Ford F-650 Pickup im Braunkohle Tagebau Männerspielzeug

23.01.2012

Mehr geht beim besten Willen nicht: Der Mega-Ford trifft eine der größten Maschinen der Welt. Eine ungeheure Begegnung mit 13.373 Tonnen Krupp-Stahl, 22.515 PS und jeder Menge Kohle

Mist. Ein unbedachter Gasstoß hat gereicht, jetzt steckt die Kiste fest. Dabei hatte Herr Göddertz doch gesagt, wir sollten aufpassen – da hinten auf der sandigen Ebene gleich neben der Förderbandanlage, wo sich hinabgewehter Staub in besonders dicken Schichten abgelagert hat. „Nicht zu viel Gas und keinesfalls stehen bleiben.“

Wir sind nicht auf dem Mond gelandet, obwohl es danach aussieht, sondern in Garzweiler bei Köln, einem der größten Tagebaue der Welt. Hier buddelt sich RWE-Power durchs westliche NRW, immer auf der Suche nach dem heimischen Brennstoff, der mit dem Atom-Stopp noch wichtiger wird. Franz-Josef Göddertz ist stellvertretender Betriebsingenieur und hat ein Funkgerät. „Bleibt da, wir ziehen euch ’raus.“ Schlepphilfe kann nötig werden, wenn der übermütige Pilot eines martialisch aufgebrezelten Ford F-650 Super Duty in der erhabenen Höhe seines Fahrerhauses Allmachtsphantasien entwickelt. Wir lernen: In diesem außerirdisch anmutenden Gelände ist auch für die ganz harten Brocken früher Schicht als sonst üblich, vor allem wenn man nur mit Hinterradantrieb klarkommen muss.

Ein Radlader vom Typ CAT 824H Zeppelin – 580 PS, Einsatzgewicht 28,7 Tonnen – klärt die Lage. Ein vergleichsweise putziges Gefährt, denn der richtige Titan steht einen knappen Kilometer weiter. Es ist Bagger Nummer 285 – ein von Menschenhand geschaffenes, 94 Meter hohes und 212 Meter langes Gebirge aus Stahl. Ein 13.373 Tonnen schweres Landschaftsveränderungsgerät, das sich seit dem Jahr 1978 unablässig durch die rheinische Ebene buddelt. Bagger 285 ist ein einziger materialisierter Superlativ: Sein von 3427 PS bewegtes Schaufelrad hat einen Durchmesser von 21 Metern und ist mit 18 Pkw-großen Eimern bestückt. Jeder einzelne dieser Zacken wäre imstande, einen deutschen Standard-Vorgarten in einem Haps zu verschlingen.

200.000 TONNEN PRO TAG
Sagenhafte 382.000 Kubikmeter Erdreich bewegt das von Krupp gebaute Ungetüm. Pro Tag, wohl gemerkt. Ist das aus Löss, Kies, Sand oder Ton bestehende Deckgebirge abgetragen und der Flöz erreicht, schafft das Gerät bis zu 200.000 Tonnen Braunkohle täglich. Für die Herrscher von Kleinstaaten lohnt die rund 160 Millionen Euro teure Anschaffung allerdings nicht. Das Fürstentum Monaco etwa würde Zwo-Acht-Fünf wahrscheinlich binnen eines Nachmittags aus dem Hang raspeln – und die Grimaldis müssten umziehen.

Als Möbelwagen böte sich der F650 an, ein vom US-Spezialisten Geiger-Cars verfeinerter, 3,40 Meter hoher Mords-Ford, der mit einem 280 PS starken 7,2-Liter-Turbodiesel zu Werke geht. Während der Fahrer im Straßenverkehr selbst auf Kleinbusse herabblickt und Acht geben muss, sie nicht von der Bahn zu schubsen, kehren sich in Gegenwart des stählernen Riesen die Verhältnisse um. Den mit Gummiwalzen der Dimension 445/65 R 22 besohlten Ami könnte der Bagger problemlos auf Kanaldeckelhöhe verdichten. Das Gerät fährt nämlich. Es ruht auf einem Dutzend Raupen, von denen sich die hinteren vier lenken lassen. Maximal sechs km/h sind drin. Während der Maschinenführer in seiner Kanzel das Schaufelrad im Auge behält, steuert ein Kollege am Boden die Fahrmanöver.

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Ohne Unterlass krallen sich die gewaltigen Zähne ins Erdreich. Der stählerne Organismus vibriert. An seinem hinteren Ende befindet sich die so genannte Beladung. Hier spuckt das Krupp’sche Konstrukt den Aushub wieder von Bord. Transportbänder rattern. Sie schaffen das braune Gold in den 600.000 Tonnen fassenden Kohlebunker. Das fossile Material besteht zu 55 Prozent aus Wasser, es riecht nach Schwefel. Insgesamt sechs Bagger sind hier am Werk. „Unsere Tagesbestleistung betrug 935.000 Tonnen“, erklärt Ingenieur Göddertz, der sein Aufgabengebiet mit „Geologe, Ingenieur, Fremdenführer und Wildhüter“ beschreibt. Denn noch vor der aufwändigen Rekultivierung der Abbaugebiete holt sich die Natur die Flächen zurück. Oben am Rand der 165 Meter tiefen Grube äst seelenruhig das Rehwild. Und nachts kommen die Wildschweinrotten.

Allein im 48 Quadratkilometer großen Feld Garzweiler II lagern geschätzte 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle – mehr als genug Futter, um die umliegenden Kraftwerke 40 Jahre lang zu versorgen. Rund 90 Prozent der Kohle landen in der Verstromung. Damit werden die Reste rund 20 Millionen Jahre alter Baumstümpfe bald auch für volle Batterien des heraufziehenden Elektroauto-Zeitalters sorgen.

GRÖSSE IST RELATIV
Unter kräftigem Abblasen seiner Luftdruckbremse stoppt der Ford F-650 Super Duty im Schatten der mächtigen Pylone, die den Schaufelradarm und den Gegengewichtsausleger halten. Weiter oben arbeitet Baggerführer Friedhelm Kreymann. Mit ein paar Joysticks und Schaltern dirigiert der erfahrene Maschinist den insgesamt 22.515 PS starken Koloss. Zum Größenvergleich schwenkt er den gewaltigen Schaufelradarm in Richtung der knapp 80.000 Euro teuren Ami-Pritsche. Hängen gebliebene, mit Wasser gesättigte Kohlebrocken fallen aus den Zahnlücken, zerplatzen auf dem Boden wie überreife Wassermelonen. Ein Schauspiel. Der Umgang mit solch sperrigem Gerät verlangt nach Rücksicht den Kleinen gegenüber. Ein Kumpel erinnert sich: „In einem anderen Tagebau ist mal ein Radlader der Schaufel zu nahe gekommen. Das Ding lag in null Komma nix auf dem Dach.“

Sicherheit hat oberste Priorität, darüber wacht Franz-Josef Göddertz. Deshalb ist die beeindruckende Mondlandschaft von Garzweiler für Geländewagenfreunde leider tabu. Hier wird gearbeitet. Der Schaufelradarm gleitet majestätisch zurück und holt sich ein neues Stück vom Rheinland.

 

FORD F650 SUPER DUTY

ANTRIEB 7,2-Liter-Sechszylinder-Turbodiesel (Cummins), Leistung: 206 kW/ 280 PS; max. Drehmoment: 708 Nm bei ca. 1000 /min; Kraftübertragung: 6-Stufen-Automatik (Allison 3000); Hinterradantrieb
AUFBAU+FAHRWERK Doppelkabine mit Pritsche auf Leiterrahmen; 20-Zoll-Liftkit, Frontseilwinde; Tankvol.: 560 Liter; Bereifung: rundum 445/65 R 22
ECKDATEN Länge: 6510 mm, Breite 2508 mm, Höhe 3400 mm; Leergewicht: 5510 kg; Spitze: ca. 120 km/h; Preis: 79.900 Euro


BAGGER 285

ANTRIEB vollelektrisch, Gesamtleistung 16 560 kW/22 515 PS, davon Fahrwerke 2160 kW/2936 PS, Schaufelrad 2520 kW/3427 PS; Betriebsspannung: 25 kV
AUFBAU+FAHRWERK Schaufelrad, Drehgestell, 2 Pylone, Gegengewichtsausleger, 12 Raupen
ECKDATEN Länge: 212 m., Höhe 94 m; Gewicht: 13.373 t; Spitze: 6 km/h; Verbrauch: ca. 17.000 kWh pro Tag; Hersteller: Krupp; Preis: 160 Mio. Euro (1978), heute ca. 200 Mio. Euro

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