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Oldsmobile 88 Dynamic: Dickschiff für alle

Oldsmobile 88 Dynamic

Der Oldsmobile 88 galt in der Epoche der Straßenkreuzer als Mittelklasse-Modell. Ein Ausflug in Detroit weckt Erinnerungen an die große Zeit der V8-Saurier

Eckdaten
PS-kW241 PS (177 kW)
AntriebHinterrad, 3-Stufen-Automatik
0-100 km/hk.A.
Höchstgeschwindigkeitk.A.
Preisk.A.

Am 29. April des Jahres 2004 war alles vorbei: Oldsmobile, eine der traditionsreichsten Automarken der Welt, wurde aus dem Portfolio des wankenden US-Giganten General Motors getilgt. Exakt 107 Jahre Automobilgeschichte, in denen mehr als 35 Millionen Oldsmobiles von den Bändern gelaufen waren, fanden ihr ruhmloses Ende. Der letzte Hauch entwich dem welken Organismus der zeitweise wichtigsten GM-Marke ausgerechnet in Gestalt eines Alero. Jener schmucklosen, von einem braven 2,2-Liter-Vierzylinder bewegten 4,7-Meter-Limousine, die baugleich war mit dem Chevrolet Malibu. Eine unselige Allianz aus hartem Plastik, pomadigem Fahrverhalten und dem gestalterischen Nichts, neben der selbst ein gedrosselter Opel Vectra als Kettenhund aufgetreten wäre. Kaum 150.000 Oldsmobile betrug zuletzt der Jahresausstoß der in Lansing (Michigan) beheimateten Marke, die selbst konservativen US-Kunden zunehmend als „boring“ (langweilig) erschien. Zum Vergleich: GM konnte im vergangenen Jahr 8.389.769 Autos und Trucks losschlagen, und auch Opel spielt mit 1,2 Millionen Verkäufen in einer ganz anderen Liga.

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Dabei haben die Mobile des Herrn Olds weitaus bessere Zeiten erlebt. Ransom Eli Olds (1864 bis 1950) begann im Jahr 1897 mit dem Bau von Autos. Schon 1908 verleibte sich das heraufziehende General Motors-Imperium die „R.E. Olds Motor Car Company“ ein. Ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte. Denn mit der Entschlossenheit des GM-Gründers William C. Durant und der Wucht seiner Kapitalgeber – im selben Jahr kaufte er die Marke Buick hinzu – kam Oldsmobile in Schwung. Eines der wichtigsten Modelle aus Lansing war die bereits 1949 eingeführte Baureihe 88, die in zahllosen Generationen und Varianten ein halbes Jahrhundert Bestand haben sollte.

MITTELKLASSE IM HANDLICHEN SCHRANKWANDFORMAT
Den „Eighty-Eight“ ordneten die Modellstrategen von Beginn an als Fahrzeug der oberen Mittelklasse ein. Eine aus europäischer Perspektive sagenhafte Untertreibung. Während sich die Werktätigen im Nachkriegsdeutschland mühsam von der Zündapp KS auf ihr erstes eigenes Auto hochzusparen versuchten – Fernziel: Opel Olympia, 1,5-Liter- Vierzylinder, 37 PS, 6785 Mark –, drehten ihre Kollegen zwischen Boston und L.A. entspannt am übergroßen Volant eines Fünfmeter-Brockens mit dickem 5,0-Liter-V8 auf der Vorderachse. Die Begegnung mit einem wunderbar erhaltenen Exemplar des Jahres 1960 in Detroit weckt Erinnerungen an das goldene Zeitalter der Dickschiffe, einer Epoche, in der Wachstum selbstverständlich war und Sparsamkeit etwas für Defätisten.

Eighty-Eights wurden als zwei- und viertürige Stufenhecklimousinen, als Kombi, als Coupé, als Cabriolet und in verschiedenen Hardtop-Varianten auf den verwöhnten US-Markt geworfen und nahmen eine Entwicklung, die typisch für das Amerika in den Zeiten vor der Ölkrise war: Sie wurden größer. Wallendes Blech und bis Ende der 50er-Jahre mit jedem Modellwechsel immer zügelloser wuchernde Heckflossen folgten dem Zeitgeschmack. Wahre Chromorgien an Front und Heck treiben noch heute jedem Altmetallhändler Dollarzeichen in die Augen. Mit den Karosserien wuchsen auch die Hubräume: Achtzylinder mit 5,7 bis 6,6 und sogar mit 7,5 Liter Volumen trieben die Dickschiffe voran. Die Leistung überstieg teilweise die 300-PS-Marke. Allerdings führten verschärfte Umweltgesetze und der Ölpreisschock der 70er-Jahre zum abrupten Downsizing. Die Hubräume blieben gewaltig und die Zylinder zahlreich, aber die Leistung schrumpfte auf Werte zwischen 105 und 185 PS. Einen der gewaltigsten Lattentreffer in der Automobilgeschichte leisteten sich die Oldsmobile-Entwickler 1978 mit dem ersten Pkw-Diesel, der in den Staaten in Serie ging. Der „verdieselte“ 5,7-Liter-V8 (120 PS) erwies sich rasch als trinkfester Schwächling. Schlimmer noch: Weil Kolben, Lager und Gehäuse den höheren Drücken des Selbstzünders nicht angepasst wurden, kollabierten die V8-Ölbrenner reihenweise. Der Lapsus verheerte das Diesel-Image in den USA auf Jahrzehnte hinaus.

MIT V8 DURCH DETROIT: AMERIKA, DU HATTEST ES BESSER
Zu Beginn der 60er-Jahre war auch Deutschland wieder auf die Räder gekommen, doch die lässige Üppigkeit der Detroiter Riesen ging an Europa vorbei. Der Oldsmobile 88 Dynamic – so der Zusatztitel der bereits etwas entschnörkelten Generation mit stark reduzierten Heckflossen – zieht gemächlich seine Bahn im Detroiter Stadtverkehr. Wir fahren rechts ab auf die MacArthur Bridge. Sie führt geradewegs zur Belle Isle, einer der City vorgelagerten Insel inmitten des Detroit River, der den Lake St. Clair mit dem Eriesee verbindet. Lenkbefehlen widersetzt sich der 1,8-Tonner mit erhabener Gelassenheit. Dankbar registriert der Fahrer das gelegentliche Hinwenden des mächtigen Bugs in die ungefähr angepeilte Richtung. Merke: Hektische Kurbelei am riesigen Zweispeichenlenkrad führt zu nichts – außer zu winselnden Reifen und heftigen Stampfbewegungen des auf einem soliden Rahmen montierten Aufbaus.

Wer über den Begriff Straßenkreuzer und die ihm innewohnende Gemächlichkeit nachdenkt, begreift, dass man die Dicken laufen lassen muss. Gelegentlich rückt die Hydramatic einen neuen Gang ein. Unter den wachsamen Augen der US-Coast Guard schnürt der Eighty-Eight über die Belle Isle. Der Sechsliter-V8 brabbelt selig vor sich hin – wie schon seit 50 Jahren. Unverwüstlich. Auf der durchgehenden Dreisitzbank ist jede Menge Platz, wenngleich das Lenkeisen steil vor der Brust steht. Man spürt intensiv, wie es früher gewesen sein muss, als die Millers aus Missouri zum Picknick aufbrachen. Vier Kinder auf der Rücksitzbank, vorn zwischen den Eltern der Familienhund, links vom Hund ein Eimer Popcorn. Wegzehrung für Papa. Nicht weniger als 30 Zweiton-Lackierungen waren für den 88 des Jahres 1960 zu haben. Oldsmobile, die bis zu ihrem Ende immerhin drittälteste Automobilmarke der Welt, ist nicht mehr. Ihre Abwicklung soll General Motors fast eine Milliarde Dollar gekostet haben.
Stefan Miete

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Oldsmobile 88 Dynamic

PS/KW 241/177

0-100 km/h in k.A.

Hinterrad, 3-Stufen-Automatik

Spitze k.A.

Preis k.A.