Ferrari 458 Italia im Nordschwarzwald Faszination Ferrari 458 Italia

25.02.2011

Motorrad-Hausstrecke im Winter? Ein Ferrari 458 Italia beschleunigt im Nordschwarzwald sommerlich durch

Januar. Du schaust zum Fenster hinaus, draußen schneit es in dicken Flocken mittlerweile horizontal, es ist mittags kurz vor halb vier, und die Sonne – wahrnehmbar durch ein diffuses Hellgrau – biegt gerade in Richtung Atlantik um die Ecke. Na prima. Das neue Jahr fängt also wieder einmal zähflüssig schleppend an, weihnachtsvollgefressen und lichtentzugsdepressiv ist man nur ein Schatten seiner selbst. Und dann klingelt das Telefon. Der Anruf, den man einmal im Leben bekommt. Höchstens.

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„Riegsinger, da steht ein Ferrari FF: Vier Sitze und Allradauf Winterreifen in der Redaktion, der unbedingt bewegt werden will …“ – Schlagartig stellst du dein inneres Manettino auf „Sport“, die Säfte fließen wieder. Hochsommer im vegetativen Nervensystem. Manchmal hat man einfach Glück. In Serie: Am nächsten Morgen strahlt die Sonne durch klirrend kaltes Eisblau, die Straßen sind trocken und weitestgehend eisfrei, der Ferrari 458 Italia springt beim ersten Druck auf den Startknopf am Lenkrad an. Klaglos und ohne Zicken nach einer Nacht im Freien – von wegen italienische Diva.

IMMER NUR TRAKTIONSKONTROLLE ON IST LANGWEILIG
„Schatz, ich bin dann mal weg, nachsehen, wie die Motorrad-Hausstrecke im Winter aussieht.“ Das kopfschüttelnde „Du spinnst!“ höre ich schon nicht mehr richtig. Wenige Minuten später jubelt ein sonnengelber aus Richtung Pforzheim kommend die ersten Anhöhen des Schwarzwalds hinauf. Neuenbürg, Schwanner Warte, im Rückspiegel ein letztes Mal die dunstige, von glasigem Winterlicht konservierte Rhein-Ebene, dann verschluckt uns der Schwarzwald. So ein Sportwagen ist eigentlich ein guter Start in ein neues Jahr, denke ich, während der Viereinhalbliter singend unter den zentimeterhoch mit Schnee schockgefrosteten Tannenwipfeln hindurchfegt. 570 PS sind doch sehr nach vorn orientiert, das lässt einen die Vergangenheit im Nu vergessen.

Es zählt, was als Nächstes auf dem Windschutzscheiben-Radar auftaucht. Und eine grundlegende Weisheit gilt auch für 2011: Immer nur Traktionskontrolle ON ist langweilig … Dass es aber auch in diesem hoffnungsvoll anbrechenden Jahr nicht schaden kann, sich gute Freunde zu bewahren, wird mir auf dem schmalen Sträßchen zwischen L 339 und der Forellenzucht an der Eyachbrücke klar: Blinde Kurve um eine Felsnase herum, und plötzlich steht der Faszination McLaren: MP4-12C und F1 LMmit allen vier Rädern auf Eis. Einen Herzschlag lang geht überhaupt nichts mehr, knappe 200.000 Euro seifen haltlos in Richtung Waldesruh. Beim ersten Hauch von Traktion packen die Sicherheitsnetze des CST (ESP) aber souverän zu, ich entgehe dem allzu frühen und unwirschen Aus um die berühmte Haaresbreite.

Wieder etwas gelernt: Was im Sommer auf zwei Rädern im dritten Gang voll geht, muss im Winter auf allen Vieren nicht unbedingt ähnlich klappen. Im Autoradio wird gerade sowieso für Ende 2012 die Apokalypse angekündigt, in knapp zwei Jahren endet die Zeitrechnung der Maya, also große Aufregung auf der Achse des Bösen von Boulevard-Medien bis zu esoterischen Weltuntergangstheoretikern. Auch wenn ich die Achse der Bö(r)sen und ihren jüngsten Overkill-Versuch wesentlich bedrohlicher finde, ist es durchaus als metaphorische Handlung zu verstehen, wenn ich den Manettino-Drehregler für die Fahrprogramme des 458 wieder auf „Comfort“ zurückdrehe.

Lieber etwas ruhiger angehen lassen und ankommen, denn zumindest die nächsten zwölf Monate – ob mit amoklaufenden Maya oder ohne – möchte ich nicht gerade mit einem total geschädigten Ferrari einläuten. Den folgenden Kilometern der B 294 und L 351 entlang habe ich zwangsweise genügend Muße zur spirituellen Betrachtung: Lkw und Flachland-Ausflügler in Schnee-Schreckensstarre wälzen sich in elefantösem Zuckeltrab Richtung Süden. Der dahintrödelnde Ferrari in Safety Car-Phase auf Position 38 regt die Mitbürger in den Autos Nummer 37 (Limousine, obere Mittelklasse, silber) und Nummer 39 (Uralt-Corsa, Böser- Blick-Scheinwerfer-Abdeckungen, Ich-wäregern-Audi-Nachrüst-LEDs) zu eifrigen Empathiebekundungen an.

Höhnisches Winken, grüßende Mittelfinger, herzliches Gelächter. Haha, so ist das eben mit diesen ultrateuren, klimakillenden Kompensations-Fahrzeugen für kleingewachsene Männer: Beim ersten Stau stehen die auch, höhö, recht so … Wenn die wüssten. Ich genieße die Fahrt gerade in vollen Zügen: Es ist immer wieder verblüffend, wie kompetent, souverän und energievollgesogen sich so ein Vier Supersportwagen im Vergleichselbst bei artfremder Fortbewegung verhält.

Das Lenkrad liegt ausgewogen in der Hand, der Straßenzustand läuft wie ein stetiger, weicher Dialog durch die Hände, das Fahrwerk tastet mit herzanrührender Verbindlichkeit über den Asphalt. Direkt hinter den Sitzen schmeichelt und brodelt ein ultrahocherhitzter Reaktor, der genug Dampf hat, um den 458 selbst bei Schritt und versammeltem Trab im siebten Gang lässig, rotzig, emotional anzuschieben. Maximale Tiefenentspannung im Ferrari ist definitiv machbar. Von dieser Welt haben die feixenden Sozialneider in ihren vollgefilterten Volks-Wagen keine Ahnung.

NACH EINER STUNDE FAHRT IST DER FLOW-STATUS ERREICHT
In Bad Wildbad ist Schluss, die Meute biegt rechts ab, der Ferrari saugt sich nach links durch einen Tunnel hinaus auf die harmonisch dahinfließende L 351, kurz hinter Christophshof lasse ich den 458 Italia die Höhenmeter hinauf zum Kaltenbronn wedeln. Im Sommer einsame Super-Kurven zum Motorradfahren und der Einstieg auf einen herrlich schaurigen Moorwanderweg – im Winter ein endloser Parkplatz für Skifahrer. Die Urlauber starren mit geschulterten Skiern den heiser heranröchelnden Ferrari entgeistert an, ich wende und flüchte wieder hinunter ins Tal.

Über die K 4772 treffen wir kurz vor Besenfeld wieder auf die B 294. Majestätisch über den Baumwipfeln kreisende Windräder, eine dunkle Eisbahn zwischen den Fichten. Spätestens jetzt bin ich im Flow, bei Baiersbronn strömt der Ferrari hinunter ins Murgtal. Regelrecht begnadet ist nach etwas Eingewöhnungszeit die ausschließliche Bedienung übers Lenkrad. Blinker, Fernlicht, Scheibenwischer, ESP-Funktionen, Schalten – alles in direktem Zugriff.

Ich meine, mittlerweile beinahe in den Schalensitzen festgewachsen zu sein. Nächster Versuch hinauf zur Schwarzenbachtalsperre, aber auch hier leidet die Straße an Blechverstopfung durch Wintersportler. Schnelle Wende, bevor ich zur Landstraßen-Thrombose mutiere. Forbach, Gernsbach, dann surft der Ferrari 458 über Loffenau und Bad Herrenalb dem Ende der schnellen Runde durch den Nordschwarzwald zu. Die letzten Kilometer lege ich unter einem warmen Schleier aus Abendsonne zurück. Alles glüht im Gleichklang, ich bin ganz im Jetzt. Zumindest einen guten Vorsatz für 2011 habe ich bereits eingelöst.
Johannes Riegsinger

TECHNIK
 

Ferrari 458 Italia
Motor V8-Zylinder, 4-Ventiler
Hubraum 4499 cm3
Leistung bei 570 PS (425 kW)
bei 9000/min
Max. Drehmoment bei 540 Newtonmeter Drehmoment
bei 6000/min
Getriebe 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk Zweitüriges Mittelmotor-Coupé,
selbsttragende Aluminium-Karosserie
mit Kohlefaser-Anbauteilen;
v.: doppelte Dreieckslenker;
h.: Mehrfachlenkerachse;
rundum: Federn, adaptive Dämpfer,
Stabilisatoren; CST (ESP);
Bremsen rundum: innenbelüftete
Karbon-Keramik-Scheibenbremsen
Bereifung v.: 235/35 ZR 20,
h.: 295/35 ZR 20
L/B/H 4527/1937/1213 mm
Radstand 2650 mm
Leergewicht 1485 kg
FAHRLEISTUNG /
VERBRAUCH
 
0-100 km/h 3,4 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 325 km/h
EU-Verbrauch 13,3 l SP / 100 km
KOSTEN  
Grundpreis ab 194.000 Euro

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