Reportage: Lamborghini Gallardo und Aventador in China

Neue Welt

China verlangt nach Luxus. Lamborghini liefert ihn. Jeder fünfte Supersportler aus Sant’Agata Bolognese wird hier verkauft. Selbst in der inneren Mongolei sind die Italiener auf Eroberungsfeldzug

Das Thermometer zeigt minus 30 Grad Celsius an. Diffuse Lichter spiegeln sich in der Eisschicht, die die Straße überzieht. Voll geladene Mopeds mit riesigen Ladeflächen kreuzen wahllos den Weg. Sie kommen plötzlich aus der Dunkelheit der tiefschwarzen Nacht und Verschwinden auch wieder dorthin. Die Szenerie gleicht der aus einer anderen Welt.

Der orangefarbene Lamborghini Gallardo vor dem Hotel wirkt da wie ein Besucher aus einer andere Galaxie. Sein V10 brodelt entspannt vor sich hin und gegen die Kälte an. Die erste Chance, die sich bietet, soll man nutzen. Also rein in den schmalen Schacht zwischen Seitenschweller und Mitteltunnel. Allerdings nur auf den Beifahrersitz. Wer keinen chinesischen Führerschein besitzt, darf nicht auf öffentlichen Straßen fahren. Der mongolische Fahrer lässt aber keinen Zweifel daran, dass er weiß, was er tut. Der Zehnzylinder schmettert seine Arie gegen die grauen Betonfassaden. In der letzten Kurve treibt der Fahrer den Lambo quer ums Eck – ein zarter Vorgeschmack.

Mit laMBoRGHini auf eis unD sCHnee

Wir sind angekommen – in Hailaer, gut 1100 Kilometer nördlich von Peking. Lamborghini hat eingeladen zur Winter Academy. Lamborghini fahren auf Eis, keine schlechte Idee. Ab Mitte September zieht hier der Frost ein und bleibt bis Mitte April. Chinas Kältekammer mitten in der inneren Mongolei.

Die Italiener sind auf Eroberungsfeldzug in der riesigen Volksrepublik. Mehr als 1,3 Millionen Menschen streben nach Wohlstand. Einige können ihn sich bereits ausgiebig leisten – ein Paradies für Luxusmarken. Das Land, das 117 Mal so groß ist wie Deutschland, ist nach den USA der wichtigste Absatzmarkt für Lamborghini. Jeder fünfte Supersportler verlässt die Hallen Sant’Agatas in Richtung China – Tendenz steigegend. Und die große Einheitspartei spielt mit. Sie verdient gut am Luxus. Sie lässt das Volk gewähren. Spaß ist erlaubt, Kritik nicht.

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Wir sitzen im Bus Richtung Testgelände. Nur eine kleine Stelle in der von innen zugefrorenen Scheibe gibt den Blick auf die mit Schnee überzogene Steppe frei. Kein Baum weit und breit. Stromleitungen, die von riesigen Kohlekraftwerken aus das Land mit Energie versorgen, prägen die Landschaft. Die stundenlange Busfahrt im schon sehr betagten Gefährt schlaucht. Schnee, soweit das Auge reicht. Mittendrin liegt ein zugefrorener See mit sauber vorbereiteten Strecken. Die vorgeheizten Innenräume der auf dem Eissee wartenden Gallardo werden zur Wohlfühloase.

Und die kommunistische Partei Chinas wacht über allem. Auch über uns. Der nette Herr vorn im Bus ist weder Journalist noch von der Agentur oder gehört gar zur Mannschaft von Lamborghini. Er ist von der Partei. Solange wir der geplanten Route folgen, blickt er friedlich in die Weite. Und während wir auf dem zugefrorenen See unsere Runden drehen, vergnügt er sich am Buffet. Von uns geht keine Gefahr aus.