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Ferrari 612 Scaglietti im Einzeltest

Der Souverän

Mit dem 612 Scaglietti bietet Ferrari das zehnte Modell in der Ahnenreihe seiner Gran Turismo an - also Frontmotor-Layout und vier Sitze

Eckdaten
PS-kW540 PS (397 kW)
AntriebHeckantrieb, 6 Gang sequentiell
0-100 km/h4.30 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit321 km/h
Preis218.000,00 €

Mit seinen Gran Turismo-Modellen tendiert Ferrari schon seit jeher eher zu optischer Zurückhaltung denn zu offen gezeigter Sportlichkeit. Dieser Tradition bleiben die Italiener auch mit dem 612 Scaglietti treu. Und trotzdem - oder gerade deshalb - nähert man sich diesem fast fünf Meter langen Ferrari mit Respekt. Der natürlich von Pininfarina gestylte 2 + 2-Sitzer ist dank seiner Proportionen und typischen Details wie den eingezogenen Flanken und den doppelten runden Rücklichtern eindeutig als Produkt der Autoschmiede mit dem springenden Pferd im Wappen auszumachen. Alles wirkt wie aus einem Guss. Kein aufgesetzter Spoiler stört die Linien des 612. Für den Anpressdruck ist ein sorgfältig ausgetüfteltes Luftstromsystem zuständig, das über Kanäle im Wagenboden geregelt wird. Es sorgt dafür, dass der Wagen bei 300 km/h mit rund 115 Kilogramm auf die Fahrbahn gedrückt wird. 45 Prozent des Fahrzeuggewichts von insgesamt 1917 Kilogramm lasten auf der Vorder-, 55 Prozent auf der Hinterachse. Diese Verteilung kommt der eines Mittelmotor-Sportwagens sehr nahe und soll für eine ausgewogene Balance sorgen. Die gute Gewichtsverteilung erzielten die italienischen Techniker durch ein weit nach hinten gerücktes Triebwerk: quasi ein Front-Mittelmotor, der vor den Passagieren sitzt. Das Getriebe ist an der Hinterachse angeflanscht. Dank eines Radstands von 2,95 Metern steht den Insassen trotz der vorher beschriebenen Antriebsordnung zumindest auf den Vordersitzen ein üppiges Raumangebot zur Verfügung. Auf den beiden hinteren Sitzschalen können Großgewachsene Kurzstrecken noch recht gut überstehen, auf Langstreckentouren kann von bequemem und entspanntem Sitzen allerdings keine Rede mehr sein. Dank easy-entry-Funktion (der Sitz fährt elektrisch vor, wenn die Lehne umgeklappt wird) gelingt zumindest der Einstieg in die zweite Reihe ohne artistische Verrenkungen. Im Innenraum präsentiert sich der 612 in feinstem Leder und mit Aluminiumblenden bestückt überaus hochwertig. Auch die Verarbeitung entspricht dem, was der Kunde von solch einem Auto erwartet. Der Fahrersitz ermöglicht nahezu allen Staturen eine passende Arbeitsposition hinter dem Lenkrad. Wohlfühlen ist also angesagt. Drehzahl und Geschwindigkeit bekommt der Pilot über zwei große Rundinstrumente angezeigt, alle anderen Fahrzeugdaten über ein Display im Cockpit. Diese Anzeigen sind allerdings je nach Lichteinfall schlecht ablesbar. Während Außenhülle und Innenraum eher Zurückhaltung und Gediegenheit vermitteln - der 612 soll schließlich nicht der Ferrari für die jung-dynamischen Sportler sein, sondern zielt eher auf die reifere Klientel ", geht es unter der gewaltigen Motorhaube schon sportiver zur Sache. Zwölf Zylinder, 5,7 Liter Hubraum und 540 PS lassen den Ferraristi genüsslich mit der Zunge schnalzen. Um die maximale Beschleunigung zu erzielen, muss der Pilot zunächst die Sporttaste drücken, mit der schnellere Schaltzeiten möglich sind. Gleichzeitig wird die Fahrwerksabstimmung härter programmiert. Dann heißt es noch: Fahrdynamikregelung CST (ESP) ausschalten und das Startprogramm der sequenziellen F1-Schaltung mittels Wippen aktivieren. Übrigens: Eine manuelle Schaltung mit offener Kulisse wird so gut wie nie geordert. Los geht"s: Mit der rechten Wippe den ersten Gang einlegen, mit dem linken Fuß auf der Bremse stehen und kurz an der linken Wippe, die eigentlich zum Herunterschalten da ist, ziehen. Jetzt das Gaspedal voll durchtreten und zusehen, wie die Nadel des Drehzahlmessers hochklettert. Wenn sie die 3000-Umdrehungen-Marke erreicht hat, den linken Fuß von der Bremse nehmen - der 612 schießt ohne jegliches Durchdrehen, aber immer knapp an der Schlupfgrenze nach vorn. 100 km/h erreicht er nach 4,3 Sekunden, die 200-km/h-Marke passiert er nach ganzen 13,9 Sekunden. Der Fahrer kann dabei das Gaspedal immer durchgetreten lassen - auch bei den Gangwechseln über die Wippe. Mit einem kräftigen Ruck rastet bei jeder Betätigung die nächste Stufe ein. Gemütlicher und ohne Ruckeln geht es, wenn der Schaltmodus auf Automatik steht. Als Höchstgeschwindigkeit liegen 321 km/h an. Das erstmals bei einem Ferrari eingebaute Stabilitätsprogramm sorgt dafür, dass der 612 auch bei zu schneller Gangart in kritischen Situationen rechtzeitig eingebremst wird. Trotzdem lässt er sich auch damit überaus dynamisch bewegen, da das Regelsystem nicht zu früh eingreift und genügend Fahrspaß zulässt. Mehr Leben kommt natürlich bei abgeschaltetem CST in der Bude. Mit gezielten Gasstößen lässt sich der eigentlich neutral bis untersteuernd ausgelegte 612 auch zu kräftigen Drifts bewegen. Der Ferrari kann also, wenn der Pilot nur will. Die meisten der 612-Kunden werden darauf aber aus Sicherheitsgründen wohl eher verzichten. In Gefahrensituationen können sich die Insassen zudem auf spontan und kräftig zupackende Bremsen verlassen, die auch unter Dauerbelastung nicht nachgeben und den 218000 teuren Sportwagen nach nur 35,5 Metern aus Tempo 100 zum Stillstand bringen.

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Ferrari 612 Scaglietti

PS/KW 540/397

0-100 km/h in 4.30s

Heckantrieb, 6 Gang sequentiell

Spitze 321 km/h

Preis 218.000,00 €