Jaguar F-Pace (2016): Fahrbericht Jaguar F-Pace angetestet

Kurz vor der Markteinführung des Jaguar F-Pace laden die Briten zu einem letzten Winter-Test am Polarkreis. So fährt sich der F-Pace auf Schnee und Eis.

Mit einem Land Rover geht es auf den See – und irgendwo dort draußen im gleißenden Weiß der riesigen Eisfläche wartet ein Jaguar F-Pace mit heiser summendem Kompressor-V6! Minus 25 Grad am Polarkreis, die Atemluft gefriert sofort im Gesicht, der Schnee auf den aufwändig präparierten Teststrecken knirscht trocken unter den Füßen. Erster Größenvergleich: Der siebensitzige Land Rover mit seinem kantigen Aufbau wirkt deutlich größer als der Jaguar. Dessen schräg eingezogene Heckscheibe und die muskulösen Rundungen positionieren den F-Pace atmosphärisch tatsächlich in der Nähe von modernen Coupé-und Sport-SUV à la BMW X4 oder Porsches Geniestreich Macan. Unser Rundgang um den drahtigen Allrad-Jaguar, der uns zum Test zur Verfügung steht, dauert nicht lange: Bösartige Kälte kriecht aus dem 20 bis 40 Zentimeter dicken Eis unter unseren Füßen durch die Stiefelsohlen, die Gesichtshaut spannt bereits bedrohlich. Beim handschuhlosen Kontakt mit blankem Metall würde die Haut sofort festkleben – Gefrierbrand am lebendigen Leib. Also nichts wie hinein ins Cockpit des F-Pace.

 

Keine Wurzelholz-Folklore beim Jaguar F-Pace

Von eiskalt nach cool – mit seiner bläulichen Ambiente-Beleuchtung (Wechsel nach Rot im Sport-Modus), dem edel schimmernden Display des volldigitalen Instrumenten-Panels (Serie für V6-Varianten) und den eleganten Chrom-Akzenten an den vielen Bedienelementen wirkt das Interieur des F-Pace ungemein stilvoll und modern. Kaum zu glauben, dass dieses Auto Produkt einer Marke ist, die vorgestern noch mit altenglischer Wurzelholz-Folklore hantierte. Der Jaguar F-Pace kann aber nicht nur schick, sondern auch alltagstauglich und funktional: Die Beine des freundlich aus dem Fond lachenden Jaguar-Ingenieurs mit Wikinger-Gardemaß passen augenscheinlich recht entspannt in den Fußraum, und auch nach oben geht noch eine Handbreit zwischen Scheitel und Dachhimmel. Der Kofferraum des Jaguar wirkt kleiner, als er ist, denn hinter die elektrisch betätigte Heckklappe findet das Reisegepäck von vier Erwachsenen problemlos Platz. Und dann ist da ja noch das brandneue InControl Touch Pro-Infotainment-System, das den Jaguar F-Pace mit einer geballten Ladung Connectivity, mächtigem Funktionsumfang und smartem Touch- sowie Wisch-Bedienkonzept ganz nach vorn katapultiert. Dass wir uns nicht stundenlang einer neugierigen Forschungsreise durch die Funktionen des Systems hingegeben haben, liegt am magischen Sog des enormen Kreises, der hier draußen ins Eis des Sees gebügelt wurde: bestimmt 100 Meter Durchmesser, spiegelglatt poliert in der Mitte, mit festgepresstem Schnee auf den äußeren Radien. Und darauf das brandneue Testobjekt von Jaguar mit 380-PS-Kompressor-V6 und auf Fahrspaß getuntem Allradantrieb. Anschnallen, Türen schließen, Lift of!

Reifeprüfung für Fahrwerksregelsysteme des F-Pace

Natürlich gilt unsere Aufmerksamkeit aber zuerst dem Fahrverhalten im Winter-Alltagsmodus: Ein Tastendruck, und das Winterfahrprogramm des F-Pace-SUV ist aktiviert – so würden wir mit Kindern auf der Rückbank in Richtung Skiurlaub rollen. Sanfte Gasannahme, sichere Traktion, der Allradantrieb bemüht sich spürbar um möglichst ausgewogenes, kontrollierbares Fahrverhalten. Wenn es dick kommt, bietet der Jaguar F-Pace sogar eine Funktion für schlupfreies Anfahren auf extrem rutschigen Oberflächen. Endlich mal eine Launch Control, die auch für Autofahrer nach der Pubertät taugt. Sicher spurend tastet sich das F-Pace-Testauto übers Eis, der Grip ist beeindruckend gut. Sobald die Haftung abreißt, wird die Fuhre mit dosierten und sanften Regeleingrifen stabilisiert, das Sicherheitsgefühl ist ausgezeichnet.

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Stück für Stück spielen wir dann alle Fahrprogramme durch und landen am Ende mit allen Systemen auf "Aus" im Schneeballschlacht-Modus: purer Allradantrieb mit betonter Verteilung des Antriebsdrehmoments an die Hinterachse, kein Eingriff der Stabilitätskontrolle, Motor- und Getriebesteuerung auf "Pitbull". Wie wild driftet der Crossover in einer Eiskristall-Fontäne über die Fläche, der Driftwinkel lässt sich beim Jaguar F-Pace problemlos mit dem Gaspedal einstellen: Von sanft den Hintern heraushängen lassen bis kurz vorm Dreher bleibt der F-Pace beeindruckend kontrollierbar, nur wenige Allradkonzepte sind so kompromisslos auf Fahrspaß getrimmt. Und das Beste: Mindestens zweimal schafen wir es, mit bereits in Fahrtrichtung deutendem Heck den F-Pace wieder geradezuziehen. Bis zu 90 Prozent des Antriebsdrehmoments schaufelt der Jaguar in so einer Situation nach vorn, blitzschnell zupackend holt die Vorderachse beim Gegenlenken die Fahrzeugnase wieder in Fahrtrichtung. Nein, solche Spielchen sind natürlich nichts für den normalen Verkehr, keine Straße ist so breit, dass ein SUV vom Typ F-Pace entspannt Pirouetten drehen könnte. Aber die Richtung stimmt: fahrdynamisch, kontrollierbar, zupackend, intelligent, flüssig. Und um diese Behauptung untermauern zu können, geht es jetzt auf die Teststrecke drüben am Seeufer. Zwischen den Bäumen haben die Jaguar-Leute eine schmale Schneestraße aufgeschoben. Senken und Kuppen, Kehren und Kurven aller Radien – wer hier übertreibt, kann hinterher nicht von glorreichen Driftwinkeln schwärmen, sondern auf den Abschlepp-Traktor warten. Die hüfttiefen Schneemauern am Streckenrand saugen ein Auto völlig humorlos ein, Allradantrieb hin oder her. Und als ob das nicht schon Herausforderung genug wäre, steigen wir jetzt vom Benzin-V8 in den 700 Newtonmeter-V6-Turbodiesel. Softes Ansprechen ist da nicht unbedingt eine zu erwartende Paradedisziplin.

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Drehmoment-Held Jaguar F-Pace mit V6-Turbodiesel

Aber der Drehmoment-Held macht seine Sache erstaunlich gut: Mit gut dosierbarer Leistungsabgabe und nur sanften Gaspedal-Impulsen lässt sich der F-Pace über den heiklen Kurs zirkeln. Nach wenigen Runden gilt unsere Konzentration nur noch der Arbeit des Allradantriebs und der Regelsysteme. Auch hier kann der F-Pace im Wintermodus überzeugen: solider Quer-Grip, satte Traktion beim Beschleunigen, sanfte Regeleingrife beim Haftungsabriss und feinfühliges ABS beim Anbremsen von Kurven. Wer etwas mehr Agilität um die Hochachse wünscht, bekommt sie auf Knopfdruck umgehend serviert: Mit jeder Veränderung in Richtung Sportlichkeit wird der Hinterachse mehr Drehmoment zugeteilt, lassen Traktionskontrolle und Allradsteuerung mehr Driftwinkel zu. Ach ja: Das Abschleppseil ist uns erspart geblieben. Schade nur, dass wir nicht auch noch die Varianten mit Handschaltung, Hinterradantrieb und Vierzylinder testen können. Das ist in wenigen Wochen soweit – dann ohne Schnee und einige Breitengrade weiter südlich.

Unser Fazit

Mit einem Leistungsspektrum von 180 bis 380 PS, der Wahl zwischen Heck- und Allradantrieb, Handschaltung und Automatik, sparsamen Vierzylinder- und kraftvollen V6-Triebwerken zeigt der Jaguar F-Pace eine enorme Vielfalt. Nur ein Charaktermerkmal zieht sich konsequent durch alle Varianten: knackige Sportlichkeit. Der erste Eindruck auf Eis und Schnee ist vielversprechend.

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