Auto Einzeltest Godzilla
Mercedes SLR McLaren
Aus AUTO ZEITUNG 11 / 2004
Aggressives Design - brachialer Sound: 626 PS stark und 334 km/h schnell sprengt der 435000 Euro teure Über-Mercedes bekannte Dimensionen.
| Eckdaten | |
|---|---|
| PS-KW: | 625 PS (460 kW) |
| Antrieb: | Heckantrieb, 5 Gang Automatik |
| 0-100 km/h: | 4.00 Sekunden |
| Höchstgeschwindigkeit: | 334 km/h |
| Preis: | 435000 € |
Als erstes den chromumrandeten Mercedes-Schlüssel-Klotz ins Zündschloss stecken und die Flügeltür mit Schwung ins Schloss ziehen. Nun ist es soweit, ich sitze allein in einem startbereiten Mercedes SLR McLaren. Gurt anlegen, Zündung einschalten: Die Nadeln von Tacho und Drehzahlmesser schlagen einmal voll aus und senken sich dann langsam wieder auf null. Der Start-Knopf unter der Lamellenkappe im Schaltknauf erglimmt in verheißungsvollem Rot. Bevor ich die Kappe aufschnippe, um den 626 PS starken Kompressor-V8 zum Leben zu erwecken, versuche ich nicht mehr daran zu denken, dass dieses Geschoss 435 000 Euro kostet. Auch Gedanken an die glorreiche Tradition des Kürzels SLR und Namen wie Moss, Fangio oder Graf Berghe von Trips würden jetzt nur lähmen. Nun zählt allein, wie sich die Bestie mit dem Stern im Kühler fährt. Per Daumendruck erwacht der 5,4-Liter-Motor. Sofort erfüllt sein tiefes Grummeln die kleine Boxengasse, und der Geruch nach verbranntem Sprit betört die Sinne. Das Abgas strömt aus den doppelten Sidepipes zu beiden Seiten direkt an den Seitenfenstern vorbei, zumindest im Stand. Bevor ich den Wählhebel der Fünfstufen-Automatik auf D ziehe, prüfe ich die Funktion des Heckflügels. Auf einen Tastendruck hin fährt die Airbrake (Luftbremse) komplett aus, um danach wieder im Heckdeckel zu versinken. Ein netter Gag, der beim staunenden Publikum gut ankommt. Langsam rollt der SLR hinaus auf die Piste der ehemaligen Motorrad-Grand-Prix-Strecke im südfranzösischen Mireval. In der Einrollrunde wähle ich per Drehregler den manuellen Modus der Automatik sowie Schalthärte Stufe III an. Fortan folgt der Bolide den Gangwünschen per Tastendruck am Lenkrad. Jetzt noch das ESP abschalten - und der Spaß kann beginnen. Bei niedrigem Tempo wirkt die servounterstützte Zahnstangenlenkung ungleichmäßig, die kalten Keramikbremsen vereiteln eine absolut präzise Dosierung, und der exakte Kurvenscheitelpunkt lässt sich wegen der extrem ausladenden Motorhaube nur erahnen. Na, das kann ja heiter werden. Doch je schneller die Fahrt wird, desto besser funktioniert der SLR. Die Michelin-Reifen entwickeln mehr Grip, und an die weit nach hinten gerückte Sitzposition gewöhnt man sich ruck-zuck. Konzentration, jetzt ist es soweit. Im zweiten Gang rolle ich in die Rechtskurve vor der Zielgeraden. Ab hier gilt: Vollgas. Schlagartig reißt es den SLR nach vorn, obwohl die Hinterräder im Breitwand-Format 295/30 ZR 19 vollkommen in weißem Rauch aufzugehen scheinen. Im Tacho flammt ein rotes Lämpchen auf. Nächster Gang. Das lautstarke Schnarren des Kompressors wird mehr und mehr von den harten, dumpfen Schlägen aus den Sidepipes abgelöst. Unter Volllast erinnert der hämmernde Sound des SLR an einen Ozeanriesen - bloß etwa 350-mal so schnell. Wieder leuchtet das Lämpchen auf: ein Mini-Schalthebelchen mit Aufwärts-Pfeil. Hochschalten, na klar. Vierter Gang, Vollgas, und die Beschleunigung nimmt kein Ende. Mit fast 250 Sachen schieße ich auf die Jackie-Stewart-Schikane zu. Vielleicht hätte ich doch früher bremsen sollen? Volle Kraft zurück! Und siehe da, in warmem Zustand lässt sich die elektrohydraulische Bremse erstklassig dosieren. Der Druckpunkt ist deutlich zu spüren, das ABS regelt äußerst feinfühlig. Aber was noch wichtiger ist: Die Verzögerung liegt trotz 1,7 Tonnen Leergewicht auf Rennwagen-Niveau. Während sich die Reifen mit aller Kraft im Teer verbeißen, stemmt sich zusätzlich die Airbrake 65 Grad steil in den Fahrtwind. In der Schikane beweist der SLR, dass er trotz seiner gigantischen Ausmaße millimetergenau um die Curbs gezirkelt werden kann. Die Lenkung setzt blitzschnelle Richtungswechsel präzise und direkt um. Beim Herausbeschleunigen verlangt der SLR viel Feingefühl im Gasfuß, um die maximal 780 Nm Drehmoment in Vortrieb umzusetzen. Ein bisschen zu viel, und sofort wischt das Heck weg. Bleibt das ESP aktiv, greift die Elektronik in solchen Momenten verlässlich ein und verhindert Schlimmeres. Ohne die Zwangsbremse steigen das Risiko und der Fahrspaß. Auf der anschließenden Bergabpassage führt die Strecke durch einen schnellen Rechtsknick. Tempo 195 sind locker drin, wo zum Beispiel ein BMW M3 bei rund 160 sein Limit erreicht. Je schneller die Kurven, desto besser klebt der SLR am Boden - ein Verdienst der ausgefeilten Aerodynamik. Die Sidepipes gestatten einen topfebenen Unterboden, Diffusoren und der bewegliche Heckflügel steigern den Abtrieb: Bei 240 km/h beispielsweise auf 167 Kilogramm. Wer genug Mut besitzt und die Haftgrenze des Mercedes-McLaren auslotet, wird von einem braven Untersteuern zur Vorsicht ermahnt. Wer daraufhin sachte das Gas zurücknimmt, hat wieder alles im Griff. Wer dagegen schlagartig vom Gas geht, womöglich bremst oder gar weiter beschleunigt, weckt die Bestie: Sofort setzt das Heck zu einem vehementen Drift an und muss mit ebenso ruhiger wie flinker Hand gebändigt werden. Zurück in der Box verharre ich noch einen Moment in der Kohlefaser-Karosse, lausche dem Hitze-Knistern von Bremsen und Auspuff. Diese Gelegenheit kommt wohl sobald nicht wieder.
Fazit - Martin Urbanke
Ja, der Mercedes SLR McLaren ist ein echter Supersportwagen. Er fährt nicht nur schnell, sondern sauschnell. Allein für die Garage eines Sammlers ist dieses Gefährt zu schade. Sein dynamisches Potenzial erreicht ein Niveau, das zwar einen Profi am Lenkrad erfordert. Doch selbst wenn der Fahrer die Rennstrecke meidet und sich ganz brav durch den alltäglichen Verkehr bewegt, degradieren die verwegene Optik, der unvergleichliche Sound und das Wissen um all die technischen Highlights des Wagens die übrigen Fahrzeuge zu Statisten. Mehr Aufmerksamkeit würde höchstens Godzilla in New York erzielen - wahrscheinlich.
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