Diesel-Skandal: Mercedes-Motoren OM 642/651 Daimler bessert mehr als drei Millionen Diesel-Fahrzeuge nach

von AUTO ZEITUNG 19.07.2017
Inhalt
  1. Diesel-Motoren: Mercedes-Rückruf ausgeweitet
  2. Mercedes wehrt sich gegen KBA-Vorwürfe
  3. Welche Modelle sind betroffen?
  4. Was müssen Besitzer jetzt tun?
  5. Diesel-Skandal bei Daimler: Eine Million Fahrzeuge betroffen
  6. Gutachten der Grünen macht Druck auf Hersteller
  7. Frontal 21 wirft BMW und Mercedes zu hohe NOx-Werte vor

Im Zuge der Vorwürfe wegen möglichen Abgasbetrugs weitet Mercedes seinen Rückruf massiv aus. Die ursprünglich 270.000 Diesel-Fahrzeuge werden nun auf gut drei Millionen aufgestockt, darunter Mercedes-Transporter, C- und E-Klasse. Daimler hat immer betont, sich an geltendes Recht gehalten zu haben.​

Um den Schadstoffausstoß zu verringern, lässt Mercedes europaweit mehr als drei Millionen Diesel-Fahrzeuge nachbessern. Die Aktion ist Teil eines "Zukunftsplans für Diesel-Antriebe", die der Vorstand am Dienstag, 18. Juli 2017, beschlossen hat. Es handle sich dabei um nahezu alle Fahrzeuge der Abgasnormen Euro 5 und 6 in Europa. Die Aktion soll rund 220 Millionen Euro kosten und in den kommenden Wochen beginnen. Für die Besitzer der Mercedes-Autos sollen die Änderungen an der Software kostenlos sein und etwa eine Stunde dauern. Außerdem plant Daimler eine schnelle Markteinführung seiner neuen Diesel-Motorenfamilie. Mit dem Zukunftsplan solle das Vertrauen in die Antriebstechnologie gestärkt werden. "Wir sind überzeugt davon, dass der Diesel nicht zuletzt wegen seiner niedrigen CO2-Emissionen auch künftig ein fester Bestandteil im Antriebsmix sein wird", betonte Vorstandschef Dieter Zetsche. "Süddeutsche Zeitung", WDR und NDR hatten vergangene Woche berichtet, dass mehr als eine Million Daimler-Fahrzeuge mit einer Software programmiert sein könnten, die Abgaswerte manipuliert. Betroffen seien zwei Motorklassen, die nun vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) gesondert untersucht werden sollen. Grundlage des Berichts ist ein Durchsuchungsbeschluss, den das Amtsgericht Stuttgart im Mai 2017 im Zuge der Ermittlungen gegen Daimler-Mitarbeiter wegen Betrugs und strafbarer Werbung ausgestellt hatte.

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Diesel-Motoren: Mercedes-Rückruf ausgeweitet

Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit März 2017 wegen möglichen Abgas-Betrugs. Mercedes soll zwischen 2008 und 2016 Motoren mit der Kennung OM 642 und OM 651 verbaut haben, die angeblich über unerlaubte Abschalteinrichtungen verfügen. Eine richtlinienkonforme Abgasmessung nach dem bis dato gesetzlich vorgeschriebenen NEFZ-Zyklus, wird durch Verwendung von solchen Abschalteinrichtungen verfälscht. Die Zulassung der betroffenen Motoren wäre somit nicht möglich gewesen. Daimler wehrt sich gegen den Vorwurf, die Abgasreinigung bei Diesel-Fahrzeugen mit illegalen Mitteln manipuliert zu haben und betont, sich an geltendes Recht gehalten zu haben. Der Streitpunkt ist – wie bei anderen Herstellern - ein sogenanntes Thermofenster, das die Abgasnachbereitung in bestimmten Temperaturbereichen herunterregelt. Wie auch andere Hersteller hatte sich Daimler mit dem KBA darauf geeinigt, bestimmte Fahrzeuge freiwillig zurückzurufen, um die Technik anzupassen und den Ausstoß schädlicher Stickoxide zu reduzieren. Die Zahl von rund 270.000 Fahrzeugen aus der Kompakt- und der V-Klasse, die bereits nachgebessert werden, wird nun auf gut drei Millionen aufgestockt. Die bayerischen Autobauer BMW und Audi hatten bereits angekündigt, zur Abwendung drohender Diesel-Fahrverbote die Hälfte ihrer in Deutschland zugelassenen Euro-5-Diesel technisch nachzurüsten.

 

Mercedes wehrt sich gegen KBA-Vorwürfe

Daimler hat immer betont, sich an geltendes Recht gehalten zu haben. Der Streitpunkt ist - wie bei anderen Herstellern - ein sogenanntes Thermofenster, das die Abgasnachbereitung in bestimmten Temperaturbereichen herunterregelt, um Bauteile im Motor zu schützen, wie die Hersteller argumentieren. Organisationen wie die Deutsche Umwelthilfe hingegen kritisieren, dass die entsprechende EU-Verordnung zu weit ausgelegt werde. Einer Pressemitteilung zufolge fordert die DUH deshalb, betroffenen Mercedes-Modellen die Typenzulassung zu entziehen. "Es reicht nicht, wenn Daimler einmal mehr vom Vertreter der Automobilindustrie im Bundeskabinett zum Gespräch gebeten wird", so Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Werde keine vollwertige Nachbesserung der Fahrzeuge angeordnet oder die Typzulassung enzogen, so wolle die DUH den Rechtsweg beschreiten. Wie auch andere Hersteller hatte sich Daimler mit dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) darauf geeinigt, 247.000 Fahrzeuge freiwillig zurückzurufen, um die Technik anzupassen. Am Freitag, 14. Juli 2017, stellte Daimler klar, dass man den Vorwurf illegaler Machenschaften von Seiten des KBA nicht hinnehmen werde. Die Regulierung der Abgasreinigung sei eine technisch und rechtlich hochkomplexe Frage, teilte der Autobauer am Freitag mit. "Auf Basis der uns vorliegenden Informationen würden wir gegen den Vorwurf einer illegalen Abschalteinrichtung durch das KBA mit allen rechtlichen Mitteln vorgehen." Ein Sprecher wies auch die Darstellung zurück, bei dem Treffen mit der Kommission in Berlin sei dem Unternehmen mit einer Rückrufaktion gedroht worden. Der "Spiegel" hatte dies zuvor berichtet.

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Welche Modelle sind betroffen?

Im Fokus stehen Pkw aller Serien, SUV und Kleintransporter von Mercedes, in denen die Motoren mit der Kennung OM 642 und OM 651 verbaut wurden. Noch gibt es von Daimler keine offizielle Bestätigung, welche Baureihen konkret betroffen sind, jedoch wurden Motoren vom Typ OM 642 ab 2005 beispielsweise in der C-Klasse 203 verwendet. Ebenfalls 2005 wurde der Motor OM 642 auch in der E-Klasse der Baureihe 211 (Betroffene Modelle: E 280 CDI und E 320 CDI) eingebaut. 2010 erhielten unter anderem 350-CDI-Modelle der S-Klasse, R-Klasse und E-Klasse  eine leistungsgesteigerte Variante des Motors, der die Typenkennung OM 642 LS trägt. Motoren vom Typ OM 651 fanden ab 2008 zum Beispiel in den C-Klasse-Modellen der Baureihe 204 und später 205, etwa im Mercedes-Benz C 250 CDI BlueEFFICIENCY, Verwendung. Auch Mercedes GLK und die E-Klasse Baureihe 212/207 sind betroffen. Die höchste Ausbaustufe des OM 651 wird seit 2010 in der S-Klasse angeboten, seit 2011 ebenfalls in der B-Klasse. Eine vollständige Auflistung aller betroffenen Modelle ist noch nicht verfügbar.

 

Was müssen Besitzer jetzt tun?

Bisher hat sich Daimler noch nicht offiziell an die betroffenen Kunden gewandt, weshalb diese die kommenden Entwicklungen abwarten müssen. Eine Daimler-Sprecherin betonte nach den Razzien, dass aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens Spekulationen nicht kommentiert würden. Nach derzeitigem Stand müssen die Besitzer der betroffenen Autos den Betrag selbst aufbringen, um die Fahrzeuge in einen vertragsgemäßen Zustand zu bringen. Das könnte bald wichtig werden, da ganz konkret die Voraussetzungen erfüllt seien, einen Widerruf der europaweiten Zulassung durchzusetzen. Daimler wies diese Gefahr allerdings zurück und betonte, dass das zuständige Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) bisher keinen Anlass zur Stilllegung betroffener Baureihen gesehen habe.

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Diesel-Skandal bei Daimler: Eine Million Fahrzeuge betroffen

Der Fall beschäftigt Daimler schon seit einiger Zeit - anfangs nur in den USA, seit Ende März 2017 ermittelt aber die deutsche Justiz wegen Verdachts des Betrugs und der strafbaren Werbung gegen Mitarbeiter. Zwei sind namentlich bekannt, hinzu kommen weitere unbekannte, wie die Ermittler am Donnerstag, 14. Juli 2017, bestätigten. Ende Mai 2017 war es an zahlreichen Daimler-Standorten zu Razzien von Polizei und Staatsanwaltsschaft gekommen, um Beweismaterial zu sichern, welches den Verdacht der Ermittler erhärten könnte. Der Vorwurf des Betrugs und der strafbaren Werbung im Zusammenhang mit der Manipulation der Abgasnachbehandlung an Diesel-Pkw wiegt schwer. Wie die Stuttgarter Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt Baden-Württemberg im Mai mitteilten, war ein Großaufgebot von 23 Staatsanwälten und 230 Polizisten am Einsatz beteiligt gewesen. So seien im Rahmen der Razzien insgesamt elf Objekte in Baden-Württemberg, Berlin, Niedersachsen und Sachsen durchsucht worden, der Fokus lag bei der Sicherstellung "beweiserheblichen" Unterlagen und Datenträger. Daimler selbst ließ über seine Rechtsabteilung mitteilen, dass man im Rahmen der Durchsuchungen "vollumfänglich" mit den Behörden koopierieren wolle. Weitere Angaben wollte der Hersteller hinsichtlich des laufende Ermittlungsverfahren nicht machen. Eine Daimler-Sprecherin sagte dazu: "Wir kooperieren vollumfänglich mit den Behörden. Spekulationen kommentieren wir nicht."

 

Gutachten der Grünen macht Druck auf Hersteller

In Auftrag gegeben wurde das Gutachten von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, die sich nun bestätigt sieht und eine deutliche Reaktion der Bundesregierung fordert. Diese müsse endlich dafür sorgen, dass sich Autobauer nicht unter Vorwänden und somit illegal um die Erfüllung von Grenzwerten drücken können. Beim Verband der Automobilindustrie (VDA) bewertet man das Gutachten deutlich entspannter, denn dieses stelle "keinen neuen Sachstand" dar. Schon vor Monaten hatte Frontal 21 berichtet, dass diverse Diesel-Modelle bei Praxistests auf der Straße deutlich zu hohe Stickoxid-Emissionen verursachen. Hersteller rechtfertigten diese Messungen unter anderem mit Verweisen auf den Motorschutz und eine Messung außerhalb der vorgeschriebenen Rahmenbedingungen. Bei Tests der Fahrzeuge unter Laborbedingungen wurden die Grenzwerte eingehalten. Auf Abschaltvorrichtungen im Sinne einer Prüfstandserkennung lassen die Unterschiede jedoch nicht schließen, aber ob die niedrigere Temperatur eine rechtfertigende Ausnahme darstellt oder nicht schätzen die beteiligten Autobauer und der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags offenbar unterschiedlich ein.

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Frontal 21 wirft BMW und Mercedes zu hohe NOx-Werte vor

Auch der Streit zwischen dem ZDF-Magazin Frontal 21 und den deutschen Premium-Autobauern BMW und Mercedes dauert an. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob es bei den teilweise eklatanten Unterschieden zwischen Labor- und Praxis-Emissionen eine legale Grauzone gibt oder nicht. Laut einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags ist das nicht der Fall, vielmehr ist es demnach grundsätzlich als illegal zu bewerten, wenn Grenzwerte unter realen Bedingungen um ein Vielfaches überschritten werden. Konkret geht es um die Stickoxid-Emissionen (NOx) von Diesel-Motoren, um die sich auch der Abgas-Skandal bei Volkswagen dreht. BMW und Mercedes argumentieren, dass die Maßnahmen zur Abgasreinigung beispielsweise bei niedrigen Temperaturen abgeschaltet oder reduziert werden, um den Motor zu schützen. Dies geschieht nach Ansicht von Frontal 21 allerdings bereits bei Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt, was nicht der Intension des Gesetzgebers entspreche. Laut dem zitierten Bundestags-Gutachten sei das Argument des Motorschutzes nur in Ausnahmesituationen zulässig, nicht aber völlig gewöhnlichen Temperaturen.

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