Supersportwagen: Lamborghini Gallardo und McLaren MP4-12C

Rasante Raritäten

Lamborghini Gallardo Supertrofeo Stradale mit 570 PS und McLaren MP4-12C mit 600 PS auf freier Strecke: Mit zwei exotischen Extremisten auf Tour in Italien

Der eine ist die straßentaugliche Ausgabe eines GT-Racers, der andere ein Straßensportwagen, der sich jederzeit in einer Startaufstellung einreihen dürfte: Lamborghini Gallardo LP 570-4 Supertrofeo Stradale und McLaren MP4-12C. Wir toben mit beiden Boliden einen Tag lang über die endlos kurvigen Bergsträßchen der Emilia Romagna und versuchen nach Kräften, bis ans Limit zu gehen.

Schon der Start im Innenhof des Parkhotels Rechigi am Stadtrand von Modena ist pure Dramatik: Dem kurzen Winseln des Anlassers folgt ein metallisch-heiserer Ton zwischen Bellen und Rotzen. So klingt nur ein Lambo-V10 mit Sportauspuff! Nicht weniger kraftvoll, aber vom Charakter eher organisch brodelnd wie ein klassischer Ami-V8, meldet sich der Biturbo im Heck des Briten zu Wort – ebenfalls mit lustvoll röhrendem Sportauspuff.

Zumindest, wenn es dem Fahrer geglückt ist, die Türen des MP4 zu öffnen. Statt profaner Griffe besitzt dieser nämlich berührungssensible Flächen in der Flanke, die per Wischbewegung den Zugang freigeben. Das sieht natürlich extrem cool aus, zumal die Türen anschließend nach vorn oben aufschwingen – wenn’s klappt. Wedelt der Fahrer jedoch in Hockstellung hilflos neben dem Auto herum, kann die Prozedur rasch peinlich wirken. Ab Herbst wird darum ein schlichter, dezent angebrachter Knopf die Touch-Technik ersetzen.

McLaren MP4-12C: Auf den ersten Metern ein mulmiges Gefühl

Der Einstieg verlangt nach Gelenkigkeit, um angemessen lässig über den wuchtigen Seitenschweller zu gleiten, ohne sich dabei den Kopf anzuschlagen. Das zentrale Karbon-Monocoque bedingt die breiten Schweller, sorgt aber auch für eine sensationelle Verwindungssteifigkeit, ein niedriges Gewicht und ein ordentliches Platzangebot. Überdies sitzt man sehr bequem und fühlt sich auf Anhieb perfekt ins Auto integriert.

Allerdings ist die Sitzposition sehr weit nach vorn verschoben, was auf den ersten Metern ein mulmiges Gefühl verursacht. Schließlich wollen wir den knallorangefarbenen Exoten auf unserer ersten Spritztour nicht gleich verdellen. Wenn bloß die Lenkung nicht so rasiermesserscharf und blitzartig auf jede Vorgabe reagieren würde! Doch wir gewöhnen uns rasch daran, auf der Raketenspitze zu sitzen und vom bestialisch anfeuernden Biturbo-V8 getrieben zu werden. Herrlich!

Das Raumgefühl im schärfsten aller Gallardo-Typen ist trotz der üppigen Breite ein wenig beengt, woran sicherlich auch die kompromisslosen Karbon-Schalensitze mit Alcantra-Bezügen und Hosenträgergurten ihren Anteil haben. Kleiner Tipp: Wenn Sie je die Gelegenheit haben, hier Platz zu nehmen, schließen sie die Tür, bevor Sie das Gurtgewirr festzurren – danach erreichen Sie die kleine Zuziehschlaufe nämlich nicht mehr. Ein prüfender Blick in den Rückspiegel zeigt – den gewaltigen Heckflügel. Na ja, die knallrote Flunder müssten dafür die anderen Verkehrsteilnehmer rechtzeitig sehen oder hören...

Rosso Mars – eXKluSiVe farbe fÜr den Supertrofeo Stradale

Die Lackierung ist übrigens eine Reminiszenz an die Farbgebung historischer, italienischer Rennwagen und dient der auf 150 Exemplare limitierten Sonderserie Supertrofeo Stradale als Exklusivfarbe. Auch der einstellbare Karbon-Flügel sowie die mit Schnellverschlüssen gesicherte Karbon-Haube über dem 570 PS starken Motor sind dem Maximal-Gallardo vorbehalten. Seine Technik entspricht hingegen jener der Superleggera-Modelle.

Auch der MP4 trägt einen exklusiven Farbton: McLaren-Orange. Steht ihm gut. Zwar tritt er ziviler auf als der brachiale Lambo, doch der Reiz des Unbekannten verhilft dem rassigen Supersportler aus UK zu maximaler Aufmerksamkeit. Und das ausgerechnet hier, wo Lamborghini zu Hause ist und auch Ferrari und Pagani lediglich einen Steinwurf weit weg wohnen. Dass er Respekt verdient, beweist er, sobald man aufs Gas tritt: Explosionsartig reißt der V8 an. Turboloch? Nicht im Mindesten! Doch der 12C schiebt nicht nur unglaublich an, er wedelt auch absolut sensationell behände über die welligen und kurvigen Pisten.

Völlig ohne Anstrengung erreichen wir irrwitzige Geschwindigkeiten, die weit jenseits aller tolerierten Limits liegen. Dabei haben wir den Grenzbereich des McLaren bestenfalls angekratzt. Traktion, Seitenführung, Bremsen – der MP4-12C meistert sämtliche Anforderungen mit Bravour und gibt sich dabei noch nicht einmal ungebührlich steifbeinig. Vielmehr verblüfft er mit einem beachtlichen Abrollkomfort, der es ermöglicht, selbst längere Autobahn-Etappen lässig abzuspulen.

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