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Ford Thunderbird von 1956

Der Donnervogel

Als Corvette-Konkurrent kam der erste Ford Thunderbird 1955 auf den Markt. Zur Stil-Ikone der Fünfziger wurde die 56er-Variante mit außenliegendem Reserverad und dem serienmäßigen Hardtop mit den berühmten Gucklöchern

Eckdaten
PS-kW203 PS (149 kW)
AntriebHeckantrieb, 3 Gang Automatik
0-100 km/h7.50 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit187 km/h
Preis50.000,00 €

Der Donnervogel ist, so erzählen die Mythen der Ureinwohner im Südwesten der USA, ein gottähnlicher Vogel, der mit seinen riesigen Schwingen für Wind und Donner und damit für Wasser und Leben in der Wüste sorgt. . Wir waren unterwegs mit einem 1956er-Thunderbird, von dem nur 15 631 Exemplare gebaut wurden.

So mythisch wie sein Namenspatron erscheint auch die Entstehungsgeschichte des ersten Ford Thunderbird. Die beginnt, so will es die Legende, auf dem Pariser Automobilsalon von 1951. Ford-Manager Lewis D. Crusoe schlenderte mit Ford-Chefstylist George Walker durch die Hallen und bewunderte die vielen wunderschönen europäischen Sportwagen. "Warum haben wir so etwas nicht?", soll Crusoe Walker gefragt haben. "Wir arbeiten schon daran", antwortete Walker angeblich, nur um im nächsten unbeobachteten Augenblick an ein Telefon zu eilen und im fernen Detroit die Designer an die Zeichenbretter zu schicken. Schon 1954 stand das Ergebnis, der Ford Thunderbird, auf der Detroit Motor Show.

Soweit die Thunderbird-Sage. Die Wahrheit ist vermutlich prosaischer. Wahrscheinlich arbeitete man bei Ford schon vor 1951 an einem offenen, zweisitzigen Sportwagen. Denn die Verkaufserfolge der Zweisitzer vom Schlage eines MG TC oder Jaguar XK 120 dürften den Ford-Strategen kaum entgangen sein. Und dass Erzkonkurrent GM einen Kunststoff-Roadster mit Namen Corvette vorbereitete, hatte sich bestimmt auch bis ins Ford-Hauptquartier in Dearborn herumgesprochen.

1953 erschien die erste Corvette, und Ford hatte ein Jahr Zeit, um aus den Fehlern der Chevrolet-Kollegen zu lernen: Der Thunderbird ging im Herbst 1954 mit einem Achtzylinder in Produktion, während es die Corvette nur mit einem Reihensechszylinder gab. Anders als der Chevrolet war der Ford auch kein puristischer Roadster, sondern ein kommoder Zweisitzer mit Kurbelfenstern, Hardtop und Automatik-Getriebe.

Bereits während der ersten zehn Verkaufstage im Oktober wurden über 3500 Kaufverträge gezeichnet. Bis zum Ende des Modelljahrgangs 1955 konnte Ford über 16 000 Thunderbird unters Volk bringen. Peanuts für den Massenhersteller Ford, doch weit mehr, als Corvette oder gar europäische Sportwagen wie Jaguar oder Porsche verkauft wurden. Das Auto auf diesen Seiten ist ein 56er. Er unterscheidet sich in nur wenigen Details vom 55er-Jahrgang, aber genau die sorgen dafür, dass dieser Thunderbird eine StilIkone der 50er wurde: Weil Kunden über die schlechten Sichtverhältnisse geklagt hatten, erhielt das serienmäßig mitgelieferte Hardtop zwei Gucklöcher, Portholes genannt. Der Kofferraum schließlich wurde vergrößert, indem man das Reserverad einfach nach außen verlegte. Dieser so genannte Continental Kit war zwar aufpreispflichtig, doch er kam so gut an, dass nur noch die wenigsten Thunderbird ohne diese Option ausgeliefert wurden.

Außerdem war zusätzlich zum Standard-V8 mit 4,8 Liter Hubraum und 203 SAE-PS ein 5,1 Liter großes Triebwerk mit 225 SAE-PS im Programm. Nach deutscher Typprüfung sind das genau 149 kW oder 203 PS nach DIN-Norm. Das klingt zwar nicht sonderlich spektakulär, doch damals leistete ein Porsche 356 gerade mal 60 und ein Mercedes 190 SL 105 PS. Die Leistung beflügelte den Thunderbird jedenfalls zu Fahrleistungen, die ihn auf eine Stufe mit wesentlich teureren europäischen Sportwagen stellten. Fast 190 km/h und eine Beschleunigung von Null auf 60 Meilen pro Stunde (96 km/h) in 7,5 Sekunden waren 1956 alles andere als alltäglich. Schon gar nicht zu einem Grundpreis von nur 2944 Dollar.

Heute mit dem Thunderbird unterwegs, zweifelt man keine Sekunde an den damals gemessenen Fahrleistungen. Ohne es unbedingt ausprobieren zu wollen. Denn selbst ein Thunderbird in so ausgezeichnetem toprestaurierten Zustand wie dies bei dem Bonner Klassikerhändler Oldtimer Bonn GmbH zum Verkauf stehende Exemplar verheimlicht nie, dass es ein 50 Jahre altes Auto ist. Und zwar eines, das vornehmlich zum Geradeausfahren gebaut wurde. Die Servolenkung, bei diesem T-Bird ebenso an Bord wie ein Bremskraftverstärker, vermittelt nicht wesentlich mehr Fahrbahnkontakt als ein Playstation-Lenkrad, und das Fahrwerk ist von der eher schaukeligen Sorte. Die originalgetreuen Diagonal-Pneus beginnen schon bei kaum merklichen Querbeschleunigungen leise zu pfeifen. Das ist auch gut so, denn das durchgehende Sofa mit dem rutschfreudigen Vinylbezug lässt dem Piloten wenig Chancen gegen die Fliehkraft. Dafür ist die Aussicht vom Fahrerplatz ausgezeichnet.

Die beiden Kotflügel bleiben als Peilkanten stets im Blick. Dazwischen türmt sich ein Berg von einem Power Dome, unter dem ein Vierfach-Vergaser nach Luft schnüffelt. Noch eindrucksvoller ist der Blick nach hinten. Die Blechfläche zwischen Sitzlehne und Reserverad wirkt mindestens so groß wie das Sonnendeck einer 20-Meter-Yacht.

Nur donnern, das will der Thunderbird nicht. Auch bei nachdrücklichem Gasgeben behält der Achtzylinder seine Contenance. Er brummelt ein wenig lauter in seinem leicht unregelmäßigen V8-Rhythmus, schiebt den 1,5 Tonnen schweren T-Bird dennoch mächtig vorwärts. Leider war den zweisitzigen Thunderbird keine lange Karriere beschieden. Bereits 1958 erhielt der T-Bird Rücksitze. Die Thunderbird-Baureihe wurde so zum simplen Coupé-Ableger der großen Ford-Limousinen. Erst 2002 gab es einen zweisitzigen Thunderbird im Retro-Design - eine moderne Kopie des Originals, nur ohne Reserverad am Heck.

Heinrich Lingner

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Ford Thunderbird

PS/KW 203/149

0-100 km/h in 7.50s

Heckantrieb, 3 Gang Automatik

Spitze 187 km/h

Preis 50.000,00 €