Ford Sierra XR4i: Kaufberatung Seltener Vogel

09.12.2013

Mit dem Sierra wagte Ford in den 80er-Jahren einen mutigen Schritt. Der XR4i wurde das Topmodell der Baureihe

Selbst aus heutiger Sicht wirkt der Auftritt des Ford XR4i erstaunlich frisch. Dabei ist er gerade in jene Altersgruppe von Fahrzeugen eingetreten, die ein H-Kennzeichen beanspruchen dürfen. Das Recht, ein erhaltenswertes Stück Automobilhistorie zu repräsentieren, verdiente er sich weit über sein schieres Alter hinaus durch sein richtungweisendes Design und durch Fahrleistungen, die ihn bis heute zu einem dynamischen Mitglied der Ford-Familie machen. Bei seinem Erscheinen auf dem Genfer Automobilsalon 1983 begegneten ihm die Sportwagenfreunde indes nicht mit jener Selbstverständlichkeit, die ihm heute zuteil wird. Von Begeisterung ganz zu schweigen.

Er trat die Nachfolge des Capri 2.8i an – und tat sich schwer, dessen ungebrochene Präsenz vergessen zu machen. Der Capri hatte auf den europäischen Rennstrecken ungezählte Erfolge eingefahren,  und  selbst  das  zeitgenössische Straßenmodell wies bei gleicher Motorisierung mit 160 PS deren zehn mehr aus als der 150 PS starke neue Hoffnungsträger. Die Differenz wurde der Abgasanlage zugeschrieben. Zudem verweigerte die Formensprache des Sierra jene gewohnten Sportwagenproportionen, wie sie der bewährte Capri zeigte – trotz seiner zwei Türen und des spektakulären Doppelflügels auf der großen Heckklappe. Der neue Sport-Sierra wirkte limousinenhaft, zumal pro Heckseite gleich zwei Fenster vorhanden waren. Dabei zeichneten der XR4i tatsächlich viele Merkmale  eines  Sportlers  aus:  Dank  seiner windschlüpfigen Sonderkarosserie, unterstützt durch aerodynamische Schürzen und Anbauteile aus Polycarbonat, sowie dem charakteristischen Flügelwerk aus glasfaserverstärktem Nylon brachte er es auf einen cW-Wert von 0,32 gegenüber den 0,34 der Serie.

Sein Fahrwerk mit McPherson-Federbeinen vorn und Einzelradaufhängung mittels Schräglenkern hinten in Verbund mit Schraubenfedern, Gasdruckdämpfern und Stabilisatoren an beiden Achsen ließen den Capri alt aussehen. Allenfalls die Bremsanlage mit ihren Trommeln hinten wirkte angesichts der Positionierung des Fahrzeugs unangemessen. Wenigstens sind die Scheiben vorn innenbelüftet, und das System ist servounterstützt. Ähnliches wie für die Bremsen gilt für die etwas dürre Bereifung: 195/60 VR 14  nahmen sich auch damals wie Asphaltschneider aus. Anders dachten in diesem Zusammenhang nur Aerodynamiker. Angesichts so schmaler Gummis stand Servounterstützung für die Lenkung in der Liste für Sonderausstattungen.

 

FORD SIERRA XR4i: TOLLE SERIENAUSSTATTUNG

Der XR4i bot jede Menge serienmäßige Goodies: Dazu gehörten sportiv aufgepolsterte Sitze samt Höhenverstellung für den Fahrersitz, ein elektrischer  Fernöffner  für  die  Heckklappe, elektrisch aus- und einfahrende Antenne, elektrisch einstell- und beheizbare Außenspiegel, Warnanzeigen im Kombiinstrument (Check-control) und mehr. Ab September 1984 zählten Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber und ein getöntes, aufstellbares Glasschiebedach zum Serienumfang. Von da an bekamen die Zierstreifen außen ein dunkleres Rot. Von Instrumententafel, Lenkrad und Schaltknauf wiederum verschwanden sie.

Die Produktion des XR4i startete im belgischen Werk Genk im März 1983. Von Mai an wurde  das  Modell  an  Kunden  ausgeliefert. Nach zweieinhalb Jahren und gerade 29.400 Einheiten wurde  die  Serie  eingestellt. Wer mit der Anschaffung eines raren XR4i liebäugelt, darf sich gern vom gutturalen Grummeln des fetten V6-Triebwerks begeistern lassen, sollte aber auf verdächtige Klappergeräusche aus dem Zylinderkopf achten. Das kann von schlecht eingestellten Ventilen herrühren, aber auch von einem Defekt im Bereich Ventiltrieb. Besonders die Stößel des ersten Zylinders neigen zu Auflösungserscheinungen der gehärteten Laufflächen.

Diese wiederum zerstören die Nockenlaufbahnen, was zusammen Anlass zu einer größeren Motorrevision gibt. Hinweise auf das einschlägige Malheur liefert ein vergrößertes Spiel zwischen den entsprechenden Kipphebeln und Ventilschäften, das sich auch nach einem Einstellen alsbald wieder einstellt. Ansonsten gelten die 2,8-Liter-Graugussmotoren als äußerst robust. Probleme mit der Bosch K-Jetronic sind selten und im Zweifel durch Reinigen, besonders im Bereich der Stauklappe, vergleichsweise einfach zu beheben. Nach langer Laufzeit lohnt sich auch der Wechsel des gern mit Kondenswasser befrachteten Getriebeöls, wozu allerdings von einem Spezialisten eine Ablassschraube anzubringen wäre.

ROST IST KEIN GROSSES PROBLEM

Defekte an der speziellen Abgasanlage des XR4i lassen sich nur mit Zubehörteilen kurieren. Über einen Katalysator verfügte der Sierra nicht. Bei der Karosserie gibt es in der Regel keine großen Risiken – obwohl die frühen Sierra in dieser Beziehung keinen allzu guten Ruf genossen. Rost ist bei diesem Liebhaber-Modell nur punktuell ein Thema, so beispielsweise an der Rückwand unterhalb der Heckklappe.

Aufmerksamkeit verdienen auch die Karosserielängsträger in der Nähe der Hinterachse. Im Innenraum bilden sich oft Risse in der Verkleidung der Instrumententafel unterhalb der Windschutzscheibe, die durch Sonneneinstrahlung entstehen. Abhilfe schaffen Kosmetik mit Farbe und Füllmaterial oder der Rückgriff auf ein Teil aus einem normalen Sierra. Ein Neuteil ist nur für viel Geld erhältlich, ebenso wie die Hutablage unter dem Heckdeckel. Sie neigt in manchen Fahrzeugen dazu, ermattet durchzuhängen. In jedem Fall lohnt es sich für Sierra-XR4i-Freunde, mit den genannten Clubs Kontakt aufzunehmen.

Ford Sierra XR4i: Daten und Fakten
Antrieb
V6-Zylinder, vorn längs eingebaut; 2-Ventiler, eine zentrale Nockenwelle; Stirnradantrieb; Gemischbildung: Bosch K-Jetronic; Bohrung x Hub: 93 x 68,5 mm; Hubraum: 2792 cm3 ; Verdichtung 9,2:1; Leistung: 150 PS bei 5700/min; max. Drehmoment: 216 Nm bei 4000/min; Fünfgang-Getriebe; Mittelschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Stahlkarosserie mit zwei Türen und Heckklappe; Radaufhängung vorn: Dreiecksquerlenker, McPherson-Federbeine; hinten: Schräglenkerachse, Schraubenfedern; v./h. Teleskopstoßdämpfer, Stabilisator; Kugelumlauflenkung; Bremsen: v./h. Scheiben/Trommeln; Reifen: v./h. 195/60 R 14; Räder: v./h. 5,5 x 14
Eckdaten
L/B/H: 4459 x 1728 x 1392 mm; Radstand: 2769 mm; Spurw. v./h. 1452/1468 mm; Leer-/Gesamtgew.: 1175/1650 kg; Tankinhalt: 60 l; Bauzeit: 1983 bis 1985; Stückzahl: 29.400; Preis (1983): 28.350 Mark
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 8,8 s; Höchstgeschwindigkeit: 209 km/h; Verbrauch: 13,4 l/100km
1Auto Zeitung Ausgabe 10/1983


MARKTLAGE

Zustand 2: 5200 Euro
Zustand 3: 2700 Euro
Zustand 4: 1300 Euro
Wertentwicklung: leicht steigend
Definition der Zustandsnoten

Unser Fazit

Der XR4i ist ein seltener Vogel. Nur 29.400 Exemplare verließen das Ford-Werk im belgischen Genk. Davon sind hierzulande nur wenige erhalten geblieben. Schuld daran ist sicher auch die hohe Kfz-Steuer aufgrund fehlender Abgasreinigung. Mit H-Kennzeichen ist dies ab sofort kein Thema mehr. Dank seines bärigen V6 und Hinterradantrieb kann er erheblichen Fahrspaß verbreiten, vorausgesetzt, die Blechstruktur ist steif und das Fahrwerk in Ordnung. Straffe PU-Buchsen an der Radaufhängung und neue Dämpfer wirken Wunder. Neueinsteiger finden in den Clubs kompetente Gesprächspartner

Klaus Rosshuber

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