleibt als der etwas nervöse Elfer.

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Entscheidend sind schließlich die engeren Radien im Arena-Abschnitt sowie die Bit- und die Coca-Cola-Kurve. Hier gelingt es dem Lamborghini Aventador, etwas mehr Querbeschleunigung und so die höheren Kurvengeschwindigkeiten aufzubauen. Damit entschwindet er langsam, aber sicher und schießt am Ende mit 1:38,80 min eine halbe Sekunde vor dem Elfer über die Ziellinie. Eine sehr knappe, wenn auch eindeutige Entscheidung. Der Porsche 911 GT2 RS hat im besten Lamborghini aller Zeiten seinen Meister gefunden.

 

FAZIT

Am Ende ist es der neue Lamborghini Aventador LP 700-4, der dem Rennstreckentier Porsche 911 GT2 RS auf dem Grand-Prix-Kurs den Schneid abkauft und als schnellster durchs Ziel eilt. Der Porsche macht es dem italienischen Exoten jedoch nicht leicht und ist zumindest in den längsdynamischen Disziplinen kaum abzuhängen. Gegen die extrem hoch angesiedelte Stabilität des Lamborghini in Kurven, seine berechenbaren, transparenten Reaktionen und die Urgewalt des 700 PS starken V12 kommt der Porsche jedoch nicht an.
Michael Godde

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TECHNIK
   

LAMBORGHINI AVENTADOR LP 700-4
PORSCHE 911 GT2 RS
Motor V12-Zylinder-Mittelmotor,
4-Ventiler
6-Zylinder-Boxer,
4-Ventiler, Bi-Turbo
Nockenwellenantrieb Kette  Kette
Hubraum 6498 cm³ 3600 cm³
Leistung
bei
700 PS (515 kW)
8250/min
620 PS (456 kW)
6500 /min
Max. Drehmoment
bei
690 Newtonmeter
5500/min
700 Nm
2250 – 5500 /min
Getriebe 7-Gang, automatisiert 6-Gang, manuell
Antrieb Allrad, permanent Hinterrad
Fahrwerk rundum:
Doppelquerlenker, Federbeine in
Pushrod-Bauweise, Stabilisator;
ESC (ESP)
v.:
adaptive McPherson-Federbeine
(PASM), Querlenker, Stabi.;
h.: Mehrfachlenker, Federn,
adapt. Dämpfer (PASM), Stabi.;
SC (ESP)
Bremsen rundum:
innenbelüftete, gelochte
Karbon-Keramik-Scheiben;
ABS
rundum:
innenbelüftete, gelochte
Karbon-Keramik-Scheiben;
ABS
Bereifung v.: 235/35 ZR 19;
h.: 335/30 ZR 20
Pirelli P Zero Rosso Asimmetrico
v.: 245/35 ZR 19
h.: 325/30 ZR 19;
Michelin Pilot Sport Cup+ N1
Felgen v.: 9 x 19
h.: 12 x 20
v.: 9 x 19
h.: 12 x 19
L/B/H 4780/2030/1136 mm 4469/1852/1285 mm
Radstand 2700 mm 2350 mm
Leergewicht / Zuladung 1795 kg / 305 kg 1407 kg / 273 kg
Kofferraumvolumen 150 l 105 l
Abgasnorm Euro 5 Euro 4
Typklassen keine Einstufung 20 HP/34 VK/32 TK
MESSWERTE    
0-100 km/h 2,9 s 3,3
0-200 km/h 8,9 s 9,8
Höchstgeschwindigkeit 350 km/h 330 km/h
Bremsweg 100 - 0 km/h
kalt / warm
33,9 m / 32,3 m 32,0 m / 31,4 m
Verbrauch 22,5 l SP / 100 km 13,5 l SP / 100 km
EU-Verbrauch 17,2 l SP / 100 km 11,9 l SP / 100 km
CO2-Ausstoß 398 g/km 284 g/km
KOSTEN    
Grundpreis 312.970 € 237.578 €
Karbon-Keramik-Bremse Serie Serie
Navigation Serie 3505 €
Xenonlicht Serie Serie

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