Faszination: Rolls Royce Ghost EWB und Bentley Mulsanne

Herrschafts-Zeiten

Wenn zwei großvolumige Dampfmaschinen zusammen gute fünf Tonnen Materie über schmale Landstraßen schießen, dass sich das samtweiche Leder auf den Sitzen kräuselt - dann ist das die ganz feine, englische Art

Das reicht nie im Leben! Selbst wenn wir jetzt in einem Mini säßen, würden wir instinktiv die Luft anhalten, den Kopf zwischen die Schultern klemmen und bis hinunter zu den Pobacken alles zusammenkneifen, was einen irgendwie schmaler macht. Sogar der sonst so erhaben am äußersten Kühlerende dahineilende "Geist der Verzückung“ scheint gerade die Flügel einzuziehen. Wumm! Nur wenige Zentimeter entfernt rauscht ein irischer 40-Tonner an unserem Rolls-Royce Ghost vorüber, der Fahrer erzählt gerade lachend etwas dem Handmikrofon seines CB-Funkgeräts.

Mit Bentley und Rolls-Royce Unterwegs in England

Uns steht dagegen der kalte Angstschweiß im Nacken. Weshalb kommen eigentlich die gewaltigsten Limousinen ausgerechnet aus einem Land, dessen Durchschnitts-Landstraße nicht breiter als ein Feldweg, im Regelfall von Hecken oder Bäumen gesäumt und obendrein beängstigend dicht befahren ist? Eine sehr essenzielle Frage, und dabei hat es uns doch einfach nur - von komplett durchschnittsdeutschen England-Klischees beseelt – auf die Insel verschlagen, um dort einmal den Ghost EWB auszuführen und nachzusehen, wie sich der "Extended Wheelbase“ denn so im Vergleich mit Bentleys Mulsanne fährt. Als EWB kommt der Einstiegs Rolls-Royce dem Top-Bentley nämlich ganz nahe – nicht nur in Sachen Fahrzeuglänge, sondern auch preislich.

Wir hatten jedenfalls an adeliges Dahingleiten gedacht, den knirschenden Kies herrschaftlicher Anwesen unter den Reifen und gelegentliche Einkehr zum Tee vorgesehen. Mit einem Schuss Sahne. Und nicht mit vom Schwerlast-Gegenverkehr abgeschossenen Außenspiegeln. Tapfer tasten wir uns in den XXL-Limousinen weiter, und tatsächlich kommen wir den Luxus-Gleitern näher, verwachsen mit dem Material, und plötzlich erstrecken sich die inneren Antennen tatsächlich über die ganzen fünfeinhalb Meter Fahrzeuglänge und bis in die Außenspiegel. Den nächsten Lkw nehmen wir mit kühn zusammengekniffenen Augenlidern, die Lenkräder werden mit entspannt aufgelegten Fingerspitzen geführt. Geht doch.

Und dann ist schlagartig klar, weshalb diese Autos aus England kommen müssen: Die Breite der Straßen ist keineswegs prägendes Hauptmerkmal, sondern ihre Härte. Irgendwann in den 50er-Jahren scheint das letzte Mal Asphalt spendiert worden zu sein – und nun kurvt der dichte Verkehr des 21. Jahrhunderts über schiefe, löchrige, ausgefranste Sträßchen, deren Layout aus dem Mittelalter stammt. Oder von den Römern. Kein Scherz.

Klar, dass die Engländer also die Kunst perfektioniert haben, Autos zu bauen, die überirdischen Komfort mit federleichter Beweglichkeit verbinden. Für den Fall, dass Sie an feines Leder und Wurzelholz denken – was sowohl Rolls-Royce als auch Bentley in Wirklichkeit ganz substanziell ausmacht, ist jenes fokussierte, unkompliziert-aufgeweckte Handling, das es einem ermöglicht, mit Stil und Anstand stundenlang durchs unaufhörliche Grün zu kreuzen. Als zivilisiertes Wesen also. Ohne Rückenschmerzen. Ohne rüttelnde Karosserie. Ohne rumpelnde Räder.

Ganz verwegen formuliert: Die Deutschen legen topfebene Straßen mit genormten Kurvenradien an, um Otto-Normalfahrer nicht zu verschrecken, und bauen dann sportlich-straffe Autos – die Engländer lassen die Straßen einfach so, wie sie sind, und bauen Autos, die mit all dem organisch gewachsenen Straßen-Wirrwarr zurechtkommen. Irgendwie gar nicht so dumm. Und auch wenn sich die Engländer mittlerweile aufgrund des unerhörten Teil-Ablebens der eigenen Automobil-Industrie in - für ihren Teil der Welt - viel zu harten Audi und BMW von Schlagloch zu Kopfsteinpflaster plagen müssen, sind uns doch die großen Luxus-Marken geblieben, die nach wie vor gekonnt vorführen, wie man ein wirklich tolles Auto baut. Ein Auto, bei dem nicht etwa der starre Blick auf möglichst innovative Technologie im Vordergrund steht, sondern der respektvolle Blick auf den Menschen. Ganz schön altmodisch. Bei näherer Betrachtung ist das jedoch der eigentliche Luxus dieser Marken.

Ganz konsequent geht hier Rolls-Royce vor. Allein wie die gegenläufigen, fast 90 Grad weit öffnenden Türen Passagiere beim Einsteigen
gegen Verkehr von hinten abschirmen, ist ein regelrecht anrührendes Erlebnis. Bereits der „normale“ Ghost ist ein großzügig geschnittenes Automobil, der EWB treibt das Raumgefühl aber auf die Spitze. Woanders würde man dann hyperkomfortable Business-Class-Sitze montieren, doch bei Rolls-Royce sieht man das persönlicher: In Schulterhöhe ist die Fondsitzanlage bis zu den Türen gezogen, die so entstandene Lehnen-Rundung soll es den Insassen ermöglichen, einander zugewandt geistreiche Konversation zu betreiben.

Teil 2 und die technischen Daten gibt's hier

Autor: Johannes Riegsinger

 

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