Mercedes Flügeltürer: SLS 63 AMG trifft 300 SL, C111 und C112

Beflügelnd

Sie gehören zu den spektakulärsten Automobilen der Welt – die Flügeltürer von Mercedes. Exklusives Vier-Generationen-Treffen mit dem Urahn 300 SL, den Versuchsraketen C111 und C112 sowie dem SLS 63 AMG

Flügeltürer. Wer nicht gerade in der Umgebung von Affalterbach wohnt, wird im Jahresmittel kaum ein halbes Dutzend jener Supersportler zu Gesicht bekommen, die mit ihren spektakulär aufschwingenden Dachpforten begeistern. Und wenn doch, dann dürfte es sich um einen SLS AMG handeln, den extrem breit gebauten Flachmann, der das Markenimage von Mercedes buchstäblich beflügelt hat.

Noch größeren Seltenheitswert genießt die Begegnung mit dem Urahn des aktuellen Schwabenpfeils. Mit dem 300 SL legte Mercedes 1954 den Grundstein für den Mythos Flügeltürer. Und es gibt noch zwei weitere Sensationsmodelle mit Stern, deren Türgriffe beim Öffnen himmelwärts streben. Zu einer Begegnung der ganz seltenen Art treten auf: ein Exemplar der berühmten Experimentalserie C111 des Jahrgangs 1970 und der 21 Jahre später entstandene C112. Beide verkörpern schon rein äußerlich den Fortschrittsglauben ihrer Zeit, der die Schaffung der Millionen Mark teuren Einzelstücke erst möglich gemacht hat. Adenauer, Brandt, Wendezeit, Gegenwart. Vier Epochen Flügeltürer auf einmal.

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Beim Nachdenken über Autos spielt der eigene Jahrgang eine nicht unwesentliche Rolle. Wer wie der Autor Mitte der 1970er-Jahre eingeschult worden ist, dem hat sich der damalige Superstich aus dem Auto-Quartett in die Erinnerung eingebrannt. Regenpause: Du hast irgendeinen Cadillac auf der Hand. Nicht schlecht, immerhin ein dicker Ami-V8. Wenn aber beim Anderen jetzt der Mercedes C111 zuoberst liegt, dann hast du deinen Cadillac die längste Zeit gehabt. Das superschnittige Versuchsauto schlug alle.

ALS DER C111 FERTIG WAR, STAND DIE WELT KOPF

Obgleich kein Mensch je einen der aufwendig von Hand gebauten C111 würde kaufen können, stand die Autowelt Kopf, als Mercedes das erste Exemplar im Jahr 1969 präsentierte. Endlich ein Nachfolger für den zwölf Jahre zuvor eingestellten 300 SL-Flügeltürer. Ein echtes Geschoss – extrabreit, superflach und so windschnittig, dass nicht ein einziger Spoiler die geduckte Linien verunzierte. Mercedes legte Wert auf die Feststellung, dass die ausgefeilte Aerodynamik der Kunststoffkarosserie solcherlei Windleitbleche erübrigt. Speziell aus den USA hagelte es Bestellanfragen für den unbestellbaren Mittelmotorwagen, der nicht als Porsche- oder Ferrari-Gegner gedacht war, sondern als Versuchsträger und Experimentierfahrzeug. Das Design des bei genauerem Hinsehen recht grob geschnitzten Probierstücks kam an. Während das futuristische Äußere mal an einen DeLorean erinnert und mal an Science-Fiction, herrscht im Innern schwäbische Sachlichkeit. Das wuchtige Lenkrad mit seiner breiten Prallplatte hätte auch in einer S-Klasse den richtigen Weg steuern können. Und sogar der millionenfach verbaute, links an der Lenksäule montierte Multifunktionshebel ist da.

Der erste C111 wurde von einem Dreischeiben-Wankelmotor angetrieben, dessen ungenügende Standfestigkeit allerdings neue Lösungen erforderte. So bekam die zweite Version einen vierrotorigen Wankelmotor, dessen 350 PS den neuen Flügeltürer auf bis zu 290 km/h trieben. Doch auch dieses Kreiskolbenaggregat genügte den hohen Qualitätsanforderungen von Mercedes nicht. Spätere Versionen wurden daher mit einem 3,0-Liter-Fünfzylinder-Turbodiesel ausgerüstet. Dank seiner 190 PS brach der pfeilschnelle Ölbrenner am 12. Juni des Jahres 1976 sämtliche bis dahin gültigen Beschleunigungs- und Geschwindigkeitsrekorde für Dieselfahrzeuge und fuhr nicht weniger als 16 Bestwerte ein. Auf den 10.000 Meilen von Nardo begeisterte der C111 mit einer bis dato unerreichten Durchschnittsgeschwindigkeit von 252 km/h.

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