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Renault Alpine A110 und Lotus Exige S

Weniger ist mehr

Viel hilft viel? – Bah! Leichte Autos waren schon immer klüger. Den dramatischen Beweis führen ein aktueller Lotus Exige S und ein Renault Alpine A110 von 1970

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» Renault Alpine A110 von 1970 – zur Bildergalerie

Für den Fahrer des schwarzen SUV-Boliden sind heute Lektionen in Demut angesagt. Immer wieder saugt sich der feiste Offroader von hinten langsam an, wird in den Außenspiegeln des Lotus Exige S beinahe formatfüllend – um dann in der erstbesten langgezogenen Autobahnkurve taumelnd und untersteuernd weit zurückzufallen. Der kleine englische Sportwagen ist mit seinem Rennstreckenerprobten Aerodynamikpaket selbst bei Höchstgeschwindigkeit von 245 km/h noch mit sattem Anpressdruck unterwegs. Ganz zu schweigen davon, dass die 2,3 Tonnen des über 500 PS starken Geländewagens in den hart angegangenen Kurven unwiderstehlich geradeaus schieben, während die 935 Kilogramm des Exige ein vergleichsweise geringes Trägheitsmoment aufbauen.

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Im Lotus bleibt der Blutdruck des Fahrers leicht über Ruhepuls, während in der SUV-Schrankwand vermutlich gerade die Sitzlüftung aktiviert wird, um die durchgeschwitzte Hose nicht allzu penetrant an den zitternden Knien kleben zu lassen. Nach 60 Kilometern Jagd gibt der SUV-Treiber auf – und biegt rechts zur nächsten Tankstelle ab.

Der Lotus Exige strebt munter weiter seinem Ziel entgegen. Wir haben schließlich eine Verabredung. In Minden wartet Heinz-Christian Kleinemeier auf uns, seinen Renault Alpine A110 hat der rührige Renault-Händler schon einmal warmlaufen lassen. Knurrend und kernig röhrend knarzt sich der kleine 1,3-Liter-Vierzylinder im Heck des flachen, blauen Sportwagens aus Frankreich frei.

Die Maschine aus dem legendären Renault R8 Gordini ist nach längerer Standzeit verblüffend problemlos angesprungen. Dabei handelt es sich nicht um eine der vielen Straßenversionen, sondern um einen werksgetunten Rennmotor mit 130 PS. Lediglich der Sprit-Tank des alten Pisten-Jägers muss sich Inkontinenz vorwerfen lassen. Die Konstruktion aus verschweißten Kunststoffplatten hält den Sprit nicht mehr, für eine Reparatur müsste die Kunststoffkarosserie des A110 regelrecht auseinandergesägt werden. Der leidenschaftliche Automobil-Sammler Kleinemeier (Jeder Mensch braucht einen Vogel – meiner sind die alten Autos ) hat sich für die gemeinsame Ausfahrt mit dem fast 40 Jahre jüngeren Lightweight-Seelenverwandten aus England etwas einfallen lassen und kurzerhand den im Beifahrer-Fußraum deponierten Tank eines Boots-Außenborders mit den Vergasern des Gordini-Motors verbunden.

Nach 500 Kilometern auf der Bahn wirft sich der Lotus Exige S geradezu leidenschaftlich in die finale Autobahnausfahrt. Endlich richtige Kurven. Endlich das tun, was echten Sportwagen am allerliebsten ist: über kleine Sträßchen fegen, sich hingebungsvoll in jeden Kurvenradius schmiegen, anbremsen, Zwischengas geben und mit krähenden Drehzahlen hinaus auf die Gerade feuern.

Schließlich rollt der Exige auf den Parkplatz bei Kleinemeiers. Ganz entgegen der knalligen Optik in Perlmutt-Orange alias Burnt Orange ist der Exige S bei ziviler Gangart erstaunlich leise. Richtig los legt die direkt hinter dem Fahrer platzierte Antriebseinheit erst bei höheren Drehzahlen: Dann schnorchelt der Luftansaugtrakt auf dem Dach, das Sechsganggetriebe singt kreischend, der Kompressor heult hemmungslos, die Mechanik des Ventiltriebs tickert in Drehzahl-Ekstase, und der Auspuff orgelt rustikal.

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Gegen das gutturale Röhren des Gordini-Fours klingt der Neuzeit-Lotus aber fast zurückhaltend. Eine Gemeinsamkeit fällt hingegen bereits beim ersten Probesitzen auf: Sowohl der Lotus als auch der Alpine sind perfekt auf den Fahrer zugeschnitten. Klar auch: Beide Autos sind als feinste Fahrmaschinen gedacht, da wundert es kaum, dass man sich diese Geräte überstreift wie einen gut angetragenen Lederhandschuh. Große, fast komfortable Schalensitze im Lotus, saugende Lederschalen im Alpine. Und auch die Ergonomie passt in beiden Sportlern perfekt. Höchstens der Falt-Einstieg in den Exige S schreckt ab, und im A110 sind die nach rechts gedrängten Pedale gewöhnungsbedürftig.

Vorsichtig fällt der erste Gang ins Getriebe des Renault Alpine. Die Renngetriebe waren schon vor 40 Jahren keine Standfestigkeitswunder. Nach wenigen Metern ist aber klar: Kleinemeier wird heute einen guten Tag haben. Der kleine Vierzylinder des A110 ist kein Drehmomentbeißer, aber er hängt am Gaspedal wie eine Kopierfräse an der Vorlage. Selbst millimeterkleine Gaspedal-Eingaben beantwortet der 1,3-Liter mit sofortigem Angreifen. Und wenn die federleichte Fuhre einmal in Fahrt ist, kennt der legendäre Gordini-Motor kein Halten mehr: Trotz des antiquierten Stößelstangen-Ventiltriebs jubelt der Vierzylinder willig bis in höchste Drehzahlen hinauf.

Minuten später schlenzen wir in scharfer Gangart über die kleinen Sträßchen im Hinterland, beschleunigen mit aller Nachdrücklichkeit des geringen Gewichts, biegen mit der Eleganz des knackscharfen Chassis ab. Erst am späten Nachmittag schließt Heinz-Christian Kleinemeier wieder nachdenklich das Garagentor hinter dem blauen A110: Eigentlich wollte ich ja zuerst den 1,6-Liter fertig restaurieren, den ich gerade in Arbeit habe. Aber jetzt habe ich mich in der letzten Stunde so heißgefahren, dass ich nun erst mal den Tank flicken werde.

Zehn Minuten später stürmt der Lotus Exige S wieder auf die Autobahn Richtung Süden. Fünf Stunden später wird uns das ungefilterte Toben der Kompressor-Maschine im dünnhäutigen Aluminium-Chassis einen tauben Pelz in die Gehörgänge gefräst haben. Und trotzdem: Gegen diese Leichtgewichts-Helden sind andere Autos fade, belanglose, pure Langeweile. Weniger ist eben einfach mehr.
Johannes Riegsinger

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Renault Alpine A110

PS/KW 131/96

0-100 km/h in k.A.

6 Gang manuell, 5 Gang manuell

Spitze 217 km/h

Preis k.A.

Lotus Exige S

PS/KW 243/179

0-100 km/h in 4.30s

6 Gang manuell, 6 Gang manuell

Spitze 245 km/h

Preis 52.100,00 €