Lamborghini Aventador am Trollstigen in Norwegen Gefahrenzone

28.12.2012

Vor wenigen Minuten noch auf Meereshöhe – neun Prozent Steigung und elf Haarnadelkehren später bereits 700 Meter höher. Wir wollen im Lamborghini Aventador an den Wolken kratzen. Willkommen am Trollstigen

Die norwegische See glüht ein letztes Mal fast überirdisch. Nahezu schwarze Wogen mit grellweißen Schaumkronen, in denen die tief liegende Mitternachtssonne blitzende Effekte setzt. Eines der letzten kleinen Patroullienboote der Küstenwache tanzt gischtend und schlingernd in einem goldenen Sprühnebel über die Wellen des Grytafjords.

An der Kaimauer in Ålesund schlummert ein buntes Rudel Fischerboote dem nächsten Morgen entgegen, während müde Wikinger aus Hafen-Kneipen fallen. Mit zusammengekniffenen Augen blinzeln die Nachtschwärmer in eine mittlerweile dunkelrote Sonne, die bald für höchstens zwei bis drei dämmrige Stunden hinter den Horizont verschwinden wird. Der Tag ist dann aber höchstens auf Standby, eine ordentliche Nacht ist das beim besten Willen nicht. Dicht geschlossene Fensterläden also, sonderbar grau-bleierne Helligkeit schleicht durch die Gassen der Stadt am Meer.

 

Mal anders: wir Überfallen die wikinGer

Und plötzlich wird die schläfrige Ruhe der Spätsommernacht von einem rauen, sägenden Bellen zerrissen. Fassungslos starren die Insomnia-zerrütteten Fischer auf den Lamborghini Aventador, der aufreizend langsam über das Kopfsteinpflaster im Hafengebiet schlurft. Unruhig röchelnd pendelt der enorme 6,5-Liter-V12 bei Schritttempo, während wir einen Parkplatz gleich vorn am Wasser entern. Kurzer Synchronzug an den beiden feststehenden Schaltpaddeln – Leerlauf. Zündung aus, schlagartig verebbt das heisere, metallische Grollen von 700 PS. Nur das Kreischen der Möwen ist jetzt zu hören, auf der anderen Straßenseite stehen die blonden Zecher wie festgenagelt. Schauen reglos auf die bitterböse Flunder in Blutorange.

So etwas haben die Jungs hier noch nie gesehen, und der Grund dafür ist recht einfach: Norweger bezahlen auf Autos die so genannte Engangsavgift, eine Art Importsteuer, die sich je nach Hubraum, Motorleistung und Gewicht zum doppelten Fahrzeugwert addieren kann. Und dann fehlen immer noch die 25 Prozent Mehrwertsteuer. Ein Lamborghini Aventador würde in Norwegen also deutlich über 600.000 Euro kosten. Und „Mister Viermillionenfünfhunderttausend-Kronen“ wohnt eben nicht in Ålesund. Vielleicht ja in Oslo, wer weiß das schon.

Mehr Faszination: Der kostenlose Newsletter der AUTO ZEITUNGDas kostenlose Newsletter-Abo der AUTO ZEITUNG

Vor 2700 Kilometern und über 30 Stunden hat der Supersportwagen seine Heimat in Sant’Agata Bolognese verlassen, gerade eben sind wir jetzt am Hafen der kleinen Fischerstadt 560 Kilometer nordwestlich von Oslo gelandet. Noch einmal 300 Kilometer in Richtung Norden an der Küste entlang liegt Trondheim – und drüben am Romsdal-Fjord im Landesinneren der Grund, weshalb wir hier sind: Morgen früh werden wir Richtung Osten fahren und dann bei Åndalsnes auf die Nationalstraße 63 abbiegen. Man munkelt, die Fahrt vom Fjord hinauf auf 700 Meter Höhe sei brandgefährlich, die Troll-Stiege zwischen Åndalsnes und Valldal eine der mörderischsten Straßen der Welt. Klar, dass wir uns das ansehen müssen. Im Lamborghini Aventador, logisch. Wenn es ein Auto gibt, das exzessive Urgewalt mit völlig fahrerischer Durchgeknalltheit verbindet, dann ist es dieser Lamborghini: ganz großes Kino, ein atemloser Action-Blockbuster mit Überlänge.

Auch wenn die etwas zurückhaltenderen Naturen unter uns das intensiv gelebte Drama eines im Drehzahlbegrenzer markerschütternd kreischenden V12, seine blutsturzprovozierende Beschleunigung als reichlich obszön empfinden – es ist einfach schön, dass es diesen unverstellt theatralischen Automobilbau noch gibt.


Pathos und Genie – eine tolle Paarung

Um einen Lamborghini Aventador mögen zu können, muss man deshalb vielleicht auch eine Antenne für die unterschwellige Selbstironie haben, von der das Auto regelrecht durchtränkt ist. Warnrote Abdeckklappe über dem Startknopf? – Das löst natürlich höchstens bei Fünf- bis Fünfzehnjährigen Jet-Fighter-Raketenabschuss-Fantasien aus. Der echte Lamborghini-Kenner vergnügt sich höchstens am comichaften Pathos, den solche Details ausstrahlen.

So gesehen ist der Aventador nicht nur wegen der bizarren Einfuhrsteuer kein Auto für Norwegen, sondern auch wegen der schmallippigen Humorlosigkeit, mit der die Skandinavier das Thema Auto und Verkehr betrachten: 80 km/h Tempolimit auf kaum befahrenen Straßen im Niemandsland? Das freut höchstens die zahlreichen Wohnmobiltreiber, die hier oben glückselig durchs satte Grün der norwegischen Wildnis schwanken …

Mehr Auto-Themen: Der kostenlose Newsletter der AUTO ZEITUNGDas kostenlose Newsletter-Abo der AUTO ZEITUNG

Als wir am nächsten Morgen die letzten 120 Kilometer von Ålesund nach Åndalsnes unter die Räder nehmen, schnürt der große Lamborghini mit Drehzahlen knapp über Standgas dahin. Die Lenkung ist spürbar auf maximale Präzision bei akrobatischen Manövern im Grenzbereich und auf unerschütterlichen Gleichmut deutlich über der 300-km/h-Marke ausgelegt – auf den Sträßchen am Fjord entlang wirkt das aber, als hätte man das wilde Tier mit einer Botox-Spritze teilstillgelegt. Der Allradantrieb macht sich durch seine Verspanntheit bemerkbar, und der glorreiche, lodernde Zwölfzylinder prustet beleidigt und desinteressiert dahin.

Endlich haben wir es bis Åndalsnes geschafft. Noch vor der Einfahrt in die Stadt zweigt die E 136 nach Süden ab, wenige Kilometer später landen wir am Abzweig zum Trollstigen. Ein schmales, grünes Tal drängt sich zwischen hoch aufragende Berge, und als wir an der kleinen Trollstigen-Mautstation landen, starrt der Wächter zur Treppe der Waldschrate entgeistert auf den Lamborghini. Wenige Sekunden später grinst er los: „Keine Polizei hier. Aber die Wohnmobile halten ganz plötzlich in den Kurven ...“ – Kurze Denkpause. Dann: „Gib mal Gas!“

Sekunden später strömt der Lamborghini Aventador mit zufriedenem Schnurren den Talboden entlang. Selbstverständlich haben wir nach der freundlichen Entwarnung des Tal-Wächters nun nicht sofort in den Hooligan-Modus geschaltet, aber wir trauen uns, das Auto immerhin einmal laufen zu lassen, ohne die ganze Aufmerksamkeit der Tachonadel zu widmen.

Immer enger wird das Tal, und plötzlich scheinen wir regelrecht in eine senkrechte, schwarze Steinwand zu fahren. Mit jähem Schwung steigt eine steile Rampe den Berg hinauf, über uns gischtet ein gigantischer Wasserfall. Jetzt ist der Aventador schlagartig in seinem Element. Hartes Bellen beim Zurückschalten vor den Serpentinen, das handfest abgestimmte ISR-Getriebe wechselt die Gänge mit kerniger Autorität. Millimeterpräzise Gasdosierung im Radius und drastischer Abzug fast noch am Scheitelpunkt.

Mehr Tests & Fahrberichte: Der kostenlose Newsletter der AUTO ZEITUNGDas kostenlose Newsletter-Abo der AUTO ZEITUNG

Der Allradantrieb legt sich die Fuhre selbst auf der nassen, schmierigen Fahrbahn zurecht, und dann schiebt der V12 den Sportwagen mit beinahe absurd wirkendem Abzug den Berg hinauf. Wrooaar, sagen die Berge ringsum, die Wohnmobil-Menschen wechseln in Windeseile das Foto-Motiv: Statt des 320 Meter hohen Stigfossen-Wasserfalls wird nun fröhlich winkend der Lamborghini abgelichtet.

 

Passhöhe in Schnee und Wolken

Immer wieder stürzen kleine Wasserfälle über schwarze Felswände herab, der Aventador hechtet ungerührt unter diesen Sprühschleiervorhängen hindurch. Mittlerweile sind wir in die Wolkendecken der Berggipfel eingetaucht, das grüne Tal verschwindet weit unten fast unwirklich im Dunst. Elementarer Gedächtnisverlust, es gibt nur noch dichte Nebelschleier und dieses schmale Asphaltband. Und dann plötzlich haben wir das Plateau erreicht. Hoher Schnee liegt links und rechts der Fahrbahn, in der Wolke haben wir nur wenige Meter Sicht. Alles Grau in Grau, vor wenigen Tagen soll ein Schneesturm die Strecke gesperrt haben. Der Winter dauert hier oben von Oktober bis Mai.

Einige Minuten lassen wir schaudernd die feuchte Kälte auf uns wirken, dann werfen wir wieder den V12 an: „Zurück nach Ålesund, Kabeljau essen?“ – „Klar. Und dann ab nach Italien. Nachsehen, was im Süden vom Sommer geblieben ist.“
Johannes Riegsinger

TECHNIK  

LAMBORGHINI AVENTADOR
Motor V12-Zylinder, 4-Ventiler
Hubraum 6498 cm³
Leistung 515 kW / 700 PS bei 8250 /min
Max. Drehmoment 690 Nm bei 5500 /min
Getriebe 7-Gang-Getriebe
Antrieb Allrad, permanent
Aufbau Kohlefaser-Monocoque mit Hilfsrahmen aus Aluminium
Fahrwerk Doppelquerlenker, Feder-/Dämpfer-Einheiten betätigt über Pushrods und Umlenkhebel, Stabilisator; ESP
Bremsen rundum innenbelüftete/gelochte Karbon-Keramik-Scheiben; ABS, Bremsassistent
Reifen v.: 255/35 ZR 19;h.: 335/30 ZR 20
L/B/H 4780 / 2030 / 1136 mm
Radstand 2700 mm
Leergewicht 1785 kg
Zuladung 230 kg
FAHRLEISTUNG /
VERBRAUCH
 
0-100 km/h 2,9 s
Höchstgeschwindigkeit 350 km/h
KOSTEN  
Grundpreis 312.970 Euro

AUTO ZEITUNG

Tags:
Copyright 2017 autozeitung.de. All rights reserved.