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Mercedes Flügeltürer: SLS AMG und 300 SL

Mercedes SLS AMG | Mercedes 300 SL

Seit 50 Jahren wartet die Sternen-Gemeinde auf einen würdigen Nachfolger des legendären Flügeltürers W198 . Jetzt ist er da – in Gestalt des neuen Mercedes SLS AMG

Einmal, zu Beginn der 70er Jahre, waren sie in Stuttgart kurz davor: Mit dem C111 hatte Mercedes einen Sportwagen am Start, der Fachpresse und Publikum nicht weniger elektrisierte als der Mercedes 300 SL mit den Flügeltüren von 1954. Der orangefarbene Flachmann mit Flügeltüren, Kunststoff-Karosserie und 350 PS starkem Vierscheiben-Wankelmotor schien der ersehnte Nachfolger zu sein. Doch offenbar verließ damals die Verantwortlichen der Mut. Trotz aller Lobeshymnen hieß es aus der Konzernzentrale, der C111 sei nur ein Forschungsauto gewesen, eine Serienfertigung nie geplant, und überhaupt verabschiede man sich von der verbrauchsintensiven Wankeltechnik. Aus der Traum.

Bis jetzt: Denn mit dem auf der diesjährigen IAA zum ersten Mal öffentlich gezeigten Mercedes SLS AMG hat die Marke mit dem Stern wieder einen Sportwagen im Programm, der mehr als nur oberflächlich an den fast schon mystisch verklärten Vorgänger mit dem Werkscode W 198/I erinnert. Nicht nur wegen der Flügeltüren: Wie vor 50 Jahren zeigt der SLS, was bei einem Supersportwagen machbar und wünschenswert ist.

Ein schweres Erbe: Der Hightech-Sportwagen von 1954 basierte auf dem erfolgreichen Rennwagen W194. Wie bei der Motorsportversion spannte sich eine knappe Karosserie über einen Gitterrohrrahmen aus filigranen Röhrchen. Für große Türen war kein Platz, zwei nach oben öffnende Klappen gewährten Zugang zu dem einfachen Interieur. Das bestand im Wesentlichen aus zwei schmucklosen Schalensitzen, einem großen Bakelitlenkrad und zwei Instrumenten für Drehzahl und Tempo.

So richtig revolutionär war der Mercedes 300 SL unter dem aufregend schönen Blechkleid. Der Rohrrahmen umschlang einen mächtigen Reihensechszylinder, der im Grunde seines Kurbelgehäuses aus der Repräsentations-Limousine 300 stammte. Doch statt der braven 115 PS der Limousinenversionen leistete er 215 PS. Benzin-Direkteinspritzung und Trockensumpfschmierung unterschie-den den SL-Motor unter anderem vom Basissechszylinder.

Mercedes SLS AMG: V8 mit 571 PS

Dass die Leistungsangabe eher tief gestapelt war, konnte jeder erfahren, der seinen Flügeltürer mit der längsten verfügbaren Hinterachse geordert hatte: Bis zu 260 km/h schnell lief dann das Sternen-Coupé. Dieses Tempo erreicht der neue Flügeltürer fast schon mit Leerlaufdrehzahl. In 50 Jahren haben sich die Maßstäbe etwas verschoben. Unter der Haube des SLS AMG sitzt ein 6,2 Liter großer V8, der allerdings 6.3 heißt.

Der moderne Achtzylinder hat nicht nur den doppelten Hubraum, er ist auch mehr als doppelt so stark: 571 PS und 650 Newtonmeter Drehmoment waren 1954 allenfalls bei einem Flugzeugtriebwerk denkbar. Und die 3,8 Sekunden für den Spurt auf 100 km/h sowie das Höchsttempo von 317 km/h (Werksangaben) hätte man ebenfalls einem Flugobjekt zugeschrieben. Damit reiht sich der SLS heute imposant im Reigen der Supersportler vom Schlage eines Porsche GT2, Lamborghini Murciélago oder Ferrari 599 ein.

Beim Leistungsgewicht eröffnet der SLS im Vergleich mit seinem Urahnen ebenfalls neue Horizonte: Jede der 571 SLS-Pferdestärken muss nur halb so viel Gewicht mitschleppen wie beim alten Flügeltürer. Dank Aluminium-Spaceframe zählt der neue Mercedes-Supersportler eher zu den Leichteren seiner Art. Und die Transaxle-Bauweise mit dem Getriebe an der Hinterachse ermöglicht eine ausgewogene Gewichtsverteilung, die viel gepfleg-te Querdynamik verspricht. Auch das war beim Alten anders. Mit seiner hinteren Pendelachse zählte er zu den gefürchteten Heckschleudern seiner Epoche.

Fast zierlich wirkt der W 198 heute auf seinen schmalen 15-Zöllern. Was aber nichts an dem Urteil ändert, das schon vor Jahrzehnten über den Flügeltürer gefällt wurde: Das Design aus der Hand des damaligen Karosseriebau- und Entwicklungschefs Karl Wilfert ist ein Jahrhundertentwurf. Es hat nichts von seiner elementaren Faszination verloren. Jede Linie passt, jeder Quadratzentimeter Blech hat eine Funktion, keine Sicke, keine Bügelfalte zu viel.

Da hatten es die Designer des SLS ungleich schwerer. Denn bekanntlich gibt es im Automobildesign nichts Undankbareres, als den Nachfolger einer Ikone zu entwerfen. Hält man sich zu eng und historisierend an das Original, heißt es: „Nur abgekupfert, alles Retro.“ Schneidet man die alten Zöpfe selbstbewusst ab, heulen die Traditionalisten auf und beweinen den Untergang des Abendlandes. Wilfert musste nur einen Gitterrohrrahmen mit Blech verhüllen. Aber wie hüllt man ein Spaceframe in Aluminium?

Die Sternen-Designer von heute haben exzellente Arbeit abgeliefert. Der SLS steht stattlich da, zitiert den Vorgänger vorsichtig und mit viel Fingerspitzengefühl, vergisst aber auch nicht, dass er ein Supersportwagen des beginnenden 21. Jahrhunderts ist. Dem Interieur fehlt die schmucklose, nüchterne Funktionalität des 300 SL.

Doch der AMG bleibt stets mehr Fahrmaschine als Luxuscoupé. Er wird sich blendend verkaufen, besser vermutlich als sein Vorgänger, vom dem lediglich rund 1400 Exemplare entstanden. Er steht ab 177.310 Euro in der Preisliste. Für einen 300 SL im Topzustand wird etwa das Dreifache aufgerufen. Dagegen ist der Neue ein echtes Schnäppchen. 
Heinrich Lingner

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Mercedes 300 SL

PS/KW 216/159

0-100 km/h in 7.50s

Hinterrad, 4 Gang manuell

Spitze 260 km/h

Preis 500.000,00 €

Mercedes SLS

PS/KW 571/420

0-100 km/h in 3.80s

Hinterrad, 7-Gang-Doppelkupplung

Spitze 317 km/h

Preis 177.310,00 €