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Lamborghini Countach

Der Extremist

Lamborghini Countach: Inbegriff eines verschwenderischen Superautos, ist eine große Ikone der Marke Lamborghini. Wir erzählen die Geschichte des allerletzten Countach 25 Anniversario von 1990

Eckdaten
PS-kW462 PS (340 kW)
AntriebHeckantrieb, 5 Gang manuell
0-100 km/h5.00 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit295 km/h
Preis80.000,00 €

Wohl kaum ein anderes Auto spiegelt den Geist, die Tragik, die Brillanz der oberitalienischen Autoschmiede Lamborghini so perfekt wider wie der Countach. Ein bizarrer Highspeed-Keil - die Technik von Lamborghini, das Design von Bertone - als Studie LP500 auf dem Genfer Autosalon 1971 vorgestellt. Und das mit nur einem Ziel: maximale Performance. Mitten in der Energiekrise. Trotzdem.

Der Flachmann mit dem auf 5,0 Liter aufgebohrten, längs vor der Hinterachse eingebauten Zwölfzylinder und dem ins Cockpit hineinragenden Getriebe (Schalthebel ohne Umlenkmechanik direkt im Getriebe) mit einer unter dem Motor zur Hinterachse zurückführenden Antriebswelle war für das fassungslose Publikum mindestens genauso erschütternd wie der Miura von 1966. Der fuhr übrigens mit anhaltendem Erfolg immer noch an der Premium-Position des Lamborghini-Modellprogramms, hinter ihm die glücklosen Jarama und Urraco sowie der viersitzige Topseller Espada.

Der Countach hingegen sollte lediglich als Studie für höhere Blutdrücke bei den Fans sorgen, eine Serienproduktion war nicht geplant. Sogar der Name des ersten Neuzeit-Lamborghini wurde aus der Begeisterung seiner Macher geboren: Signore Bertone selbst soll beim Anblick der ersten Skizzen in bestem piemonteser Dialekt - quasi das Schwäbisch Italiens - "countach" gestammelt haben. Herrlich.

Atemberaubend. Ausgezeichnet. Im Jahr darauf läuten für Lamborghini aber die Schicksalsglocken. Arbeitskämpfe, Energiekrise und US-amerikanische Gesetzgebungen rühren der kleinen Sportwagen-Schmiede den Schierlingsbecher an. Es kommt aber noch fataler: Der Traktorensparte geht ein Großauftrag aus Bolivien abhanden, 5000 unbezahlte Traktoren wandern auf Halde, die Finanzen fallen in sich zusammen. Ferruccio Lamborghini, mit den Landmaschinen groß geworden, entscheidet sich zum Verkauf der Autosparte.

51 Prozent gehen an den Schweizer Geschäftsmann Rossetti, und Lamborghini macht sich ab sofort rar in Sant Agata Bolognese. Im Mai 1972 fällt die Entscheidung: Der Countach soll als kleine Sonderauflage, ohne elektrische Fensterheber und ohne Klimaanlage, in Produktion gehen. Mit dem zaghaften Einstieg in die Countach-Epoche endet aber, für viele unverständlich, die Ära des Miura. Er wird Ende 1972 zum letzten Mal gebaut. Der Countach sollte aber bis 1990 Bestand haben. Was so leise und problematisch begann, wird zum Archetyp des Lamborghini-Supersportwagens.

Der Countach ist Lamborghini: extrem, verrückt, sehr waghalsig, beinahe vulgär. Flügeltüren! Klappscheinwerfer! Alles-oder-nichts-Keil-Design! Brutale motorische Gewalt! Höchstgeschwindigkeit! Zwischen dem ersten Serienauto, dem LP400, der 1974 in jenem berühmten Leuchtgelb die Werkshalle verließ, und dem silbernen Anniversario-Countach, der am 4. Juli 1990 vom Band rollte, liegen mehrere Besitzerwechsel im Unternehmen, ständige technische Evolution, die wohl besten und vielleicht auch schlechtesten Jahre des Automobilbaus.

Der Countach sollte vom 353 PS starken Vierliter-V12 bis zum 455 PS leistenden 5,2-Liter-Zwölfzylinder mehrere Leistungssprünge erfahren. Von der Zweiventiltechnik zum Vierventiler. Von fast puristischer Keilform hin zum obszönen Flügel- und Schnorchelmonster der ausgehenden 80er-Jahre. Nur eines sollte den Countach immer begleiten: die kapriziösen Weber-Doppelvergaser. Erst mit dem Diablo wurde auf Benzineinspritzung umgestellt - 14 Jahre nach dem ersten VW Golf GTI. Das Fahrerlebnis im letzten Countach, dem Anniversario-Modell von 1988, kann also nur in Auszügen auch für die vorhergehenden Versionen gelten: Klackend öffnen die Flügeltüren, laufen leise zischend nach oben. Das hätte man sich etwas gebastelter, unfertiger vorgestellt.

Wirkt aber einfach cool. Und dann der Einstieg. Wenn du schon glaubst, drin zu sein, knallt der Schädel hart an den Türausschnitt. Weit eingezogenes Dach, weit außenliegende Türschweller. Und flach. Sehr flach. Die Sport-Sitze hätten gut und gern auch die Bezeichnung "Highspeed-Liegen" verdient. Dominanter Mitteltunnel, das Armaturengehäuse sieht aus wie ein mit Leder bezogener Brotkasten. Muss mal schön gewesen sein. Motoranlassen mit Gaspedalhilfe. Vergaser eben. Und dann röhrt sie los, die Zwölfzylinder-Orgel. Hart röchelnd, schon im Stand 300 km/h schnell, gusseisern. Was für ein Ton. Es ist ein Junge, kein Zweifel. Die Kupplung braucht Kraft, der Ganghebel ebenso. Und dann bist du unterwegs, immer die schmalen italienischen Landsträßchen entlang.

Die feisten Gummiwalzen laufen jeder Bodenwelle nach, ständiges Auf-Kurs-Halten ist angesagt, bei entgegenkommenden Autos fürchtest du um die Außenspiegel des überbreiten Countach. Geht aber immer gut. Überhaupt: Richtig schlimm ist nur Rückwärtsfahren. Null Sicht nach hinten. Könner öffnen die Flügeltür, setzen sich auf den Schweller und rangieren so im Playboy-Damensitz. Diese Übung braucht aber eine gewisse Verwegenheit und Souveränität. Wenn sich dann die Straße weitet, darf der Countach richtig durchatmen. Und das fühlt sich an wie ein Raketenstart.

Majestätisch muskelt der Bolide los, wird immer schneller, ganz in sich ruhend, und plötzlich liegt Lichtgeschwindigkeit an. Kurve kommt. Oder noch besser: Kreisverkehr. Runterschalten mit Zwischengas. Der Countach klingt wie Pavarotti mit fieser Bronchitis. Einlenken. Das Auto schrumpft plötzlich auf ganz handlich. Räubert selbstbewusst um den Radius. Und dann die Explosion in die Gerade. Der Zukunft entgegen.

Johannes Riegsinger

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Lamborghini Countach

PS/KW 462/340

0-100 km/h in 5.00s

Heckantrieb, 5 Gang manuell

Spitze 295 km/h

Preis 80.000,00 €