Reportage: Im Fiat Dino Spider durch Turin Besuch der alten Dame

12.07.2015

Das Herz der europäischen Autoindustrie schlug über viele Jahre in Turin, und Fiat diktierte den Pulsschlag. Heute nennt sich der Konzern „FCA“ und sucht die Zukunft in Amerika. Eine Reise im Dino Spider in die Zeit, als Fiat in Turin noch großgeschrieben wurde. Reportage

Dottore Dario Salvati wartet in einer Caffé Bar in einer Seitenstraße auf uns; sein weißer Fiat Dino Spider parkt mit geschlossenem Verdeck zwischen Fiat Panda, ein paar Mülltonnen und Alfa MiTo, halb auf dem Bordstein, halb auf der Straße. Salvati begrüßt uns mit einem Lächeln und der Espresso-Tasse in der Hand. Er trägt zweifarbige Lederschuhe, unter der Sportmütze eine Sonnenbrille mit pechschwarzen Gläsern und fragt „Wollt Ihr etwas trinken?“ – So ist Turin.

 

Fiat Dino Spider: Im Cabriolet durch Turin

„Wir“ – das sind Fiat PR-Manager Fabrizio, Fotograf „Jurrgen“ und „Carrsten“, der Autor dieser Zeilen – haben uns mit dem Dottore verabredet, um gemeinsam der großartigen und trotzdem inzwischen fast vergessenen Rolle der Stadt Turin und des Fiat-Imperiums in der Geschichte der europäischen Autoindustrie nachzuspüren.

Salvati ist für die Rolle des Stadtführers gleich doppelt prädestiniert, denn erstens kennt der ehemalige Direktor der Lkw-Sparte Iveco Vergangenheit und Gegenwart des Fiat-Konzerns genau, und zweitens besitzt er ein Auto, das wie kein zweites dazu geeignet ist, der interessanten Vergangenheit der Firma und ihrer Heimatstadt nachzuspüren: Dottore Salvati gehört einer von nur 420 in den Jahren 1969 bis 1972 gebauten Fiat Dino 2400 Spider.

Für nach 1980 geborene Autofans mag es unvorstellbar klingen, doch Fiat war damals nicht nur eine Institution bei fortschrittlichen Familienlimousinen und pfiffigen Stadtwagen, sondern zugleich eine der tonangebenden Sportwagenmarken. Die Modellpyramide umfasste Anfang der 70er-Jahre zeitgleich acht Sport-Coupés und Cabriolets mit völlig unterschiedlichen Karosserien: am Fuß zwei kleine 850er und den Querschläger X1/9, in der Mitte zwei 124er, im Oberhaus das 130 Coupé und an der Spitze die beiden „Dino“-Modelle.

Jedes dieser Autos wurde von einem der weltbesten Automobildesigner entworfen, und jeder dieser Designer arbeitete in Turin. Mit Ausnahme des im hauseigenen Centro Stile entworfenen 124 Sport Coupé verließ sich Fiat dabei samt und sonders auf die Kreativität und das Stilgefühl der großen drei Designstudios: Bertone, Italdesign und Pininfarina. Auf dem Turiner Automobilsalon fochten sie Jahr für Jahr ihr Lokalderby um die Karosseriemode der Saison aus; der Rest der Autowelt pilgerte in Scharen über die Alpen auf der Suche nach Inspiration.

Allein auf dem Pininfarina-Stand des Turiner Autosalons 1966 wetteiferten gleich drei neue Schönheiten um den Titel „Fiat’s next Topmodel“: der von Tom Tjaarda gezeichnete 124 Sport Spider sowie der „Dino“ als Coupé und Spider, beides Entwürfe von Pininfarinas zweitem Ass am Zeichenbrett: Aldo Brovarone. Das Coupé blieb ein Einzelstück, doch der offene 2+2-Sitzer ging 1969 mit einem Ferrari „Dino“ Formel 2-Aggregat unter der Haube in Serie.

Dottore Salvatis Auto stammt aus der zweiten Serie ab 1971, die einen auf 2,4 Liter vergrößerten V6 mit 180 PS unter der lasziv geschwungenen Motorhaube trägt. Das Aggregat wurde von Aurelio Lampredi konstruiert, der in den 50er-Jahren den großen Ferrari-V12 ersonnen hatte und nun als Chefkonstrukteur bei Fiat im Begriff war, die ersten Doppelnocken-Vierzylinder mit wartungsfreundlichem Zahnriemenantrieb zu realisieren.

 

Dino Spider in Turin: 2,4-Liter-V6 mit 180 PS

Der Motor ist wie das komplette Auto ein Gedicht, die blanke Poesie: Er faucht und beißt, singt und jubiliert, zieht kraftvoll an und schwingt sich mit Leichtigkeit hinauf zu hohen Drehzahlen. Dazu servierte Fiat ein perfekt abgestuftes Fünfgang-Getriebe von ZF. Dieses Ensemble konnte es seinerzeit mit jedem Sportwagen der Welt aufnehmen und stellte sogar die zeitgenössischen Modelle des aus Prinzip verwegeneren Lokalrivalen Lancia in den Schatten.

Obwohl die Endmontage des Dino 2400 Spider nicht in Turin, sondern bei Ferrari stattfand, symbolisierte dieses Auto damals wie heute die Macht des Fiat-Konzerns und die Bedeutung der „Autostadt“ Turin. Der Aufstieg begann für beide mit der sagenhaften „Lingotto“-Fabrik am Südrand der Stadt, gebaut nach Ideen des Fiat-Patriarchen Giovanni Agnelli, der zuvor die Ford-Werke in Detroit besichtigt und dort die Zukunft des Automobils gesehen hatte.

Im „Lingotto“ wurden Chassis und Antrieb vom Erdgeschoss an aufwärts Stockwerk für Stockwerk zusammengesetzt, bis schließlich die fertigen Autos aus eigener Kraft aufs Dach rollten, wo sich eine Einfahrbahn mit Steilkurven befand. Der 1922 in Anwesenheit des italienischen Königs Vittorio Emanuele III. eingeweihte Komplex war die modernste Autofabrik Europas. Heute dient der denkmalgeschützte Bau als Tagungszentrum, auf dem Dach wird die erlesene Gemäldesammlung der Familie Agnelli in einer Pinakothek präsentiert.

1939 bescherte Fiat der Stadt Turin einen weiteren Meilenstein der Industriearchitektur, das Werk Mirafiori. Heute ist es eines der ältesten noch in Betrieb be ndlichen Autowerke in Europa. Von 1947 bis 2010 liefen dort die meisten Fiat-Bestseller vom Band, doch diese Zeit ist nun vorbei: In Mirafiori wird zurzeit der Alfa MiTo produziert, parallel dazu wird die Fertigung des neuen Maserati SUV vorbereitet.

Bald gehört die große Epoche, als Fiat die Entwicklung Turins prägte, endgültig der Vergangenheit an. Wer darüber sentimental wird, findet Trost im Nationalmuseum für Automobile am Ufer des Po. Es berherbergt auf 19.000 Quadratmetern eine der faszinierendsten Kollektionen Europas. Dottore Salvati verzichtet auf einen Besuch. Er kennt die Exponate auswendig. Und wir wissen ja, wo wir ihn finden: in der Caffé Bar nebenan. Grazie e salute, Dottore!

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