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Porsche 356 Speedster und Boxster GTS auf James Deans Spuren

Jenseits von Eden

Im September 1955 verunglückte James Dean an einer Straßenkreuzung bei Cholame/Kalifornien tödlich. 60 Jahre später fahren wir in Porsche 356 Speedster und Boxster GTS auf Deans letzter Route

Die California State Road 446 zwischen Lost Hills und Shandon ist verschwunden. Früher wand sich die Straße postkutschenmühselig über die „Verlorenen Hügel“ – heute durchschneidet die an ihre Stelle getretene SR 46 die graubraunen Berge im wüstenhaften Nichts nordwestlich von Bakersfi eld mit dem straßenplanerischen Pragmatismus der Postmoderne: schnurgerade, Topographie-ignorierend, zum Schreien langweilig. Von der alten 446 ist nur noch ein Feldweg nebenan geblieben, ein staubiges Band, das kaum noch erkennbar aus den Hügeln herunterkurvt und nach einer endlos langen Gerade erst auf Höhe der Abzweigung zur State Road 41 wieder den alten Streckenverlauf trifft. Genau zu dieser Stelle wollen wir. Hier verunglückte am frühen Abend des 30. September 1955 der 24-jährige Schauspieler James Dean in einem Porsche 550 Spyder tödlich – der Unfall entfaltete sich beinahe banal. Was allerdings später an Legenden und Verschwörungstheorien um den fatalen Crash herum entstand, bleibt atemberaubend.

Der geheimnisvolle, melancholische Rebell wurde zum Märtyrer, und nur wenige Stunden nach seinem Tod spekulierte man bereits wild, wer denn nun Schuld haben könnte am Fall eines Engels. War es Donald Turnupseed, der 23-jährige Fahrer eines Ford Tudor Coupés, der Deans Porsche an jener Abzweigung im Nirgendwo die Vorfahrt nahm? War es Rolf Wütherich, der deutsche Mechaniker, der den begeisterten Rennfahrer Dean davon überzeugte, seinen Porsche 550 Spyder nicht per Hänger zur Rennstrecke nach Salinas zu bringen, sondern auf Achse? Rund 500 Kilometer zwischen Hollywood und dem Vorgängerkurs der heutigen Strecke in Laguna Seca?

Oder war es gar der Porsche 550 Sypder, dieses pfeilschnelle Projektil mit der glänzenden Aluminiumhaut und dem Schriftzug „Little Bastard“ am Heck? Schließlich tauchten nach dem Unfall immer wieder bizarre Geschichten auf, in denen das Wrack des Porsche beim Abladen vom Transporthänger den Lkw-Fahrer überrollt haben soll, Teile des ausgeschlachteten Porsche in dramatische Unfälle verwickelt waren... Zu dieser rabenschwarzen Fluch-Variante passt, dass Fans und Ortsansässige in den Jahrzehnten nach dem Unfall von Zeit zu Zeit den Geist Deans an der Unfallstelle umherwandernd gesichtet haben wollen! Oder ist James Dean schlicht und einfach zu schnell gefahren? Schließlich wurde der Porsche etwa zwei Stunden vor dem Crash wegen Überschreitung des 55-Meilen-Tempolimits um rund 15 km/h von der Highway- Patrol gestoppt!

Aber die Gutachter widersprechen sich, Schätzungen des Tempos beim Unfall variieren zwischen „langsamer als das 65-Meilen-Tempolimit“ und „40 Meilen zu schnell“. Am Ende wurde James Dean posthum vom Vorwurf des „Speedings“ freigesprochen, ebenso wenig wurde aber auch der Unfallgegner Turnupseed verurteilt: Die Sichtverhältnisse seien beim Unfall schlecht gewesen, und überhaupt sei das alles schlecht nachzuvollziehen. Die Fans schäumten, Turnupseed erhielt Morddrohungen – kein Wunder, dass der übelst beschimpfte „Mörder James Deans“ bis zu seinem Tod im Jahr 1995 schwieg.

Knapp 60 Jahre nach dem Unfall rollen ein Porsche Boxster GTS und ein 356 Speedster von Hollywood in Richtung Cholame. Wir wollen die ganze Geschichte nacherleben – nur eben mit einer um 60 Jahre verschobenen Perspektive. James Dean könnte mittlerweile Vater des Autoren sein, auch zwischen Speedster und Boxster liegen gute sechs Jahrzehnte. Was ist so viel später noch von diesem Septembertag übrig? Gibt es so etwas wie Schicksalsmomente?

Wir starten im Norden von Hollywood, cruisen von der Vine Street zum Ventura Boulevard, das Wetter ist typisch für den Herbst in Kalifornien: Weiche Wärme, klare Luft, die Hitze des Sommers hat sich aufgelöst. Und wie James Dean und seine Entourage spüren wir den Sog der Strecke hinaus in die Wüste. Während sich Dean auf ein ausgelassenes Renn-Wochenende im Kreis Gleichgesinnter freute, zieht uns ein anderes Ziel magisch an. Als wir auf die Interstate 5 nach Norden gelangen, ällt die überdrehte Los Angeles-Hysterie regelrecht von uns ab, wir fahren Meile um Meile in den ofenen, windfressenden Roadstern.

Schweigen. Nachdenken. Ruhe. Und Wind im Gesicht. Das kann auch der Boxster ziemlich gut, aber der 356 Speedster ist ein wahrer Meister im Seelensurfen: Das reduzierte, radikal ofene Auto scheint alle Arme in den Fahrtwind auszubreiten, und dieser Freund spült allen Weltschmerz heran, alle Sehnsucht, Fernweh in maximaler Dosierung. So muss sich auch Dean gefühlt haben: endlose Meilen  iegend, das kernige Schnattern eines luftgekühlten Boxermotors hinter sich. Tatsächlich besaß James Dean am 30. September 1955 den 550 Spyder erst seit neun Tagen, bis dahin fuhr er einen 356 Speedster. Einen wie wir ihn haben.

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Johannes Riegsinger