Möchten Sie auf die mobile Seite wechseln?

JA NEIN

Reportage: Auf den Spuren von Carl Borgward

Bremer Urgesteine

Es sollte der ganz große Wurf werden, Borgwards besserer Mercedes. Der Clou war die Vierrad-Luftfederung mit automatischer Niveauregulierung, inspiriert vom Citroën DS, allerdings mit Kompressor statt Hydropneumatik. Doch es gab Qualitätsprobleme, und die geringe Stückzahl spielte die Entwicklungskosten nicht ein.

Borgwards Konzern war ohnehin ins Schlingern geraten, der P 100 trug seinen Teil zum Kollaps bei. Ob der Konkurs wirklich unabwendbar war, darüber streiten sich bis heute die Enthusiasten. Der Besitzer des P 100, Andreas Snetivy aus Tarmstedt, versteht wie viele Borgward-Kenner nicht, warum eine Firma, die solch feine Autos baute, untergehen musste.

Noch heute fährt Carl Borgwards Ehrgeiz in diesem Auto auf jedem Meter mit, und der Sechszylinder begrüßt unser zweites Bremer Original, den 79er Mercedes 280 TE, mit herausforderndem Knurren. Markiert der Borgward P 100 das Ende der Ära Borgward, so steht das T-Modell der Baureihe 123 für den Anfang einer neuen Tradition: Es lief ab 1978 als erster Mercedes-Pkw im ehemaligen Borgward-Werk vom Band.

Seit 1978 laufen Mercedes-Pkw in Bremen vom Band

Nach dem Konkurs kaufte Hanomag-Henschel das Fabrikgelände in Sebaldsbrück, doch bald schon stieg Borgwards alter Rivale Daimler-Benz bei Hanomag ins Boot und übernahm ab 1969 die Lkw-Fertigung. Mit dem „Bremer Transporter“ fing es an, doch seit 1978 laufen auch Mercedes-Pkw in Bremen vom Band. Auf das T-Modell, intern „S 123“ genannt, folgte 1983 der kleine Mercedes 190.

Heute sorgen 12.700 Mitarbeiter dafür, dass pro Jahr über 300.000 Mercedes in acht Modellreihen gefertigt werden. Alle 70 Sekunden wird eine neue C-Klasse fertig. Und trotzdem finden sich auch mitten im Mercedes-Werk noch Überbleibsel der Borgward-Vergangenheit. Eingekesselt von modernen, großen Montage- und Lackierhallen liegt ein altes Backsteingebäude, dessen Fassade noch genauso aussieht wie zu Borgwards Zeiten.

Auch die ehemalige Halle 1 der Borgward-Produktion existiert noch, allerdings wurde die riesige Glasfensterfront zum größten Teil neutral verkleidet. Unweit davon ragt der sogenannte „Späneturm“ aus den Fabrikwürfeln empor. Borgward hatte für die Holzverarbeitung ein eigenes Areal in Sebaldsbrück angelegt. Der Turm war ein Wahrzeichen des Werks. Heute ist nur noch die Spitze zu sehen, Mercedes hat seinen dreizackigen Stern darangeheftet.

2013 erinnerte Mercedes in einer Feierstunde an die Gründung des Werks durch Carl Friedrich Wilhelm Borgward 75 Jahre zuvor. Andreas Snetivy hat ein historisches Dokument mitgebracht, das bei dem Festakt fehlte: den Silberteller, der Borgward anlässlich der off ziellen Einweihung seiner neuen Fabrik am 23. September 1938 überreicht wurde.

>>Hier geht's zu Teil 3

Karsten Rehmann