Ford Capri RS: Bezahlbarer Traumwagen Hart, aber fair

21.11.2013

1970 brachte Ford mit dem 150 PS starken Capri RS ein gnadenloses, puristisches Sportgerät  an den Start. Den Porsche-Jäger müsste man sich eigentlich leisten. Aber ein originaler RS ist ähnlich selten wie ein Aufstieg des 1.FC Köln

Kurz vor dem Weihnachtsfest 1970 bescherte die Presseabteilung von Ford die Redaktion der AUTO ZEITUNG mit dem ersten Testexemplar des Capri RS. Feuerrot, schwarze Haube, bildschöne Minilite-Magnesiumräder, 185/70 HR 13-Reifen, negativer Sturz vorn, keine Stoßstangen (wegen Gewichtseinsparung): Schaut her, hier steht ein Sportgerät, legt los.

Das Testteam legte los. Bis zur Messstrecke bei Kerpen war der Tankinhalt schon heftig abgesunken. Verbrauch: fast 30 l/100 km. Und beim ersten Beschleunigungsversuch bewies der Motor im negativen Sinn, was Drehmoment ist: Die Riemenscheibe an der Kurbelwelle scherte ab, Ende der Testfahrt. Die Vorfreude eines Testers auf den RS als  „Weihnachtsauto“ war dahin – schöne Bescherung. War aber auch ganz gut so, denn der Winter setzte ein, und mit dem 150 PS starken Capri RS wäre der Testredakteur auf Schnee wohl langsamer gewesen als ein Ein-PS-Pferdegespann.

Wenige Wochen später rollte der reparierte und inzwischen an der Kugelfischer-Einspritzung modifizierte Capri RS wieder in die Test-Tiefgarage. Und nun zeigte der RS, was er drauf hatte. Durch die Änderung an der Einspritzung sank der Durchschnittsverbrauch von rund 18 l/100 km auf den akzeptablen Testwert von 14,1 l/100 km. Besetzt mit zwei Testern und Messgeräten an Bord schaffte der leer 1070 Kilo leichte Capri RS die 100 km/h-Marke in 8,0 Sekunden. Und als er 180 km/h erreicht hatte, waren gerade mal 28,5 Sekunden vergangen. Das waren Werte, die damals ein Porsche 911 S nur bei einem gefühlvollen Kupplungsfuß möglich machte. Der scharfgemachte 2,6-Liter-V6 verdankt seinen von 2,3 auf 2,6 Liter vergrößerten Hubraum einer Kurbelwelle mit längerem Hub.

Die mindestens 25 Mehr-PS des RS 2600 (es waren häufig deutlich mehr als die genannten 150) resultierten aus einer Nockenwelle mit geänderten Steuerzeiten, verstärkten Ventilfedern, einer höheren Verdichtung (10:1 statt 9:1), einer leistungsstärkeren Ölpumpe und einem überarbeiteten Ansaugtrakt mit mechanischer Kugelfischer-Einspritzung. Das Äußere des Capri RS mit den fehlenden Stoßstangen, auffälliger Lackierung und Tieferlegung war und ist eindeutig: Der ist nur was für harte Männer. Und so fuhr er sich auch. Hart bei Dämpfung und Federung, aber herrlich schnell in Kurven. Die tiefen Sportsitze und das griffige Dreispeichen-Ledersportlenkrad sorgten für eine fühl- und spürbare Nähe zur Fahrbahn und deren Beschaffenheit.

Der Einspritzmotor imponiert dabei am Start durch einen brutalen Antritt. Durchdrehende Räder und eine geradezu explosionsartige Beschleunigung sind beim Capri RS ganz normal. Die urwüchsige Kraft ermuntert pausenlos dazu, die 150 PS und das daraus resultierende Beschleunigungsvergnügen von Gang zu Gang auszukosten – beim Capri RS konnte man schon 1971 und kann man heute noch in Tester-Lyrik verfallen: Der Motor ist von der ganz wilden Sorte. Kriegt man die 150 PS des Capri gezähmt und legt man sich auf tempolimitierten Straßen eine durchaus sinnvolle Disziplin auf, was wirklich schwer fällt, zeigt sich der Capri RS mit seinem vernünftigen Innen- und Kofferraum, der Ford-üblichen, simplen Bedienung und dem für einen Sportler zu braven, aber funktionellen Cockpit voll alltagstauglich. Auch wenn man das von einem derartigen Sportgefährt wohl kaum erwartet.

 

GEVATTER ROST RAFFTE DIE CAPRI RS DAHIN

Bei allem Enthusiasmus: Von den 3532 Capri RS, die in der puristischen Form bis 1972 und bis 1974 ziviler mit Stoßstangen produziert wurden, sind viele den Sporteinsätzen zum Opfer gefallen. Und an den übrigen nagte Gevatter Rost ganz gewaltig. Wo der am meisten fraß, steht in Classic Cars Ausgabe 2/2013. Wer einen restaurierungsbedürftigen RS auftreiben sollte, dem sei die Lektüre einer Capri-Renovierung in Classic Cars Heft 7/2012 ans Herz gelegt.

Wen das Capri-Fieber nun gepackt hat und wer sich vielleicht einen restaurierten oder gepflegten RS zulegen möchte, der muss schon wirklich sehr geduldig suchen. Es gibt Angebote auf dem Markt, aber bei den Preisen kann man so blass werden wie ein Beifahrer im Capri RS nach einer Runde Nürburgring Nordschleife. Wesentlich günstiger sind der Capri I 2.6 GT und der potente 2.8i der zweiten Capri-Generation. Aber wie das nun mal so ist mit einem Traum: Es zählt nur das Original. Ford  selbst  charakterisierte  den schnellen  RS  2600  in Anzeigen einst als einen „Capri für Fortgeschrittene“. Die AUTO ZEITUNG sah das 1971 eindeutiger: „Er ist weder das Auto für zaghafte Hausfrauen noch der Wagen für junge, wilde  Knaben.“  Dem  ist  nichts hinzuzufügen.

FORD Capri RS: Daten und Fakten
Antrieb
V6-Zylinder, vorn längs eingebaut; 2-Ventiler; zentrale Nockenwelle, Stirnradantrieb; mechanische 6-Stempel-Einspritzpumpe Kugelfischer; Bohrung x Hub: 90 x 69 mm; Hubraum: 2637 cm3; Verdichtung: 10,0:1; Leistung: 110 kW/150 PS bei 5800/min; maximales Drehmoment: 223 Nm bei 3500/min; Viergang-Getriebe; Mittelschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Stahlblechkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: McPherson-Federbeine, Querlenker; hinten: Starrachse, Blattfedern;
v./h. Gasdruckstoßdämpfer; Zahnstangenlenkung; Bremsen: v./h. Scheiben/Trommeln; Reifen: 185/70 HR 13; Alu-/Magnes.-Räder: 6 x 13
Eckdaten
L/B/H: 4185/ 1646/1263 mm; Radstand: 2560 mm; Spurweite v./h.: 1377/1352 mm; Leer-/Gesamtgew.: 1070/1375 kg; Tankinhalt: 58 l; Bauzeit: 1970 bis 1974; Stückzahl: 3532; Preis (1971): 15.800 Mark
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 8,0 s; Höchstgeschwindigkeit: 204 km/h; Verbrauch: 14,1 l/100km
1AUTO ZEITUNG 06/1971


MARKTLAGE

Zustand 2: 31.000 Euro
Zustand 3: 22.000 Euro
Zustand 4: 10.000 Euro
Wertentwicklung: steigend
Definition der Zustandsnoten

Weitere bezahlbare Traumwagen:

- BMW 635 CSi
- Citroen CX Prestige
- Audi Quattro 20V

Unser Fazit

Der Ford Capri RS gehört zu jenen Oldtimern, die man auch für viel Geld und gute Worte kaum bekommt. Der Grund: Es gibt nur noch sehr wenige RS. Bezahlbar wäre der deutsche Sportwagen-Traum noch. Aber wer diesen 911-Jäger in der Garage hat, der verkauft ihn nicht – allenfalls vererbt er ihn

Werner Müller

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