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Koenigsegg CCXR Edition

Asphalt-Jet

Der Koenigsegg CCXR Edition tankt
Bio-Ethanol, leistet 1018 PS und soll 415 km/h rennen. So gerüstet will der starke Schwede den Titel als schnellstes Serienauto der Welt erringen

Eckdaten
PS-kW1018 PS (749 kW)
AntriebHinterrad, 6 Gang manuell
0-100 km/h2.90 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit415 km/h
Preis1.874.250,00 €

Ach, Sie gehören nicht zu den Kunden von Koenigsegg? Sie gehören nicht zu denen, die über 1,5 Millionen Euro für einen Drittwagen ausgeben? Kein Wunder, sonst würden Sie auch zu einer extremen Minderheit gehören. Denn lediglich sechs Koenigsegg CCXR Edition entstehen in Handarbeit, dazu 14 CCX, die nur mit Benzin und nicht mit Bio-Ethanol betankt werden können. Diese leisten auch nur 890 PS und nicht 1018. Kinderkram? Nein, auch das reicht sicher aus, um sich in eine andere Dimension des Fahrens zu katapultieren.

Mit dem CCXR Edition steht hier ein Auto, das auserkoren ist, eine Höchstgeschwindigkeit von 415 km/h zu erreichen und in 2,9 Sekunden auf Tempo 100 zu sprinten – nein, zu explodieren. Und das der ganzen Welt schamlos seine nackte Karbonhaut vom Frontsplitter bis zum Heckflügel zeigt. Der Motor stemmt 1080 Nm Drehmoment auf die Kurbelwelle und läuft am besten mit Bio-Ethanol E85, ein Vorzeigeobjekt umweltfreundlicher Verkehrspolitik also? Nun, mit einem Verbrauch von 22 Litern pro 100 Kilometer wird es wohl doch nie der bevorzugte Dienstwagen unseres Umweltministers. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Koenigsegg-Motorenbauer die Umstellung auf das hocheffizient verbrennende E85 eher unter dem Gesichtspunkt der Leistungssteigerung gesehen haben und weniger das Schmelzen der Polkappen verhindern wollten.
 
Christian von Koenigsegg will das schnellste Serienauto der Welt bauen, abgesegnet und beglaubigt von der Automobilsportbehörde FIA. Bis zum Herbst soll es so weit sein. Aller Ehren wert, doch in diesem Markt zählt allein die Geschwindigkeit und weniger der FIA-Segen, um die Kunden heiß auf solch einen Asphalt-Jet zu machen. Die leben sowieso in einer Art Parallel-Universum. Und in diesem streiten sich die FIA und das Guinness-Buch um die einzig legitime Überwachung von Höchstgeschwindigkeitsfahrten.

Die altehrwürdige Nationalstraße D2 führt weit abseits dieser unschönen Schlacht um Zahlen über den 930 Meter hohen Col de Vence in Südfrankreich. Warum dies das ideale Terrain für eine Ausfahrt im Koenigsegg ist? Weil es eine der Traumstraßen in Europa ist, dort kaum Verkehr herrscht, und weil Regenwolken unter der Sonne der nahen Côte dAzur keine Chance haben. Ein Koenigsegg ist eben nicht nur dazu da, um schnell geradeaus zu fahren. Der schwedische Supersportler gehört auf jeder kurvigen Rennstrecke zu den Schnellsten überhaupt. Schweißtropfen auf der Stirn drohen allein bei Wendemanövern. Leitplanke links, Felswand rechts, minimaler Schotterstreifen – gut, dass der Flachmann über einen Hydrauliklift an der Vorderachse verfügt, der auf Knopfdruck den tief kauernden Karbon-Frontsplitter über die gröbsten Kiesel am Wegesrand hebt.

Vor dem Fahrerlebnis steht aber die Startprozedur. Das erinnert stark an einen Spaceshuttle-Start. Wo ist bloß der Copilot, der jeden meiner Handgriffe mit einem lauten Check bestätigt? Zehn Knöpfe sind im Kreis auf der Mittelkonsole angeordnet, drei davon sind allein für den Start zuständig. Ein Finger drückt den Knopf für die Bordelektrik, ein zweiter presst gleichzeitig den Knopf für die Zündung. Kleine blaue, grüne und rote Lichter gehen an, überall im Cockpit und auf der Mittelkonsole. Und hinter mir im Maschinenraum rauschen die Benzinpumpen, bauen Druck auf für das unmittelbar bevorstehende Ereignis. Jetzt noch einmal Zündung und den Starterknopf links daneben drücken. Der 4,8-Liter-Aluminium-V8, aufgeladen von zwei Rotrex-Kompressoren, startet unmittelbar hinter meiner Wirbelsäule, meldet sich kraftvoll zu Wort aus dem armdicken Auspuffendrohr. Der 1018-PS-Motor muss nur 1280 Kilo bewegen. So viel wiegt auch ein Kompaktwagen. Der hat aber normalerweise nicht mehr als 120 PS – nur so zum Vergleich. Wer will, kann beim Koenigsegg mit den optionalen Magnesium-Karbon-Rädern von Dymag noch ein paar Kilo einsparen, die rund 15000 Euro extra sollten kein Hindernis sein. Ganz wilde Naturen lassen dann auch Michelin-Sport-Cup-Semi-Slicks aufziehen.  Alle diese Szenarien sind ein Spiel mit dem Feuer. Das weiß auch Firmengründer Christian von Koenigsegg. Sämtliche Testfahrten finden unter Aufsicht statt. Die freundlich geäußerte Aufforderung Lass ihn heil! hallt noch Minuten nach dem Losfahren in meinen Ohren.

Nach dem Geheimagenten-Start-Procedere fordert als nächstes die Zweischeiben-Kupplung von AP Racing ihren Tribut – und zwar von meinen Waden. Sie bietet zudem nur ein schmales Fenster der Dosierung und beißt sofort zu. Einmal in Bewegung, ist der CCXR Edition ein Gedicht. Das immerwährende Risiko besteht hier allein in dem ultraschnellen Ansprechen des Motors auf Gasbefehle. Die Gewöhnung daran verlangt einige Kilometer, erst dann stellt sich bei mir der richtige Rhythmus zwischen den Kurven ein. Diesen Rhythmus bestimmt auch der richtige Umgang mit der Keramik-Bremsanlage. Die vorn 380 Millimeter und hinten 362 Millimeter großen Scheiben erlauben, nein fordern harte, späte Bremsmanöver. Der CCXR atmet pures Testosteron auf jedem Kilometer aus – phänomenal. Den Klang der Auspuffanlage genießen, wie er sich an den Felswänden bricht und widerhallt, ist jeden Cent wert.
Jeder kleine Bestandteil, vom leichten Hilfsrahmen aus Stahl bis zum ins Chassis integrierten Tank, von der Karbonfiber-Aluminiumstruktur in Honigwabenbauweise bis zu den Querlenkern aus gefrästem Aluminium, alles sorgt für eine nie dagewesene Steifigkeit. Als Fahrer spürt man das bei jeder Richtungsänderung. Doch nicht so sehr als Tortur für den Rücken, denn die einstellbaren Dämpfer mit Pushrod-Anlenkung verstehen es – zusammen mit Federn und Stabilisatoren – brillant, selbst harte Stöße abzufedern. Eine große Hilfe sind dabei auch die dünn gepolsterten, aber dennoch ausreichend komfortablen Sitze.

Die Lenkung agiert so präzise, wie es bei einem Straßenauto nur möglich ist. Alle Lager und Aufhängungsteile sind nach Le-Mans-Spezifikation umgebaut worden, ebenso senkte Koenigsegg die Bodenfreiheit für den Edition vorn und hinten marginal ab. Der CCXR ist das größte und stärkste Gokart aller Zeiten. Bis zu 1,5 g Querbeschleunigung sind mit ihm möglich, die Lenkung benötigt nur 2,7 Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag – ein Segen in den südfranzösischen Bergen mit ihren engen Kehren. Das Differenzial an der Hinterachse sperrt unter Last bis zu 30 Prozent, beim Anbremsen sind es bis zu 50 Prozent. Unterstützung kommt auch von der Traktionskontrolle, die fünf verschiedene Modi besitzt.

Die Sechsgangschaltung mit um 15 Prozent verkürzten Schaltwegen ist eine Sensation, gerade bei Schaltvorgängen rund um 7000 Umdrehungen. Die ersten fünf Edition-Modelle werden noch mit dieser Schaltung ausgeliefert. Nummer sechs bekommt in der zweiten Jahreshälfte 2009 aber schon ein optionales System von Xtrac mit elektronisch gesteuerter Kupplung und Schaltpaddeln am Lenkrad. Dann können auch alle anderen Edition-Besitzer ihr Fahrzeug umrüsten lassen.
Mittelpunkt der Faszination ist und bleibt aber der Motor mit einem von 4,7 auf 4,8 Liter angehobenen Hubraum. Größere Kompressoren produzieren einen maximalen Ladedruck von 1,6 bar. Die aus Dänemark stammende Firma Rotrex liefert diese Radial-Verdichter. Ähnliche Kompressoren verwendet auch Alpina. Ihre per Zahnriemen angetriebenen Rotoren drehen sich bis zu 90000 Mal pro Minute. Die Verdichtung beträgt jetzt 9,2 : 1, neue Nockenwellen, Zündkerzen, Benzinpumpen und Einspritzventile tragen nicht nur zur Leistungssteigerung bei, sondern waren für die Umrüstung auf den Betrieb mit Bio-Ethanol nötig.

Die ersten fünf Edition-Modelle sind bereits verkauft. Aber keine Angst, liebe Scheichs, Lords und Magnaten. Auch ein gebrauchter Koenigsegg CCXR Edition ist eine Überlegung wert. Schließlich wird der Schwede ab Werk mit einer fünfjährigen Garantie und kostenfreiem Wartungsvertrag ausgeliefert. Leasingraten für Neufahrzeuge liegen bei 23400 Euro – monatlich. Noch Fragen?
Matt Davis, Holger Eckhardt

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Koenigsegg CCXR Edition

PS/KW 1018/749

0-100 km/h in 2.90s

Hinterrad, 6 Gang manuell

Spitze 415 km/h

Preis 1.874.250,00 €