Ford Mustang 1964 vs. Alfa Romeo Montreal: Vergleich Der Hengst und die Diva

23.04.2014

Einen V8 haben beide unter der Haube, aber im Charakter sind sie völlig verschieden: Begegnung und Vergleich zweier starker Sportcoupés aus den USA und Italien

Eine stilistisch wenig geglückte Karosserie mit knappem Kofferraumangebot. Schlechte Übersichtlichkeit. Unbequeme Sitze, mäßige Verarbeitung. Unbefriedigende Fahreigenschaften. Und so weiter und so weiter. In Vergleichen mit anderen Sportwagen seiner Zeit ließen viele Tester einst kein gutes Haar am Alfa Romeo Montreal. Ein hartes Schicksal für ein so exklusives Auto, das preislich nur 1000 Euro unter dem gefeierten Porsche 911 S lag. Nicht einmal 4000 Exemplare, nämlich genau 3925 Stück, liefen zwischen 1970 und 1977 vom Band.

Nicht viel besser kam der Ford Mustang weg, zumindest in deutschen Fachzeitschriften. Nach ersten Testfahrten hagelte es Kritik an der total überforderten Trommelbremsanlage, der zu weichen und schlecht gedämpften Federung sowie der Verarbeitungsqualität insgesamt. Tenor: Eine bedenkenlos zusammengebaute Großserien-Schachtel, aber immerhin mit einem wunderschön elastischen und starken Motor.

 

MUSTANG & MONTREAL: VON DEN FANS VOM START WEG GEFEIERT

Doch das war nur der eine Blickwinkel. Denn von der weniger kritischen Öffentlichkeit wurden beide Autos vom Start weg als Stars gefeiert – weil sie auf unkonventionelle und leidenschaftliche Art das Thema „Sportcoupé mit V8“ neu interpretierten. Im Falle des Alfa begann die Euphorie schon drei Jahre vor dem Serienstart, mit einem Prototyp. Er wurde im Jahre 1967 auf der Weltausstellung im kanadischen Montreal vorgestellt. Sein detailverliebtes, ultramodernes Design spiegelte perfekt den Zeitgeist wider. Herunterklappende Scheinwerfer-Jalousien, ein schwarzer Lufteinlass in der Motorhaube und sechs auffällige Lüftungsschlitze in der breiten B-Säule zogen die Blicke der Besucher magisch an.

Dass die Jalousien nur der Show dienten, der Lufteinlass eine Attrappe war und hinter den Lüftungsschlitzen kein Mittelmotor saß, störte niemanden. Es war eine Zeit geprägt vom Optimismus, die Natur beherrschen zu können. Man feierte technische Eskapaden wie Vorboten einer neuen Religion: Leichtbaukonstruktionen, architektonische Experimente wie den Kugelbau Biosphère des Architekten Richard Fuller, Weltraumfahrtvisionen und neuartige Verkehrskonzepte. Die Innovationskraft des Menschen schien grenzenlos.

Auch der drei Jahre vor dem Montreal-Prototyp präsentierte Ford Mustang war schon heiß begehrt, bevor er zu kaufen war. Dafür hatte der Hersteller unter anderem mit einem cleveren Fernseh-Werbespot gesorgt (Titel: „The Unexpected“, das Unerwartete). Darin zoomte die Kamera an ein unbekanntes weißes Auto heran, unterbrochen von aufblitzenden Bildern eines galoppierenden Wildpferdes.

Am Ende der Sequenz parkte der Wagen wie eine außerirdische Landefähre in der Mitte eines Sees auf einer künstlichen Insel. Untermalt von zackiger Big-Band-Musik kündigte ein Sprecher aus dem Off die bevorstehende Einführung eines „brilliant new kind of car“ an, eines brillanten Autos von völlig neuer Art. Ein Auto, das kurz darauf auch im James-Bond-Kinohit „Goldfinger“ einen Gastauftritt hatte – als hübsches Convertible mit Tilly Masterson am Lenkrad.

Tatsächlich markierte die aufwändige Kampagne für den Mustang den Beginn einer grandiosen Erfolgsgeschichte. Er traf nicht nur eine Nische, er begründete gleich ein neues Segment, jenes der Pony Cars. Bereits nach dem ersten Produktionsjahr waren 680.989 Mustang verkauft, nach 18 Monaten sogar mehr als eine Million.

So sorgten sowohl Mustang als auch Montreal jeder auf seine Art für Aufsehen. Unter dem hübschen Blech verwendeten beide Hersteller freilich wohlbekannte Technik. Ford verbaute den zuvor im Falcon präsentierten Windsor-Smallblock, Alfa eine gezähmte Variante des Achtzylinders aus dem Rennwagen Tipo 33. Beim Fahrwerk verließ sich Ford zum Leidwesen sportlicher Fahrer auf eine simple, an Blattfedern aufgehängte Starrachse, während Alfa dem Montreal das Fahrgestell aus der kleinen und 250 Kilogramm leichteren Giulia Springt GT mitgab, ebenfalls mit Starrachse.

 

BEIDE WOLLEN LIEBER CRUISEN ALS RASEN

Wer die Autos heute fährt, merkt deshalb schnell, dass Schein und Sein nicht recht zusammenpassen. Der Mustang, in unserem Fall ein frühes Modell mit dem nur wenige Monate verbauten 260-cui-V8, bewegt sich in schnellen Kurven wie ein Mississippi-Schaufelraddampfer auf hoher See. Von der bulligen Kraft des Motors kommt mangels Fahrbahnkontakt der Hinterräder nur wenig auf der Straße an.

Der Montreal wiederum nimmt schnelle Kurven mit starker Seitenneigung und taucht beim Beschleunigen wie beim Bremsen tief ein. Vom Wesen her eignen sich beide Autos folglich eher zum Cruisen als zum Rasen. Was nicht heißt, dass sie auf gerader Strecke nicht durchaus Spaß machen. Die Beschleunigung im Mustang ist eine Wucht und wird von einem herrlichen Sound untermalt. Auch im Montreal presst es die Passagiere bei Vollgas gehörig in die hübschen Velourspolster, während der V8 unter der langen Haube sein ganzes Klangspektrum vom tiefen Grollen bis zum hellen Trompeten entfaltet. Und mit 225 km/h Höchstgeschwindigkeit ist auch heute noch gut dabei. Einziger Wermutstropfen ist dabei der heftige Benzinverbrauch von rund 20 Litern und mehr, was bei einem Tankinhalt von 63 Litern häufige Stopps bedingt.

Aber wenn man dann vom Kassen-Tresen wieder zurück zu seinem Alfa kommt, ist da wieder dieser Moment – der Moment, in dem die Augen dieses wunderschöne Gesicht mit dem Schlafzimmerblick aufsaugen. Der quietschgelbe Lack steht dem Montreal perfekt, die Armaturen betören die Sinne. Und der Ford Mustang? Er empfängt seinen Fahrer mit dem hemdsärmeligen Charme eines gestandenen Cowboys. Motor an, Fuß aufs Gas und mit qualmenden Reifen in den Sonnenuntergang. Das hat natürlich auch was.

TECHNIK
   

Ford Mustang (1964)
Alfa Romeo Montreal
Antrieb V8-Zyl. vorn längs; Hubraum: 4265 cm3; Leistung: 120 kW/163 PS bei 4400/min; max. Drehmoment: 350 Nm bei 2200/min; Dreigang-Automatik;
Hinterradantrieb
V8-Zyl. vorn längs; Hubraum: 2593 cm3; Leistung: 147 kW/200 PS bei 6500/min;
max. Drehmoment: 235 Nm bei 4750/min; Fünfgang-Getriebe; Hinterradantrieb
Aufbau+Fahrwerk Selbsttr. Ganzstahlkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Querlenker, Federn, Dämpfer, Stabi.; hinten: Starrachse, Blattfedern, Dämpfer; Bremsen: rundum Trommeln; Reifen: 185–14 Selbsttr. Ganzstahlkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Querlenker, Federn, Stabi.; hinten: Starrachse, Querlenker, Federn, Stabi.; v./h. Stoßdämpfer; Bremsen: rundum Scheiben; Reifen: 195/70 VR 14
Eckdaten L/B/H: 4613/1732/1298 mm; Radstand: 2743 mm; Leergewicht: 1335 kg; Bauzeit: 1964; Stückz.: 121.538; Preis (1964): 17.910 Mark1 L/B/H: 4220/1670/1205 mm; Radstand: 2350 mm; Leergewicht: 1270 kg; Bauzeit: 1970 bis 1977; Stückz.: 3925; Preis (1975): 35.000 Mark
Fahrleistungen 2Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 9,2 s;
Höchstgeschwindigkeit: 194 km/h; Verbrauch: 16,4 l/100 km
1Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 7,6 s;
Höchstgeschwindigkeit: 225 km/h; Verbrauch: ab 17,0 l/100 km
  1Inkl. Aufpreis für V8-Motor und Automatikgetriebe; 2Angaben für 4,8-Liter-V8 mit 190 PS 1Werksangaben

Marktlage
Modell Zustand 2 Zustand 3 Zustand 4
Ford Mustang (1964) 24.100 Euro 16.500 Euro 11.600 Euro
Alfa Romeo Montreal 34.700 Euro 21.800 Euro 11.100 Euro
Wertentwicklung Ford Mustang: leicht fallend
Wertentwicklung Alfa Romeo Montreal: leicht steigend
Definition der Zustandsnoten

Unser Fazit

Wer heute eines dieser beiden Autos besitzt, darf sich glücklich schätzen: Sowohl Mustang als auch Montreal sind etwas ganz Besonderes. Der Ami, weil er zu den seltenen ersten Exemplaren des Jahres 1964 gehört, zu erkennen am Bandtacho in Verbindung mit dem kleinen 4,3-Liter-V8; der Italiener, weil Alfa davon nicht mal 4000 Stück baute, dafür aber eine ungewöhnlich gute Rostvorsorge betrieb. Über die technischen Unzulänglichkeiten an Fahrwerk und Bremsanlage sowie den hohen Benzinverbrauch sieht man als Liebhaber großzügig hinweg. Vom Design her begeistert der Mustang nach wie vor mit seiner Formel „lange Haube, kurzes Heck“. Aber im direkten Vergleich hat der Montreal klar die Nase vorn. Er ist das modernere, emotionalere Auto. Und nebenbei auch die bessere Wertanlage

Gerrit Reichel

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