Fiat 500: Elektro-Auto und Benziner im Vergleich Cityflitzer unter Spannung

15.07.2010

Zwei unterschiedliche Elektrovarianten des Fiat 500 zeigen dem Serienmodell, dass alltagstaugliche Elektroautos keine Zukunftsmusik mehr sind

Wer in letzter Zeit im Raum Essen unterwegs war, wird sie vielleicht bemerkt haben – die bunt beklebten Elektroflitzer, die im Blechkleid des knuffigen Fiat 500 durch die Gegend surren. Gibt es sie also doch schon, die alltagstauglichen Elektro-Autos? Ja, es gibt sie. Doch halt! Laufen Sie jetzt nicht gleich zum nächsten Fiat-Händler, denn die kleinen Stromer sind nicht ab Werk zu bekommen. Gebaut werden sie bei der Firma Micro-Vett im italienischen Imola. In Deutschland hat nur der Hamburger Nutzfahrzeugvertrieb Karabag den so genannten Karabag 500 Electric im Sortiment. Für den stolzen Basispreis von 49.990 Euro, inklusive einer Stromzapfsäule von RWE vor der eigenen Haustür.

Wer fürs lautlose Fahren nicht gleich sein Sparkonto plündern will, darf sich ab sofort auch an den Autovermieter Sixt wenden. Für 59 Euro am Tag kann man sich selbst von der Alltagstauglichkeit des 500 Electric überzeugen. Zunächst im Raum Essen, später aber auch in München, Hamburg, Dresden und Berlin. Für einen ersten Praxisvergleich haben wir den 30 Kilowatt starken 500er zu uns in die Redaktion bestellt. Dort trifft er auf einen Serien-Fiat mit 70-PS-Benziner (51 kW) und einen dritten, ganz besonderen Cinquecento.

Dieser wurde von der Firma FEV Motorentechnik aus Aachen entwickelt und trägt neben einem 60-kW-Elektroantrieb zusätzlich einen 300 Kubikzentimeter großen Wankelmotor im Unterboden, der bei Bedarf die Batterie lädt (Range Extender). Das verlängert nicht nur die Reichweite erheblich, sondern nimmt auch die Angst vor längeren Strecken ohne Stromversorgung. Als erstes von zwölf Autos einer Versuchsflotte hat der von FEV liebevoll LiiON Drive getaufte Fiat sogar schon einen Preis für das beste Elektrokonzept gewonnen – den eCar Tec Award 2009.

EINFACH EINSTEIGEN UND LOSFAHREN
Während der Serien-Fiat für etwa 50 Euro an der Tankstelle mit Super-Kraftstoff vollgetankt wird, müssen die mit Lithium-Ionen-Akkus bestückten Elektrowagen erst einmal an die Steckdose. Der volle Ladevorgang dauert am 230-Volt-Hausanschluss etwa sechs Stunden. Deutlich schneller geht es an einer der knapp 700 dafür aufgestellten Zapfsäulen in Deutschland, die vor allem in größeren Städten und Ballungsgebieten zu finden sind. Etwa 20 Cent kostet eine Kilowattstunde. In die Batterie des weiß-blauen FEV-Fiat passen 12 kWh, in die des Karabag sogar 22 kWh. Letzteres reicht – je nach Fahrweise und Beladung – für bis zu 100 Kilometer Fahrstrecke.

Weil ein Großteil der Energie beim Bremsen durch Rekuperation zurückgewonnen wird, schafft der FEV-Fiat theoretisch etwa 80 km rein elektrische Fahrt (mit Range Extender 300 km), der Karabag kommt dank Rekuperation sogar auf 140 km. Bei den reinen Mobilitätskosten haben die E-Mobile also klar die Nase vorn. Statt etwa 7,50 Euro für Benzin müssen Kunden hier nur rund vier Euro je 100 Kilometer für Strom bezahlen. Dazu fahren sie absolut lautlos und emissionsfrei durch die Stadt und müssen keine Kosten für Ölwechsel oder andere Motor-Verschleißteile einplanen. Laut Batterieherstellern bauen die Akkus erst nach etwa 1000 Ladezyklen spürbar ab. Angst vor der Elektrotechnik braucht dabei niemand zu haben. Die Stromautos fahren sich so einfach wie ein herkömmliches Modell.

Man dreht den Zündschlüssel, schaltet den Wählhebel wie bei einer Automatik auf D und setzt sich lautlos in Bewegung. Das Anfahren und Rangieren gestaltet sich mit dem Aachener Modell von FEV deutlich einfacher. Die Kraftübertragung ist bewusst wie bei einem Automatikgetriebe ausgelegt – nimmt man den Fuß von der Bremse, rollt das Auto langsam los. Jetzt kann ohne Unterbrechung bis Tempo 120 beschleunigt werden. Doch vor allem der Sprint auf 60 km/h ist absolut beeindruckend. Ohne einen Laut schiebt der 500er aus dem Stand an und entlässt bis zu 180 Newtonmeter Drehmoment auf die Vorderräder.

Da können nicht mal die 100-PS-Sportversion des Fiat 500 (131 Nm) oder der 1,3-Liter-Diesel (145 Nm) mithalten. Der bunt beklebte Fiat von Karabag zeigt einen ganz anderen Charakter. Nimmt man hier den Fuß von der Bremse, passiert noch gar nichts. Erst beim Tritt aufs Gaspedal rollt die Fuhre an, lässt sich dabei aber deutlich schwieriger dosieren. Das Rangieren wird umso mehr zur Geduldsprobe, weil die Software beim Wechsel vom Vorwärts- in den Rückwärtsgang eine ausgeprägte Gedenksekunde braucht. Bei freier Fahrt beeindruckt aber auch hier die absolut ruhige Geräuschkulisse. Nur das Surren des Antriebs ist etwas deutlicher zu vernehmen. Wer in das Serienauto umsteigt, fragt sich gleich: Waren Benzinmotoren schon immer so laut?

Viel Lärm um Nichts – denn wer mit den Elektroautos annähernd mithalten will, muss die Gänge ordentlich ausdrehen. Im Vergleich zum entspannten Dahinrollen wirkt die Arbeit mit Kupplung und Schalthebel fast lästig. Elektromobilität heißt Spaß und Entspannung – soviel steht schon jetzt fest. Das Mehrgewicht von 150 Kilogramm merkt man beiden Elektroautos kaum an. Der Ballast geht hauptsächlich auf das Konto der Batterien. Im FEV-Modell sitzt der selbst entwickelte Akku flach unter dem Unterboden, im Fiat von Karabag versteckt er sich unter dem Kofferraum. Dieser Platz birgt zwei Nachteile. Zum einen wird die Last nur auf die Hinterachse verteilt, zum anderen schrumpft der mit 185 Liter ohnehin schon knapp bemessene Kofferraum. Der Ladeboden hebt sich um fast 15 Zentimeter. Das Heckabteil des weißblauen Aacheners bleibt hingegen auf Serienniveau, obwohl das Auto noch einen zusätzlichen Range Extender besitzt.

Auch hierfür haben die Entwickler einen perfekten Ort gefunden – der Wankelmotor sitzt zusammen mit dem Generator an der Stelle des herkömmlichen Benzintanks vor der Hinterachse und bezieht seinen Kraftstoff aus dem kompakten Zwölfliter-Tank daneben. Fällt der Ladezustand der Batterie auf unter 30 Prozent, springt der kleine Verbrenner fast unbemerkt und ohne spürbare Vibrationen an, um das Ladeniveau des Akkus zu halten und die Reichweite auf bis zu 300 km zu erweitern. Doch der Motor hat noch eine weitere Aufgabe. Im Winter muss er sowohl den Innenraum schnell aufheizen können als auch die Batterie auf Temperatur bringen, denn die Lithium-Ionen-Akkus funktionieren nur in einem bestimmten Bereich optimal. Zu diesem Zweck besitzt der bunte Karabag-Fiat eine 4,2- Kilowatt-Standheizung mit Achtliter-Tank. Die Komponenten nehmen auch hier den Platz des ursprünglichen Kraftstoffbehälters ein.

FAZIT
Diese zwei serienreifen Stromableger des Fiat 500 zeigen, wo Elektromobilität absolut Sinn ergibt: bei kleinen Stadtautos. Ob mit viel oder wenig Power – Spaß macht das lautlose Fahren in jedem Fall. Das Konzept mit Range Extender (Elektroplus Benzinmotor) überzeugt dabei auf ganzer Linie. Reichweiten um 300 km dürften keine Wünsche offen lassen. So würden wir am liebsten zum Fiat von FEV greifen – doch dieser Prototyp wird derzeit noch nicht in Serie gebaut.
Markus Schönfeld

FEV FIAT 500 LiiON DRIVE
ANTRIEB:  E-Motor: Permanentmagnet-Synchron - Range Extender: 0,3-Liter-Wankelmotor - Spitzenleistung: 60 kW (Elektro) -  Drehmoment: 180 Nm - Getriebe: 1-Gang - Antrieb: Vorderrad
ECKDATEN: Leergewicht: ca. 1150 kg - Batterie/Akku: Lithium-Ionen - Kapazität: 12 kWh - Spitze: 120 km/h - Reichweite: 80 km (el.), 300 km (mit R.E.) - Preis: nicht vorgesehen

KARABAG FIAT 500 E
ANTRIEB: E-Motor: Dreiphasen-Asynchron - Spitzenleistung: 30 kW - Drehmoment: rund 100 Nm - Getriebe: Direktantrieb - Antrieb: Vorderrad
ECKDATEN: Leergewicht: 1150 kg - Batterie/Akku: Lithium-Ionen - Kapazität: 22 kWh - Höchstgeschw.: 110 km/h - Reichweite: 140 km - Preis: 49.990 Euro

FIAT 500 1.2
ANTRIEB: Motor: 1,2-Liter-4-Zylinder - Leistung: 51 kW / 69 PS - Drehmoment: 102 Nm - Getriebe: 5-Gang - Antrieb: Vorderrad
ECKDATEN: Leergewicht: 1000 kg - Höchstgeschw.: 160 km/h - Tankinhalt: 35 Liter - Reichweite: ca. 650 km - Preis: 11.000 Euro

AUTO ZEITUNG

Tags:
Zmarta Autokredit
Autokredit

Jetzt den günstigsten Autokredit finden

Copyright 2017 autozeitung.de. All rights reserved.